Dealer: Kritik zur französischen Netflix-Serie

Dealer: Kritik zur französischen Netflix-Serie

Netflix probiert was aus und präsentiert mit der französischen Drogen-Dramaserie Dealer aka Caïd ein recht formloses Found-Footage-Format. Wie bei einer Quibi-Produktion sind die Episoden dabei abweichend kurz.

Dealer (c) Netflix/Frenchkiss Pictures
Dealer (c) Netflix/Frenchkiss Pictures
© ealer (c) Netflix/Frenchkiss Pictures

Spätestens seit dem Welterfolg von Lupin mit Omar Sy ist Frankreich für Netflix zum Schlüsselmarkt geworden. Frühere Eigenproduktionen aus unserem Nachbarland im Westen waren beispielsweise Osmosis, La Revolution, Marianne, Joint Venture, Le chalet, Vampires, Mortel und natürlich Marseille mit Gerard Depardieu. Mit dem Drogendrama Dealer (im Original: „Caid“) kommt nun noch ein weiterer französischer Eintrag beim Streamingservice dazu.

Zehn Episoden sind in der Auftaktstaffel entstanden, die jeweils zwischen acht und 15 Minuten lang sind. Alles in allem ergibt sich somit ungefähr eine Spielfilmlänge - und tatsächlich kann man sich fragen, warum Dealer nicht einfach als Film veröffentlicht wurde. Vermutlich liegt es daran, dass 2017 bereits ein solcher Streifen von Ange Basterga und Nicolas Lopez erschien, auf den sich die Serie nun auch beruft. Umgesetzt wurde das Ganze wieder im sogenannten Found-Footage-Stil, den man normalerweise von Horrorgeschichten wie „Cloverfield“ oder „Blair Witch“ kennt.

Worum geht's?

Dealer folgt dem Musikvideoregisseur Franck (Sebastien Houbani) und seinem Kameramann - beziehungsweise folgen die beiden dem titelgebenden Dealer Tony (Abdramane Diakite), der sie einlädt, ihm und seiner Gang bei der Arbeit zuzusehen. Was verspricht sich der Verbrecher davon? Er will coole Aufnahmen, um seine Karriere als Rapper anzukurbeln. Könnte Tony mit Musik seinen Lebensunterhalt verdienen, nicht mit Drogen, würde er endlich wieder nachts schlafen. Aber wie schafft er den Ausstieg aus der kriminellen Unterwelt? Kehrt er dem Geschäft den Rücken, könnte schnell ein Messer drinstecken.

Dann ist da noch Moussa (Mohamed Boudouh), den Tony als seinen Bruder bezeichnet. Obwohl Tony einen Plattenvertrag angeboten kriegt, will Moussa ihn nicht gehen lassen, damit er seinen Traum leben kann. Außerdem muss Tony erst Frieden mit seinem Kontrahenten Steve (Idir Azougli) schließen. Dummerweise strotzt jedes Gespräch dieser Männer nur so vor Gewaltandrohungen und gezogenen Waffen. Kein Wunder, dass Franck und sein Partner immer wieder kalte Füße kriegen.

Dealer
Dealer - © Netflix/Frenchkiss Pictures

Wie ist es?

Hier deutet sich der erste Kritikpunkt zur Serie an: Vergleicht man Dealer zum Beispiel mit dem HBO-Klassiker The Wire, der ebenfalls im Dokustil gedreht wurde, um die Drogenszene möglichst authentisch darzustellen, fällt auf, wie humorlos und damit unecht der Umgang unter den Dealern wirkt. Auch Franck sagt an einem Punkt, dass sie dringend auch mal ein paar lächelnde Gesichter filmen müssten. Klar steht man in einem solchen Job vermutlich ständig unter Strom, aber gerade dann sollten Blödeleien doch als Spannungsbrecher dienen. Farblosigkeit beschreibt diesen Problempunkt wohl am ehesten.

Und farblos sind auch die Figuren, mit Ausnahme vielleicht von Tony selbst, der als Figur aber ebenfalls einem Archetypen entspricht. Zumal ausgefallene Klamotten noch keinen spannenden Charakter machen. Auch hier schaut man wieder neidisch rüber zu The Wire, wo fast alle Akteure irgendwas Besonderes an sich hatten, wodurch sie eben wie echte Menschen wirkten. Aber vielleicht führt dieser Vergleich auch zu nichts, immerhin können und sollten sich nur die wenigsten Serien mit dem Meisterwerk von David Simon messen. Also lassen wir das lieber...

Stilistisch ist Netflix' Dealer gut gelungen. Zwar übersteigen die Bilder das Found-Footage-Format ab und zu, aber man sollte sowieso nicht versuchen, sich einzureden, dass alles, was wir sehen, ganz real ist. Völlig undenkbar, dass Kriminelle einfach eine Kamera auf sich richten lassen würden, die Bewegtbildbeweise ihrer Taten festhalten. Ignoriert man diesen Logikfehler, macht die Serie aber trotzdem manchmal richtig Spaß.

Verzichten können hätte man darauf, am Anfang jeder Episode Openings Credits und am Ende einen Abspann abzubauen. Gerade weil die Folgen so kurz sind, reißen einen die Titelkarten immer wieder aus der Welt, die ja eigentlich ganz lebensnah gezeigt werden soll. Ohnehin scheint die Quibi-artige Einteilung des Stoffes etwas absurd, aber der Grund dafür liegt wie gesagt vermutlich in der Tatsache, dass man Dealer nicht als Film veröffentlichen wollte, weil es einen Film bereits gab.

Ob Franck und Tony in der Tradition des Found-Footage-Genres am Ende den Löffel abgeben, lassen wir an dieser Stelle natürlich offen. Jeder oder jede, für den oder die die französische Netflix-Serie Dealer nur annähernd interessant erscheint, sollte einfach einen Blick reinwerfen. Der Pilot mit dem schönen Titel Spielberg dauert übrigens nur neun Minuten.

Hier abschließend noch der Trailer zur Netflix-Serie Dealer:

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