Davos 1917: Johanna - Review der Pilotfolge der Spionage-Miniserie in der ARD

© SRF/ARD Degeto/Amalia Film/Contrast Film/Letterbox Filmproduktion/Pascal Mora
Was passiert in der Serie „Davos 1917“?
1917: An der Westfront toben die zermürbenden und verlustreichen Stellungsschlachten des Ersten Weltkrieges. Im schweizerischen Luftkurort Davos dagegen tummeln sich im „Curhaus Cronwald“ nicht nur die Schönen und Reichen, sondern auch alles, was in der Agentenwelt der kriegsführenden Mächte Rang und Namen hat. Als die Tochter des Kurhausbesitzers Johanna Gabathuler (Dominique Devenport, Sisi), die als Krankenschwester an der Front gedient hat, nach Davos zurückkehrt, gerät sie zwischen die Fronten der deutschen Spionin Ilse von Hausner (Jeanette Hain) und ihren alliierten Gegenspielern und damit in ein Geflecht aus Täuschung, Manipulation und Lügen, das bald die ersten Opfer fordert.
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Die teuerste Fernsehserie der Schweiz
In der Schweiz ist man auf die heimische Historienserie, die in Zusammenarbeit mit ARD Degeto entstand, offenbar sichtlich stolz. Mehrere renommierte Blätter wie die NZZ berichteten dieser Tage von Besuchen am Set und darüber, wie opulent die ersten sechs Episoden des Spionagedramas ausgestattet sind. Bei einem Budget von 18 Millionen Euro, für schweizerische und selbst deutsche Verhältnisse durchaus üppig, ist es verständlich, dass Davos 1917 im Heimatland des Skript-Schreibers Adrian Illien eine Art Hype auslöst.
Tatsächlich kann sich die Ausstattung sehen lassen. Die Kostüm- und Szenenbildner haben sehr gute Arbeit geleistet und lassen die Zeit des Ersten Weltkrieges verhältnismäßig authentisch vor dem Auge des Publikums auferstehen. Hinzu kommt die imposante Kulisse der Davoser Berglandschaft und das Berghotel Schatzalp, das als Drehort diente und den Charme der Vergangenheit atmet.
Die Story

Was den Inhalt der Pilotepisode angeht, darf man diesen hingegen schon etwas differenzierter betrachten. Die erste Hälfte der insgesamt 47 Minuten Laufzeit dienen der Vorstellung der Hauptfigur und ihrer Lebensumstände. Johanna, so erfahren wir, ist eine jener Frauen, die freiwillig als Krankenschwestern an der Westfront auf deutscher Seite dienten und nun schwanger zurück nach Davos kommt. Ihr Verlobter, ein deutscher Soldat, ist gefallen und so entscheiden ihre reichen Eltern über ihren Kopf hinweg, ihr ihre Tochter direkt nach der Geburt wegzunehmen und in die Obhut einer Bauernfamilie zu geben.
Die Serie zeichnet das Bild einer intelligenten und begabten Krankenschwester, die aber nicht in der Lage ist, der Macht ihrer Familie und den zeitbedingten Fesseln des Patriarchats zu entkommen. Ihre Mutter nennt sie eine „Kriegshure“ und ihr Vater will sie gegen ihren Willen mit dem einflussreichen, arroganten Großrat Thanner (Sven Schelker) verheiraten.
Johanna versucht diesem Schicksal irgendwie zu entkommen und will mit ihrer Tochter fliehen. Als die Patientin Gräfin Ilse von Hausner ihr einen Brief zukommen lässt, in dem sie ihr mitteilt, sie wisse, wo ihre Tochter ist, schöpft die junge Frau indes Hoffnung.
Allerdings stellt sich bald heraus, dass Hausner eine Art Mata Hari ist. Ihre Aufgabe ist es, im Kurhaus die illustren Gäste, darunter auch den einflussreiche britische General Taylor (Cornelius Obonya), der für den Geheimdienst des Kaisers besonders interessant ist, auszuspionieren.
Die Szenen, die Hausers wahre Identität preisgeben, sind spannungsvoll inszeniert und dank einer netten Verfolgungsjagd im Schnee mit einem Schuss Action unterlegt. Die sich daraus ergebende Rekrutierung Johannas ist gut in die Vorstellung der Antagonistin integriert und gewährt zudem weitere Einblicke in ihre Charakterisierung.
Damit entpuppt sich „DAVOS 1917“ als ein unterhaltsamer Mix aus Spionage-Thrillerserie, Familien-Dramaserie und einer Prise Charite, weil es sich weder das Drehbuch noch die Kamera nehmen lässt, die medizinische Kompetenz Johannas des Öfteren in den Vordergrund zu rücken.
Im Hinblick auf die sich anbahnende Beziehung zwischen ihr und dem sympathisch von David Kross gespielten Dr. Mangold macht dies allerdings durchaus auch Sinn. Mangold unterscheidet sich von den meisten anderen Männern in der Serie durch seinen vorurteilsfreien Blick auf die talentierte Krankenschwester. Wie sich Mangold weiter in die Spionagegeschichte einfügt, muss sich allerdings im Verlauf der Staffel noch zeigen.
Kleine Ärgernisse

Dass zu wenig passieren würde, kann man der Pilotepisode von „DAVOS 1917“ also nicht vorwerfen. Trotzdem wirken die ersten 45 Minuten stellenweise letztlich doch etwas bemüht und manchmal sogar schwerfällig, vor allem dann, wenn sich der Blick auf Johannas Familie und die angeschlagene Situation des „Curhaus Cronwald“ richtet. Der Einstieg in die Serie ist fraglos interessant, am Tempo könnte allerdings noch ein wenig geschraubt werden.
Abgesehen davon gehen einige historische Ungenauigkeit zulasten zumindest des geschichtsaffinen Publikums. Wenn die Gräfin beim Abend-Champagner beispielsweise sagt, dass die Schlacht an der Somme eine Millionen Tote gekostet hätte, ist dies schlichtweg sachlich falsch. Richtig ist vielmehr, dass sich die Verluste inklusive Verletzter auf ungefähr diese Zahl eingependelte. Laut einiger Zeitungsberichte dichten die Serienmacher zudem auch Lenin eine Reise nach Davos an, die allerdings nie stattgefunden hat.
Adrian Illiens in der Neuen Zürcher Zeitung getätigte Aussage, dass im Idealfall Recherche Klischees verhindere, ist insofern in mehrfacher Hinsicht mit Vorsicht zu genießen. Tatsächlich arbeitet die Serie sehr wohl mit dem Klischee des Deutschen Reiches als alleinigen Kriegstreiber. Die Situation war indes im Gegensatz zum Beginn des Zweiten Weltkrieges 1914 wesentlich komplexer und wird von heutigen Historikern ungeachtet des Versailler Vertrages differenzierter betrachtet.
Als weiterer dramaturgischer Grobschliff lässt sich die Rolle der Gräfin beurteilen, die auf der deutschen Spionin Elsbeth Schrägmüller beruht. Die Quellenlage zu der von den Alliierten „Mademoiselle Docteur“ getauften Geheimagentin im Rang eines Oberleutnants ist so dünn, dass sich die Handlung wohl eher als romantisierende Vorstellung im Sinne des Mata-Hari-Mythos ausnimmt.
Allerdings war Mati Hari, dessen Führungsoffizierin Schrägmüller tatsächlich war, nie die eiskalte, und höchst erfolgreiche Doppelspionin, zu der die sie in der medialen Welt später stilisiert wurde. Dem Handlungsbogen tun solche und einige weitere Ungenauigkeiten und Klischees allerdings keinen großen Abbruch, so dass sich die erste Episode insgesamt dann doch recht unterhaltsam ausnimmt und die Vorfreude auf die restliche Staffel schürt.
Fazit
Wer bei Davos 1917 eine historisch akkurate Aufarbeitung der Zeit des Ersten Weltkrieges erwartet, wird sicherlich enttäuscht werden. Doch das ist auch gar nicht das Ziel der Serie. Vielmehr will die erste Staffel eine spannende und dramatische Spionagegeschichte vor einer historischen, imposanten Kulisse erzählen, die aufgrund des neutralen Status der Schweiz eine Menge Konfliktpotential in sich birgt.
Abgesehen von der einen oder anderen kleinen Länge im Mittelteil scheint dieser Anspruch erfüllt zu werden. Die aus Sisi bekannte Dominique Devenport macht ihre Sache als zunächst unfreiwillige Spionin Johanna ausnehmend gut, die Ausstattung ist üppig und hinterlässt einen hochwertigen Eindruck, und die Geschichte verspricht einen stetig steigenden Spannungsbogen. Doch auch, wenn historische Genauigkeit nicht unbedingt auf der Agenda der Serienmacher stand: eine ausgiebigere Recherche hätte Serie noch mehr Glaubwürdigkeit verliehen.
Vier von fünf Punkten.