Das letzte Wort: Review der Pilotepisode

© nke Engelke in Das letzte Wort (c) Netflix
Trauer in Serien ist wie im echten Leben oft ein Nischen- und Tabuthema. Abseits von Six Feet Under, Der Tatortreiniger oder After Life spielt das Thema zwar oft eine Nebenrolle, aber selten die Hauptrolle, während der Tod an sich eigentlich allgegenwärtig ist. Verständlich, denn wer will sich denn auf Dauer mit den Folgen von Tod und Verlusten von geliebten Menschen befassen? Die neue deutsche Netflix-Produktion Das letzte Wort mit Anke Engelke in der Hauptrolle, deren Grundidee von Aron Lehmann stammt, tut dies dennoch. In zunächst sechs Episoden geht es um Menschen, die Verluste verkraften müssen. Die von Engelke gespielte Karla Fazius und ihre Familie bilden keine Ausnahme.
Du bleibst jetzt hier und wir bumsen, als wären wir 24
Zu Beginn der Serie feiern Karla und ihr Gatte Stephan (Johannes Zeiler) mit einer großen Feier ihre Silberhochzeit. Das heißt, dass sie seit 25 Jahren - wie es scheint - glücklich zusammenleben. Karla widmet dem Ehemann ein sehr fröhliches und detailreiches Lied zum Jubiläum. Doch, als die Gäste das nicht zu schätzen wissen, erleidet sie eine Krise und verzieht sich ins Schlafzimmer. Stephan sieht sofort nach ihr. Die Party wird beendet und man will sich lieber einander widmen und Sex haben. Vorher müssen noch die Gäste verabschiedet werden und der Sohn Tonio (Juri Winkler) fragt den Vater um Erlaubnis, an einer Reise teilzunehmen. Als er dafür eine Abfuhr erhält, reagiert er so, wie trotzige Teenager es nun durchaus mal tun: mit vielen Schimpfworten in Richtung des Vaters. Zu diesem Zeitpunkt kann aber niemand ahnen, dass es das letzte Gespräch der beiden werden soll. Denn, bevor man sich dem Schmusen widmen kann, bricht Stephan am Esstisch zusammen, was Karla zunächst nicht begreift, auf ihn wartet und weitere Späße reißt, ehe der Ernst der Lage klarwird. Stephan ist tot und nichts ist mehr, wie es war.

Die Auftaktfolge zeigt anschließend, welche Schritte eingeleitet werden müssen: von der Kontaktaufnahme mit dem Bestatter bis zur Planung der Beerdigung. Sieht es anfangs nach einer Feier des Lebens aus, kommt mit der Zeit einiges ans Licht, was die Familie nicht wusste. Etwa, dass er in den letzten zwei Jahren deutlich weniger als Zahnarzt gearbeitet hat, weshalb wiederum das Familienbudget knapp bemessen ist und Ersparnisse kaum vorhanden sind. Doch so eine Beerdigung ist teuer. Auch Tochter Judith (Nina Gummich) kommt deswegen zurück nach Hause und versucht, der Mutter und dem Bruder zu helfen, denn je mehr Karla erfährt, desto mehr zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück. Bis die Trauerfeier deutlich zurückgefahren werden muss und nur noch das Nötigste aufgefahren wird.
Bestatter Andi Borowski (Thorsten Merten) hatte anfangs nämlich Hoffnung, dass das kriselnde Geschäft durch diesen Auftrag aufblühen könnte. Sein Familienbetrieb hat zwar Tradition, aber die Konkurrenz, die Kette Eitner, ist auf Expansionskurs. Als er dann bei der Beisetzung auch noch die Trauerrede halten muss, sorgt ein Versprecher dafür, dass Karla Fazius aus ihrer Lethargie gerissen wird und die Chance erhält, das Lied für ihren Mann zu vollenden. Sie ist zwar emotional und finanziell am Boden zerstört, sieht aber die Chance auf einen Neustart als Trauerrednerin und möchte dies in Zusammenarbeit mit Borowski probieren.
Gestorben wird immer

Die Macher von Das letzte Wort entscheiden sich für einen klugen Schachzug. Denn statt das einstündige Format todernst aufzuziehen, lockern sie es doch an den passenden Stellen mit Humor auf, was sich alleine schon wegen Engelkes Talent für schwarzen Humor anbietet, welches sie zuletzt auch in Pastewka zeigen durfte. Gleichzeitig schafft man es aber, die völlig realen Momente des Verlusts und des Abschieds auf glaubhafte Weise einzufangen. Die einzelnen Familienmitglieder gehen derweil völlig unterschiedlich mit dem Verlust um, was ebenfalls glaubhaft porträtiert wird.
Während Karla anfangs Galgenhumor an den Tag legt und versucht, der Fels in der Brandung zu sein, holt sie die Realität doch bald ein und die Gedanken und Themen, die sie bisher beiseitegeschoben hatte, holen sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Besonders finanzielle Fragen, Rücklagen und Ersparnisse sind hier ein Thema, das sicher vielerorts zu lange ignoriert wird. Vor allem, wenn man sich blind auf einen Partner verlässt und keine Absprachen trifft oder Sicherheiten in Stellung bringt. 25 Jahre Ehe können doch so schnell vergehen und harmonisch erscheinen, bergen aber in dieser Serie eben doch Geheimnisse und Schattenseiten, mit denen die Familie nicht gerechnet hat. Da hilft es auch nicht, wenn der Zahnarzt noch mit dem Namen auf dem Praxisschild steht, sich aber insgeheim doch als Künstler auslebt und die Familie so ein Stück weit im Stich lässt. Normale Familien, die gerade mal so über die Runden kommen, hätten es im Ernstfall natürlich noch viel schwerer, was die Serienmacher damit den Zuschauern recht subtil vor Augen führen.
Die Dialoge der Figuren sind zwar stellenweise auf Pointen getrimmt, wirken aber dennoch natürlich. Tonio als Jugendlicher und der Familienumgang untereinander wirken - für meine Ohren - authentisch und wenig glatt gebügelt. Tonio versteckt sich hinter seinem Smartphone sowie seiner Musik und will damit den Problemen aus dem Weg gehen. Zudem bedrückt ihn, dass sein letztes Gespräch mit seinem Vater so negativ war, was man ebenfalls gut nachvollziehen kann. Judith versucht derweil, ihr eigenes Leben zu leben und wird doch wieder zurückgezogen. Ihr gelingt es fast am besten, den Verlust zu verkraften, wobei es auch um sie herum eine Abschiedsszene gibt, die einfach nur menschlich ist und die zeigt, dass es eben eine große Herausforderung ist, einen Elternteil plötzlich zu verlieren. Auch die Frage der Schuld wird aufgeworfen und ob sie mehr hätte (für die Familie) da sein müssen. Diese Andeutungen sind allesamt spannend und bringen letztlich Ansätze, die vielleicht in weiteren Episoden noch vertieft werden.

Bestatter Borowski bringt derweil die Menschlichkeit zu seinem Berufsstand. Auch wenn er anfangs recht verzweifelt gezeigt wird, merkt man doch recht schnell, warum er zu kleinen Tricks greift, denn die Konkurrenz schläft nicht und kann durch ihre Firmengröße wahrscheinlich viel flexibler agieren als das Zwei-Mann-Unternehmen, das er leitet. Die Einblicke in Prozesse, wie zum Beispiel die Organisation und die Individualisierung von Bestattungen, aber auch die maschinellen und bürokratischen Abläufe, etwa bei einer Feuerbestattung, sind ebenfalls faszinierend und morbide zugleich. Beim Schauen musste ich einen Spagat ausführen zwischen Neugier, Zwangsvoyeurismus, Unterhaltung und Mitgefühl (und einer Prise Fremdscham), was wohl nicht jeder Serie auf Anhieb gelingt.
Zwiegespalten bin ich, ob ein solches Format für Binge-Watching geeignet ist. Persönlich denke ich fast, dass eine oder zwei Episoden am Stück reichen und ich bin auch dankbar dafür, dass die Staffel mit sechs Folgen überschaubar ausfällt.
Fazit

Ich halte den Auftakt von Das letzte Wort durchaus für gelungen und sehe eine breite Themenpalette schon hier abgedeckt, so dass ich gespannt bin, wie man das in den fünf weiteren Folgen ausbauen kann. Eine Befürchtung meinerseits ist, dass die weiteren Folgen natürlich niemals so persönlich sein können wie der Tod Stephans. Allerdings hat Six Feet Under bewiesen, dass das Thema eine Serie relativ lang und ausführlich tragen kann. Ich bin zudem gespannt, ob man der Serie ein befriedigendes Ende schenken kann. Mehr als den Auftakt konnte ich bisher nicht schauen, werde das aber nachholen.
Hier abschließend noch der offizielle Trailer zu „Das letzte Wort“: