
Gerade, als man denkt, dass man es bei Cult womöglich mit der schlechtesten Serie der Geschichte zu tun bekommt, setzt der Twist ein: Der Zuschauer folgte in der Anfangssequenz nicht tatsächlich der Ermittlerin und Ex-Sektenanhängerin Kelly Collins in ihrem Kampf gegen einen diabolischen Oberguru. Bei der hübschen Blondine, die sich durch pathetische Dialogzeilen und Häuser mitsamt Grusel-Puppen-Dekor kämpft, handelt es sich eigentlich um die Schauspielerin Marti Gerritsen (in der echten, echten Realität gespielt von Alona Tal), die in der beliebten Serie „Cult“ mitwirkt. Um weiteren Wirrungen vorzubeugen, wird die Serie innerhalb der Serie hier künftig als „Alona-Cult“ betitelt.
Cult
Die euphorischen Stimmen der Fernsehzuschauer, die das Geschehen von „Alona-Cult“ gemeinsam in einem Fancafé verfolgen, reißen einen aus der geradezu lächerlichen ersten Erzählebene in eine weitere, in der die Protagonisten Jeff Dean Sefton (Matthew Davis, The Vampire Diaries) und Skye Yarrow (Jessica Lucas, Melrose Place) beheimatet sind.
Erst muss aber der nervöse Ex-Junkie Nate (James Pizzinato) unter mysteriösen Umständen verschwinden, um seinen Bruder Jeff aktivieren zu können. Weil dieser an Nate und seiner Theorie über eine allzu fanatische Anhängerschaft von „Alona-Cult“ gezweifelt hatte, fühlt er sich nun schuldig genug, um sich einzumischen. Jeff ist nicht nur attraktiver als sein Bruder, sondern hatte im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeiten bereits Erfahrungen mit Mordfällen gesammelt. Die beiden Attribute und sein ausgesprochener Makel, die Bösen schon einmal mit nicht ganz sauberen Mitteln dingfest gemacht zu haben, prädestinieren ihn für die Rolle des Helden. Jeff steht die nicht minder attraktive Skye zur Seite. Sie arbeitet als Recherchekraft für „Alona-Cult“, kann die von Handys gelöschten Inhalte innerhalb von Sekunden wiederherstellen und beweist wie Nate den richtigen Riecher in Bezug auf die reale Gefolgschaft des fiktiven Bösewichts Billy Grimm (der eigentlich Roger Reeves heißt und von Robert Knepper porträtiert wird).
Die Serie in der Serie
Die offenkundige Überinszenierung von „Alona-Cult“ ist durchaus gelungen. Wenn ein Eingemauerter nach seinem obligatorischen Auftritt als Erschreckelement sofort verstirbt, nachdem er den letzten entscheidenden Hinweis von sich gegeben hat, werden einem dadurch auch gängige Makel aus so manch anderer Serie vor Augen geführt.
Die Serie
Leider wirkt auch die Rahmenhandlung von Cult zeitweise so, als handele es sich dabei um eine unfreiwillig humorige Auseinandersetzung mit sich selbst. Es ist zum einen nicht leicht, jemanden ernst zu nehmen, der „Alona-Cult“ mit den Worten „It's not like any other show. Totally gets under your skin.“ beschreibt. Aber immerhin ist der Sender The CW neben „Cult“ auch für „Alona-Cult“ verantwortlich und überhaupt. Pathetische „Cult“-Sätze wie „I know what it is like to have somebody you love go missing“ hätten jedenfalls ebenso aus dem innerseriellen Format stammen können.
Neben den Dialogen hapert es auch ganz gewaltig an der Logik von „Cult“. Wenn ein Mann spurlos verschwindet und einzig eine beachtliche Blutlache zurückbleibt - selbst wenn es sich bei ihm „nur“ um einen Drogensüchtigen handelt -, sollte die Spurensicherung dann nicht zumindest die vielversprechenden Papiere und/oder dessen Handy konfiszieren?

Jeff stößt so jedenfalls bei seinen Nachforschungen in Nates unversiegelter Wohnung auf eine CD. Sie war zwischen zwei Papierseiten von dessen Notizbuch hinter der Zeichnung eines Portraits der beiden Brüder so unwahrscheinlich clever versteckt, dass wirklich ausschließlich Jeff sie hätte finden können. Zu allem Überfluss weist er auch noch verbal auf diesen Geniestreich hin. Ach ja, und Nate wollte zwar, dass die CD gefunden wird, nicht aber, dass sein Bruder sie in einen Computer einlegt. Weil Jeff das aber nicht intuitiv kapiert, katapultiert er sich in die Schusslinie der Follower von dem durchaus unangenehm wirkenden Billy Grimm oder Roger Reeves oder vielleicht nicht doch von Robert Knepper selbst? Auf jeden Fall soll Jeff das nächste Opfer sein. Doch wider Erwarten trifft es erst einmal irgendeinen Mann, der zuvor dauernd am Set von „Alona-Cult“ telefoniert hat.
Es hört nicht auf
Die sektenartigen Anhänger von Grimm entführen und töten. Außerdem begehen sie lieber Selbstmord, als ihren Anführer zu enttäuschen. Dabei überschneidet sich die Handlung von „Alona-Cult“ immer wieder mit dem Treiben der Fanatiker in der Realität.
Ein wunderhübsches Model aka starrende Kellnerin aka starrende Schaulustige gehört ebenso zu den Bösen wie die Polizistin Sakelik (Aisha Hinds), die die Ermittlungen im Fall des verschwundenen Nate vorantreibt. Aber warum outet sich die Gesetzeshüterin ausgerechnet durch ein Sektentattoo? Auf dem Unterarm? Damit verliert Sakelik schon fast wieder den Bonus, den sie alleine dadurch innehat, dass man sie dank ihrer Frisur und der Hautfarbe gut von den anderen Schauspielern unterscheiden kann.
„Well, hey, these things just snap right off“, sagt Nates Freundin Miriam, bevor sie sich - genau wie einer der Darsteller im „Alona-Cult“ - selbst erschießt. Was es mit diesen Worten, dem mysteriösen Serienschöpfer Stephen Rae und weiteren - nur mit 3D-Brillen zu erkennenden - Geheimnissen auf sich hat, werden die Zuschauer wohl früher oder später erfahren. Wenn sie denn weiter zu den „Followern“ von Cult gehören sollten...
Fazit
Das Konzept der Serie innerhalb der Serie ist aufgrund der Doppelungen zwar unangenehm zu beschreiben, trägt jedoch ein nicht zu unterschätzendes Potential in sich. Leider verschwimmt aufgrund der qualitativen Makel aber die Abgrenzung zwischen der etwas künstlicher in Szene gesetzten Serie „Alona-Cult“ und dem Rest des Formates.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Serie in den zukünftigen Episoden noch wahrlich spannende Begebenheiten bevorstehen. Geduldige Zuschauer können sich ja so lange mit der Attraktivität der Schauspieler über Wasser halten. Doch dass bald überall Kneipen eröffnet werden, in denen sich die Menschen zusammenfinden, um mit loderndem Enthusiasmus Nachforschungen über Cult anzustellen, ist definitiv zu bezweifeln.