Crims 1x06

© ZDF und SLM; Gaumont; Roman Lisovsky / FeedMee
Das passiert in der neuen Serie „In Her Car“
Einen Tag vor der russischen Invasion der Ukraine: Die Psychologin Lydia ist in In Her Car gerade mit ihrem Auto nach Charkiw unterwegs, um sich von ihrem treulosen Mann scheiden zu lassen, als ihr Olga an einem Busbahnhof über den Weg läuft. Sie beschließt, die junge Frau mitzunehmen. Auf der Fahrt kommen sich Lydia und Olga näher, doch plötzlich explodiert hinter ihnen eine Bombe: Die Russen haben einen Großangriff auf die Ukraine gestartet.
Trotz der Gefahren fährt die Psychologin ihre Beifahrerin in ihr Heimatdorf, doch als sie dort ankommen, ist das Haus der Familie zerstört. Wie durch ein Wunder hat Olgas Schwester überlebt. Dieses Ereignis motiviert Lydia; von nun an bringt sie als freiwillige Kurierfahrerin Menschen in Not an die Grenze und damit in Sicherheit. Auf den langen Fahrten erfährt sie viele private Details über ihre Mitfahrenden und gibt auch manches Geheimnis über sich preis.
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Beeindruckend erzählt

„In Her Car“ ist mitreißend, erschütternd, bedrückend und zu Tränen rührend. Besonders beklemmend ist dabei die Tatsache, dass sich Lydias Geschichte seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 zweifellos so oder so ähnlich schon hunderte Male in der Realität abgespielt haben dürfte. Denn zu Heldinnen und Helden werden in bewaffneten Konflikten nicht nur Soldatinnen und Soldaten, sondern oft genug auch Zivilisten, die es sich mit aufopfernder Selbstlosigkeit und Courage zum Ziel gesetzt haben, ihren Mitmenschen zu helfen. Damit erweist sich die bisher fünfteilige Serie als ein Antikriegsdrama der besonderen Art.
Während Lydia ihre Fahrgäste aus gefährdeten Gebieten zur polnischen Grenze bringt, offenbart sich das ganze Drama des Krieges im Zwiegespräch der Protagonisten auf eine höchst menschliche Art. Im Vordergrund stehen nicht die Taten der einen oder anderen Seite, sondern die Vergangenheit der Figuren, die allesamt ihr Päckchen zu tragen haben. Im ersten Teil begegnet Lydia Olga, die sich unversöhnlich mit ihrer Schwester zerstritten hat, doch nach den ersten Angriffen zurück ins Heimatdorf will, um nach ihr zu suchen.
Im zweiten Teil trifft die Psychologin wiederum ihren Exmann, der sie dazu zwingt, seine Geliebte nach Polen zu bringen. Auf der Fahrt zur Grenze stellt sich dann heraus, dass er heimlich Lydias Unterschrift fälschte, um für die gemeinsame Stiftung der beiden Gelder aus Russland zu bekommen. Damit entpuppt er sich nicht nur als Kollaborateur, sondern auch als Gauner, der die Frauen gnadenlos ans Messer liefern würde.
Leben im Krieg
Andererseits erfährt sie, dass seine Geliebte Inga ebenfalls ein schweres Schicksal zu tragen hat. Sie stammt aus Luhansk und hat die Einnahme ihrer Heimatstadt durch die von russischen Truppen unterstützten Separatisten miterlebt. Während des Gespräches der beiden Reisenden stellt sich außerdem heraus, dass Ingas Mutter im selben Bus saß wie ihre Schwester, als dieser durch eine Bombe zerfetzt wurde. Nach und nach offenbaren sich die Kurierfahrten somit als ein Trip ins Innerste der Reisenden, die trotz ihrer oberflächlichen Unterschiede mehr verbindet als trennt.
Die Erzählweise ruft dabei bisweilen ironischerweise Erinnerungen an Filme wie den sowjetischen Klassiker „Stalker“ von Andrei Tarkowski wach, zumal sie sich in der Regel auf zwei, manchmal auch auf drei Figuren beschränkt, die die Handlung der zwar kurzen, aber intensiven jeweiligen Episode tragen. „In Her Car“ erreicht damit das gesteckte Ziel des Mitfühlens, Mitdenkens und Miterlebens des Publikums auf geradezu beeindruckende Weise.
Um die dialoggetriebenen Episoden visuell und erzählerisch ein wenig aufzulockern oder auch das dramatische Element weiter hervorzuheben, streuen die Serienmacher immer wieder „ganz alltägliche“ Kriegserlebnisse ein. Es mag in Frieden lebenden Menschen grotesk erscheinen, wenn Inga in der Schlange an der Grenze mit ihrem Schoßhündchen Gassi geht, während schwer bewaffnete Soldaten im Hintergrund patrouillieren. Doch wie die Serie eindrücklich zeigt, bedeutete Krieg für die Zivilbevölkerung immer auch, sich ein Stück Normalität zu bewahren, sofern dies möglich ist. Als Kontrast dazu steht indes die Verzweiflung der Mitreisenden, wenn sie schockierende Nachrichten erhalten, oder wir in Rückblenden auf die einst unbeschwerte Vergangenheit der nun Flüchtenden stoßen.
Zur Technik
Die Tonlage der Serie ist passend zum Szenario trist, wird aber andererseits von den Hoffnungen der Protagonisten geprägt. Die Dialoge sind psychologisch vielschichtig und die minimalistische, kammerspielartige Inszenierung sorgt dafür, dass sich das Publikum voll auf den Austausch zwischen Lydia und ihren Mitfahrenden einlassen kann. Die Kameraführung und Schnitttechnik bleiben dicht an den Akteuren, wobei die Kamera während der Fahrten oft von außen durch die Windschutzscheibe ins Fahrzeug späht, um die Dialoge mit den meist auf dem Rücksitz mitfahrenden Personen zu dokumentieren.
In anderen Situationen, beispielsweise, wenn das Auto vollbesetzt ist, arbeitet Kameramann Volodymyr Ivanov gerne mit over the shoulder shots, wobei die Figuren dann im medium Close-up zu sehen sind. Die Zuschauenden erleben die Szenerie zudem oft durch Lydias im Rückspiegel zu sehende Augen mit, während der Blick der Kamera ansonsten auf neblige, dunkle, trübe oder verregnete Straßen gerichtet ist.
Fazit

„In Her Car“ dürfte kaum jemanden kaltlassen. Lydia ist eine Heldin ohne Heldenstatus, die anderen hilft, obwohl sie selbst Schreckliches erlebte. Die fünf Episoden sind nach den Lieblingsmärchen ihrer im Krieg getöteten Schwester benannt, die sie einst für Lydia auf eine CD aufgenommen und ihr geschenkt hat. Jener Tonträger hält die ansonsten für sich stehenden Episoden wie ein Band zusammen. Die aus dem Off vorgetragenen Passagen sind beklemmend und erinnern uns daran, dass jedes gewaltsam beendete Leben im Krieg ein verschwendetes Leben ist. Hinter jedem Getöteten steckt mehr als nur ein Name, denn jede Person hat ihre eigene Geschichte. Sie liebte, litt, erlebte Trauer und Freude und wollte nichts weiter, als zufrieden und glücklich sein.
In „In Her Car“ erleben wir die Schrecken des Krieges von einer Seite, die in Antikriegsdramen bislang weitestgehend unbeleuchtet blieb. Nicht die Soldatinnen und Soldaten stehen im Mittelpunkt der Erzählung, sondern diejenigen, die den Bomben, Schüssen, Vertreibungen und der Gewalt hilflos ausgeliefert sind. Es geht um diejenigen, deren Hoffnung in den brennenden Trümmern eines zerstörten Hauses begraben liegen, deren geliebte Ehemänner, Frauen und Kinder irgendeinen sinnlosen Tod fanden oder vermisst werden. Die ukrainische Serie geht dieses bedrückende Thema ruhig, gefasst, mitfühlend und zwar patriotisch, aber nicht propagandistisch an.
Dafür gibt es von uns fünf von fünf Punkten.
Verfasser: Reinhard Prahl am Mittwoch, 21. Februar 2024(Crims 1x06)
Schauspieler in der Episode Crims 1x06
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