Criminal: Vereinigtes Königreich 1x01

© riminal (c) Netflix
Wir alle kennen es nur zu gut: das Procedural. Zumeist ganz klassische Krimiformate, in denen Episode zu Episode von den gleichen Charakteren neue Fälle der Woche untersucht und aufgeklärt werden. Das Genre ist gefühlt so alt wie das Fernsehen selbst und erfreut sich jenseits des Atlantiks nach wie vor großer Beliebtheit, wie ein Blick auf die erfolgreichsten US-Serien der letzten Monate offenbart. Sowohl TV-Macher als auch Zuschauer wissen eben, woran sie sind, wenn sie - und das eventuell einfach nur aus jahrelanger Gewohnheit - wöchentlich zu einem Titel zurückkehren, in dem sich die Prämisse in jeder Folge, wenn überhaupt, marginal verändert und man zwischen den unterschiedlichsten Kriminalfällen einem eingespielten Team beiwohnen darf, dessen Zusammensetzung sich über die Jahre kaum verändert.
Für die einen ist das eher langweilig und ein ausgeschöpftes Konzept, für die anderen ist es angenehm unkompliziert und übermittelt vielleicht sogar ein vertraut-wohliges Gefühl, das einen seit Jahren bei der Stange hält. Während die großen US-Networks und hierzulande die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nach wie vor auf Procedural-Serien (das müssen nicht einmal nur Kriminalgeschichten sein) setzen und damit insbesondere eine ältere Zuschauerschaft bedienen, ist das Genre bei den vielen Streaminganbietern, die sich mittlerweile auf dem Serienmarkt tummeln, noch nicht so recht angekommen. Dieses Feld hat man bisher größtenteils den „alten“ Marktteilnehmern überlassen, die „jungen Wilden“ brüsten sich vor allem mit hochkomplexen Produktionen, die sich mehr dem horizontalen als vertikalen Erzählen verschrieben haben. Doch das Streaming-Zeitalter ist ein Zeitalter der Experimente. Erzählformen verändern sich und werden angepasst, neuartige Methoden werden ausgetestet und was angestaubt ist, kann von jetzt auf gleich mit dem richtigen Kniff ganz frisch aufgelegt werden.
Siehe Criminal, das neue Krimi-Procedural-Anthologieformat von Netflix, das am heutigen Freitag, den 20. September seine Weltpremiere feiert. „Ausgerechnet Neflix!“, möchte man fast sagen - ein Unternehmen, das wie kein anderes in den letzten Jahren stark Einfluss darauf genommen hat, wie wir mittlerweile Serien konsumieren. Und eben dort, wo man sich nun eine solche Genreserie nach bewährter Formel ausgedacht und unter der kreativen Leitung von George Kay (Killing Eve) und Jim Field Smith (The Wrong Mans, Wrecked) in die Tat umgesetzt hat. Der besondere Clou dabei: Die zwölf Episoden der ersten Staffel von „Criminal“ werden von vier verschiedenen Produktionsteams aus Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland verantwortet. Eine jede Nation hat drei Episoden übernommen, präsentiert dementsprechend auch ganz eigene Besetzungen und Fälle, denen wiederum in ein- und demselben Verhörzimmer (zumindest optisch) nachgegangen wird.
Die Ermittler, die in ihrer jeweiligen Behörde einer Sondereinheit mit der Spezialisierung auf Verhör- und Befragungstechniken angehören, befinden sich teils mit der vermeintlich kriminellen Person im selben Raum oder es wird von außen via Einwegspiegel dem Gespräch gelauscht, gemeinsam an der Strategie der Vernehmung gefeilt oder vielleicht sogar direkt darauf Einfluss genommen. Die Zuschauer bekommen es indes pro Folge mit einem neuen Fall und einem neuen Angeklagten beziehungsweise Verdächtigen zu tun, während die Gesetzeshüter immer wieder kleine Einblicke in ihre kaum ausformulierten Privatleben und grundsätzlich eher verschlossenen Persönlichkeiten geben. Als außenstehender Beobachter erwartet einen Episode für Episode ein kleiner Kaltstart. Es wird indirekt von einem gefordert, selbst das Bild zusammensetzen und seine ganz eigene, innere Spürnase zu bemühen, bevor es dann im Rahmen der etwas über 40 Minuten langen Einzelgeschichten zur Aufklärung des Falls und/oder gar zu einer überraschenden Wendung kommt.

So weit, so simpel. Konzeptionell betrachtet ist Criminal denkbar einfach. Aus den schlichten, nüchternen Produktionswerten (gedreht wurde in den im April 2019 offiziell eröffneten neuen Netflix-Studios nahe Madrid) holen die verschiedenen Regisseure (Oliver Hirschbiegel, Frederic Mermoud, Mariano Barroso und Co-Serienschöpfer Jim Field Smith selbst) immer wieder in ihrer Einfachheit sehr schicke und stimmige Bildkompositionen heraus. Der kühle, glatte und sehr sachlich wirkende visuelle Stil passt indes gut zum allgemeinen Charakter des Formats. Die größte Stärke liegt aber ohne Frage bei den Darstellerinnen und Darstellern, für die diese kammerspielartige Inszenierung natürlich eine großartige Gelegenheit ist, ihr Talent eindringlich unter Beweis zu stellen. So geben sich unter anderem David Tennant, Nathalie Baye und Hayley Atwell die Ehre, ebenso wie zahlreiche Schauspieler, die sich in ihrem Heimatland einer gewissen Bekanntheit erfreuen. Im konkreten Fall von Deutschland sind das zum Beispiel Nina Hoss, Sylvester Groth, Florence Kasumba, Peter Kurth oder auch Christian Berkel.
Vor einem Problem ist Criminal wie viele andere Anthologieserien jedoch nicht gefeit, und das ist die durchaus wechselhafte Qualität, was die verschiedenen Teile der Produktion angeht. Diese Kritik beschränkt sich nicht einmal nur darauf, dass Land A insgesamt schwächere Episoden als Land B hervorgebracht hat, sondern vor allem auf das unterschiedliche Qualitätsniveau der drei Folgen innerhalb eines der vier „Pakete“, für die die involvierten Nationen jeweils verantwortlich zeichnen. Manchmal sind es die arg hölzernen, unnatürlich anmutenden Dialoge, die das Format etwas zu ungelenk und unattraktiv machen. Manchmal ist es das recht austauschbare Erzählmuster, welches sich schnell abnutzt und sich irgendwann nur noch nach einem sehr gewöhnlichen Schema anfühlt.
Nicht falsch verstehen: Es wird immer wieder versucht, mit wenigen Mitteln originelle Geschichten zu erzählen und vielschichtige Kriminalfälle zu entwerfen, die sich abheben oder über die man eine interessante Verbindung zu den Ermittlern herstellen kann. Wenn das gelingt, dann kann sich eine wunderbare Dynamik zwischen den Fragestellern und den Befragten entspinnen, die einen als Zuschauer fesselt und mitreißt. Hier und da nimmt man auch mal Bezug auf ein sehr länderspezifisches Thema oder Ereignis (die Ost-West-Mentalität in Deutschland, das Bataclan-Attentat am 13. November 2015 in Paris et cetera). Mehr als einmal bekommt man aber den Eindruck, dass die Verantwortlichen sich nur ein Ziel gesetzt haben: Am Ende ihrer Folgen wollen sie uns eine clevere Wendung präsentieren, einen unerwarteten Schockmoment, um uns noch mal den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Erfahrene Serienkonsumenten zucken da ob der Vorhersehbarkeit solcher Twists aber eher gleichgültig mit den Schultern.
So eine Idee kann durchaus Früchte tragen, sofern sie in einen guten Einklang mit den Charakteren gebracht wird, für die man nur begrenzt Zeit hat, um sie nachhaltig und markant zu etablieren. Bei manchen Ermittlerteams entwickelt sich recht zügig eine eigenwillige, lebendige Beziehung untereinander (Großbritannien), bei anderen ist das blinde Verständnis innerhalb der Darstellerriege nicht ganz so greifbar (Deutschland), wodurch sich einige Dialogszenen etwas holprig anfühlen können. Bei den „Kriminellen“ gibt es derweil kaum Aussetzer. Die verschiedenen Schauspielerinnen und Schauspieler, die in die Mangel genommen werden, schaffen es binnen kürzester Zeit, sich und ihre Rolle deutlich zu profilieren. Die bereits erwähnten Hayley Atwell und Nina Hoss fallen hier besonders positiv auf, aber auch unter den hierzulande eher weniger bekannten Darstellerinnen und Darstellern aus Frankreich und Spanien lassen sich ein paar starke Darbietungen finden, die Eindruck hinterlassen. Und so kann dann selbst eine extrem vorhersehbare Wendung erfolgreich verkauft werden.
Letztlich ist Criminal ein grundsolides Crime-Procedural, wie es im Buche steht, das sich in seinem Handlungsspielraum selbst ein Stück weit limitiert, daraus aber ein Alleinstellungsmerkmal zieht, über das man wiederum einen Reizpunkt bei potentiellen Zuschauern setzen kann. Das Konzept ist nicht neu, aber schnörkellos und mit einer eigenen Note umgesetzt. Darüber hinaus macht sich Netflix seinen mittlerweile weltumfassenden „Kader“ an internationalen beziehungsweise in diesem konkreten Fall europäischen Kollaborateuren zunutze, um weiterhin der Vorreiterrolle im globalen VoD-Geschäft gerecht zu werden. Somit ist „Criminal“ ein spannendes Experiment in mehrfacher Hinsicht, wenngleich am Ende der ganz große Coup ausbleibt. Denn auch wenn diese Art von Serie für ein Unternehmen wie Netflix ungewöhnlich ist, in die Kategorie „wirklich besonders“ fällt der Neustart nicht. Interessant und nett, ja. Aber die Welt der Serien wird man hiermit definitiv nicht aus den Angeln heben. Und das möchte man wahrscheinlich auch gar nicht.
Der Trailer zu „Criminal“:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 20. September 2019Criminal: Vereinigtes Königreich 1x01 Trailer
(Criminal: Vereinigtes Königreich 1x01)
Schauspieler in der Episode Criminal: Vereinigtes Königreich 1x01
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