The Night Of 1x02

The Night Of 1x02

Der Albtraum, den Nasir Khan durchlebt, nimmt in der The Night Of-Episode Subtle Beast konkretere Züge an. Sehr sehenswert konzentriert sich das aus Steven Zaillian und Richard Price bestehende Kreativduo dabei weiterhin auf die detaillierte Ausleuchtung sämtlicher Prozessschritte.

Nasir (Riz Ahmed, l.) und seine Eltern sind überfordert. / (c) HBO
Nasir (Riz Ahmed, l.) und seine Eltern sind überfordert. / (c) HBO

Erst ganz am Ende der The Night Of-Auftaktepisode The Beach lernten wir eine zentrale Figur der Miniserie kennen. Jack Stone (John Turturro) wurde als ebenso schrulliger wie fähiger Strafverteidiger eingeführt, dessen Geschäftsmodell ganz offensichtlich vorsieht, auf Polizeiwachen herumzulungern und auf einen Klienten mit dem Versprechen hoher Profitabilität zu warten. Dieser Eindruck wird in Subtle Beast verstärkt, wobei wir einen tieferen Einblick in diesen interessanten Charakter bekommen.

Live forever

Die Episode beginnt mit einer ungewöhnlichen visuellen Entscheidung durch Regisseur Steven Zaillian, von denen es im Laufe der Folge noch manch andere geben wird. Der des Mordes verdächtigte Naz (Riz Ahmed) versucht darin, sich an die vergangene Nacht zu erinnern, bringt aber außer ein paar Wortfetzen und nebulösen Bildern nicht viel hervor. Hernach bekommt er von Stone eine eindringliche Nachhilfestunde in optimaler Angeklagten-Verhaltensweise: „They come up with their story, we come up with ours.

Überdies lässt Stone durchscheinen, welch großen Respekt er für den leitenden Mordermittler Dennis Box (Bill Camp) hat: „He rolls up his sleeves, delegates nothing, takes all things personally.“ Im gleichen Atemzug findet er jedoch auch mahnende Worte, die der Episode ihren Namen geben, und von Naz später noch einmal wiederholt werden: „He's a talented oppressor, a subtle beast.“ Angesichts des meist rauen, manchmal witzigen Umgangs, den Stone mit den übrigen Polizisten pflegt, ist diese Respektsbekundung eine kleine Überraschung.

Sobald die beiden Widersacher aufeinandertreffen, kommen dabei überragend unterhaltsame Szenen heraus, was vor allem daran liegt, dass die Rollen mit zwei brillanten Schauspielern besetzt sind. Schon früh stellt sich heraus, dass The Night Of gelingt, was die besten Dramaserien auszeichnet - bei aller dramaturgisch bedingter Tristesse vergisst Autor Richard Price nie die humoreske Auflockerung. Behilflich dabei sind auch solche kurzen Gastauftritte wie der von Kriminalreporter Eddie (Ray Abruzzo aka „Little Carmine“ aus The Sopranos).

Don Taylor (Paul Sparks); der Stiefvater des Opfers; spielt eine undurchsichtige Rolle. © HBO
Don Taylor (Paul Sparks); der Stiefvater des Opfers; spielt eine undurchsichtige Rolle. © HBO

Dass Andrea, das Opfer, über kein geregeltes Familienleben verfügte, ließ sich bereits im Piloten unschwer an ihrer selbstzerstörerischen Verhaltensweise erkennen. Als ihre Leiche hier nun identifiziert werden soll, wird diese Leerstelle nur noch offensichtlicher. Schon am Telefon reagiert ihr Stiefvater Don Taylor (Paul Sparks) genervt auf den Anruf der Polizei. Er glaubt, sie sitze abermals wegen eines Drogenvergehens im Gefängnis und lehnt rundheraus ab, sich um sie zu kümmern. Als er später den wahren Grund erfährt, bleibt seine Reaktion undurchsichtig.

These aren't Arabs? What are they?

Kollege Sepinwall bezeichnet diese als 'completely thunderstruck', was ich jedoch completely anders gelesen habe. Mir erschien Taylor eher uninteressiert, zwar schon ein bisschen schockiert (was angesichts des Gesehenen wohl auch Unbeteiligte wären), aber überhaupt nicht verwirrt oder verhaltensauffällig. Ich würde ihn deswegen nicht zum Kreis der Verdächtigen zählen, seine Reaktion verrät vielmehr, dass er über dieses Schicksal seiner Stieftochter nicht wirklich überrascht ist.

Diese Miniserie äußert allerdings kein sonderliches Interesse daran, uns Zuschauern allerlei Theorien über mögliche Täter zu entlocken. Viel eher wirft sie ein sehr genaues Auge auf die Vorgänge des juristischen Komplexes, auf die Abläufe von Festnahme, Ermittlung und Anklage. Für Naz und seine Familie geht das alles so schnell, dass ihnen kaum Zeit bleibt, einen sauberen Gedanken zu fassen. Während seine Eltern Safar (Poorna Jagannathan) und Salim (Peyman Moaadi) versuchen, einen Besuch bei ihm mit bloßer Anwesenheit zu erzwingen, hat er größte Mühe dabei, Stones Anweisungen zu befolgen, ja sogar sich an seinen Namen zu erinnern.

Dafür bekommt er von seinem Strafverteidiger postwendend die Quittung. Naz' wiederholtes Bestehen darauf, die Wahrheit erzählen zu wollen, wird deutlich beantwortet: „The truth can go to hell because it doesn't help you.“ Nachdem sich das Fernduell zwischen Stone und Box kurz in einer persönlichen Begegnung aufgeheizt hat, wird es hernach an unterschiedlichen Orten weiter ausgefochten. Box spielt den good cop und bringt Naz das Asthmaspray, das der am Tatort liegengelassen hatte - und schafft es so, den Jungen abermals zum Sprechen zu bringen, wobei aber nichts Brauchbares herauskommt.

Staatsanwältin Helen Weiss (Jeannie Berlin) ist weniger überzeugt als ihr Chefermittler. © HBO
Staatsanwältin Helen Weiss (Jeannie Berlin) ist weniger überzeugt als ihr Chefermittler. © HBO

Hielt sich Naz bislang noch in einer vergleichsweise gemütlichen Einzelzelle in der Polizeiwache auf, wo er von seinen Eltern besucht wurde, dürften ihm die folgenden Ereignisse endgültig vor Augen führen, in welch einen Albtraum er geraten ist. Unterstrichen wird das von einer herzzerreißenden, größtenteils wortlosen Parallelmontage, die sämtliche Hauptfiguren bei der Heimkehr zeigt, während Naz mit anderen Verdächtigen, allesamt größer und stärker als er, ins Gefängnis gebracht wird. Der nächste wichtige Termin ist die Anklageerhebung.

Like finding God

Dabei müssen Stone und sein Klient eine erste Niederlage einstecken. Der Richter gibt der Forderung der anklagenden Staatsanwaltschaft statt, Naz wegen bestehender Fluchtgefahr in das Heimatland seiner Eltern, Pakistan, eine Freilassung auf Kaution zu verwehren. Sein Weg führt ihn nun ins berüchtigte New Yorker Gefängnis Rikers Island. Wie er dort aufgenommen wird, bekommen wir nicht mehr zu sehen, allerdings hat schon die Inhaftierung davor gezeigt, wie furchtbar es dort zugehen dürfte.

Gegenüber Staatsanwältin Helen Weiss (Jeannie Berlin) tritt Box derweil mit breiter Brust auf, wenngleich sie bereits den Verdacht hegt, diesen Fall verlieren zu können. Zwar erscheint die Beweislage gegen Naz erdrückend, jedoch fehlt ein Augenzeuge. Weiteres Material findet sich im Haus der Familie sowie im Taxi des Vaters, wobei Box den Kollegen von der Spurensicherung eine Kostprobe seiner umfassenden Allgemeinbildung geben darf. Er ist eine ebenso faszinierende Figur wie sein Gegenpart Stone, dafür aber mit weniger Macken ausgestattet.

Die präsenteste ist wohl dessen Hautproblem an den Füßen, wofür The Night Of eine besondere Faszination hegt. Außerdem sind seine Taschen mit allerlei vermeintlich unnötigem Kram gefüllt. Er hat einen Sohn und eine Exfrau, zu denen er ein gutes, wenn auch nicht besonders herzliches Verhältnis pflegt. Insgesamt bleibt diese Geschichte äußerst geerdet. Langsam entblättert sie ihre einzelnen Schichten, wobei den Charakteren und ihren Umständen weiterhin viel Raum zugestanden wird. So bekommt die Miniserie einen sehr fundierten, bedachten, ernsthaften Anstrich. In gewisser Weise ist sie wie ihre Hauptfiguren: niemals laut, niemals aufgeregt, aber trotzdem wahnsinnig spannend.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. Juli 2016

The Night Of 1x02 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 2
(The Night Of 1x02)
Deutscher Titel der Episode
Ein raffiniertes Biest
Titel der Episode im Original
Subtle Beast
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 17. Juli 2016 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 6. Oktober 2016
Regisseur
Steven Zaillian

Schauspieler in der Episode The Night Of 1x02

Darsteller
Rolle
Bill Camp
Jeannie Berlin
Peyman Moaadi
Poorna Jagannathan

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