Crashing 3x08

© zenenbild von „Crashing“: Pete Holmes (Pete Holmes) ist am Ziel seiner Träume. (c) HBO
Es gibt Kritiken, die schreibt man in dem Wissen, dass sie vermutlich von kaum mehr als einhundert Leuten gelesen werden. Nein, die HBO-Comedy Crashing war nicht gerade ein Blockbuster wie zum Beispiel die Schwesterserie Game of Thrones beim selben Sender. Doch ein paar wenigen Serienjunkies - mich selbst eingeschlossen - hat sie viel bedeutet. Vergangenen Sonntag, den 10. März ging nun ihre dritte und leider letzte Staffel mit der Highlightepisode Mulaney (3x08) zu Ende. Kann sich der Serienschöpfer und Hauptdarsteller Pete Holmes im großen Finale seine Wünsche erfüllen?
Ein Schaf im Wolfspelz
Serien über aufstrebende Stand-up-Komiker gibt es im US-Fernsehen vielleicht noch nicht wie Sand am Meer, aber zumindest in einer annehmbaren Menge: Los ging es mit Seinfeld. Viele Jahre später folgte das experimentelle FX-Format Louie, während Amazon Prime Video das Genre zuletzt mit The Marvelous Mrs. Maisel veredelte und damit so gut wie jeden Preis gewann. Showtime und Netflix mischen indes ihrerseits mit I'm Dying Up Here und Lady Dynamite mit.
Keine guten Voraussetzungen für Crashing, das übrigens nichts mit Crashing (UK) zu tun hat. Trotzdem gelang es Holmes, sich eine kleine Marktlücke zu erschleichen und eine Serienperle zu kreieren, die in vielerlei Hinsicht ganz anders war als die oben genannten Kandidaten. Normalerweise präsentieren sich die Komiker als abgeklärte Zyniker, die sich mit bösen Sprüchen über die dumme Masse lustig machen. Nicht aber unser Pete, denn als wohlerzogener und leicht verklemmter Gentleman sowie gottesfürchtiger Christ kann er gar nicht anders, als immer nett zu sein.
Egal, ob Artie Lange, Bill Burr, T. J. Miller, Sarah Silverman, Ray Romano, Amy Schumer oder im Finale John Mulaney - natürlich macht sich Pete mit seiner Gutgläubigkeit für jeden „King of Comedy“ zur Zielscheibe. Holmes scheut sich nicht davor, sich als Idioten darzustellen, was wohl eine Grundvoraussetzung für einen professionellen Clown sein sollte und gleichzeitig den schrecklichen Hut erklärt, den er die Staffel über trägt. Doch so oft er auch sein Fett wegkriegt, am Ende ist er der Mutigste von allen, denn zynisch sein kann jeder. Eine wunderbare Botschaft für ein Berufsfeld, das so sehr von toxischer Männlichkeit geprägt ist, was besonders eindrucksvoll in der Episode MC, Middle, Headliner (3x04) aufgearbeitet wird.
In dieser geht Pete gemeinsam mit seiner Exfreundin Ali (Jamie Lee) und einem gewissen Jason (Dov Davidoff) auf Tour. Letztgenannter ist ein Komiker der alten Schule und eine mutige Anspielung auf den Louie-Schöpfer Louis C. K., der sich seinen Ruf versaute, indem er mehrere Frauen sexuell belästigte. Holmes rechnet mit dieser Gattung unter seinen Kollegen schonungslos ab, so dass am Ende der Reise das Gefühl entsteht, ein neues Zeitalter der Comedy habe begonnen, in dem zwar weiter Platz für weiße, heterosexuelle Männer ist - Holmes ist ja selbst einer -, aber, in der diese eben nicht länger den Ton angeben und alle anderen unterdrücken. Nicht zufällig feiert später Ali und eben nicht Pete den großen Durchbruch...
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Apropos Ali, natürlich schmerzt es noch immer, dass sie und Pete nicht mehr zusammen sind, doch beide haben neue Partner und verstehen sich als Freunde besser denn je. Pete lernt die wilde Kat (Madeline Wise) kennen, die dem prüden Lulatsch zu seiner sexuellen Blüte verhilft - ein trauriger Fakt, wenn man darüber nachdenkt, dass er zuvor schon mehrere Jahre verheiratet war. Genau wie Ali damals in der zweiten Staffel bringt auch Kat viele neue Impulse in die Serie. Das Ganze gipfelt in dem herrlich angespannten Elternbesuch in der Episode Mom and Kat (3x05). Leider endet die Beziehung dann aber ebenso plötzlich, wie sie angefangen hatte. Und man kann Holmes durchaus den Vorwurf machen, dass er die weibliche Figur zum Abschied zu sehr als „verrückte Bitch“ darstellt - ein unschönes Klischee bei Trennungen in Serien.
Ein Platz am Tisch der Erwachsenen
Nun aber zum Finale, das, wie gesagt, den Titel Mulaney (3x08) trägt, weil John Mulaney - persönlich angemerkt: mein derzeitiger Lieblingskomiker - als Gaststar zurückkehrt. Als personifizierter Deus ex Machina bereitet er Pete die Chance seines Lebens: ein Warm-up-Job auf der ganz großen Bühne. Dabei passiert das eigentlich nur versehentlich, denn an sich wollte der Superstar einen gewissen Ben Holmes haben, wodurch es zu einer Verwechslung kam. Herrlich unsympathisch präsentiert sich Mulaney hinter den Kulissen, so dass man für den armen Pete fast ein Tränchen vergießen will, denn aus seinem großen Traum wird rasch ein einziger Albtraum. Doch natürlich wendet sich das Blatt kurz vor dem Ende doch noch...
Nichts erwärmt mein Serienherz so sehr wie Szenen, in denen jemand vom Protokoll abweicht und dafür belohnt wird. Da kein anderer Komiker da ist, darf Pete doch auftreten. Und anstatt sein normales Programm abzuspielen, verarbeitet er live seine Erlebnisse mit Mulaney. Er verhöhnt seinen Chef vor dessen eigenem Publikum, was im schlimmsten Fall das Ende seiner Karriere bedeuten könnte. Doch der Gehörnte nimmt es sportlich und weiß Petes Talent der Improvisation zu schätzen. Nach der Show nimmt er seinen neuen Schützling sogar mit in den Comedy Cellar, in dem er ein gutes Wort für ihn bei der Agentin Estee Adoram einlegt, die Pete seit jeher abblitzen gelassen hatte. Nun endlich hat er es geschafft und darf sich zu den Platzhirschen gesellen. Doch für das perfekte Happy End fehlt noch eine kleine Zutat namens Liebe: Wie in der kitschigsten Romanze stürmt Pete zu Ali und erfüllt damit den größten Wunsch der Fans: dass die beiden gemeinsam glücklich werden.
Und so endet Crashing auf die wohl schönste Art und Weise und lässt uns an einem warmen Frühlingsabend in New York mit dem bezaubernden Arcade-Fire-Song „Everything Now“ zurück. Ja, Pete hat nun alles, was er sich immer erträumt hat: den Job, den er liebt und die Frau, die er liebt. Gut zu sein, zahlt sich auf lange Sicht also aus - und wenn das die Botschaft der Serie ist, dann haben sich die drei wunderbaren Staffeln wirklich gelohnt. Gerne würde ich Petes Geschichte noch weiter verfolgen - nicht zuletzt, weil sich die HBO-Comedy als unermüdliche Quelle für immer neue Lieblingslieder bewährt hatte -, aber, wenn ich schon Abschied nehmen muss, dann könnte ich mir keinen besseren als diesen vorstellen.
All diejenigen, an denen die Serie bislang vorbeiging - und das ist in Anbetracht der geringen Einschaltquoten höchstwahrscheinlich so -, können sie derzeit bei Sky nachholen. Die insgesamt nur 24 Folgen sollten im Handumdrehen verschlungen sein und aufgrund der inhaltlichen Vielfalt von Crashing dürfte auch für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ich behaupte fest, dass die Welt ein etwas besserer Ort wäre, wenn mehr Menschen dieses Format gesehen hätten und sich ein Beispiel am Protagonisten Pete Holmes nehmen würden. Nettigkeit ist der neue heiße Scheiß!
Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 12. März 2019(Crashing 3x08)
Schauspieler in der Episode Crashing 3x08
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