Counterpart: J.K. Simmons in einer Doppelrolle im neuen Mystery-Thriller Counterpart

© ??Counterpart“ (c) Starz
Den Namen J.K. Simmons verbinden viele vor allem mit Spielfilmen. Der Oscarpreisträger (das goldene Männchen erhielt der mittlerweile 63-Jährige 2015 für seine Darbietung als teuflischer Bandleader in Damien Chazelles „Whiplash“) war in den letzten Jahren an unzähligen Kinoproduktionen beteiligt. Eine besondere Vorliebe für ein bestimmtes Genre scheint der emsige Simmons nicht zu haben und pro Jahr ist er auch schon mal in vier unterschiedlichen Filmen zu sehen. Der „Spätstarter“ mit Broadway-Hintergrund machte seine ersten Schritte in Film und Fernsehen erst 1994, als er unter anderem eine wiederkehrende Rolle in Law & Order übernahm. In der Folge war Simmons immer wieder im TV zu sehen, so zum Beispiel auch in der HBO-Gefängnisserie Oz.
2018 wagt er nun einen erneuten Ausflug auf die Mattscheibe, und zwar als Hauptdarsteller in dem viel versprechenden Serienneustart Counterpart. Das ambitionierte Projekt von Drehbuchautor Justin Marks, in dem die Zuschauer ein Genremix aus Spionage-Thriller, Mystery und Sci-Fi erwartet, feierte bereits im Dezember 2017 seine Vorpremiere auf dem amerikanischen Kabelsender Starz. Ab dem 21. Januar beginnt nun die reguläre Ausstrahlung von „Counterpart“, das uns bereits in seiner Pilotepisode einen exzellent aufgelegten J. K. Simmons präsentiert. Aber nicht nur seine Darbietung macht Lust auf mehr. Die hochwertig produzierte Genreserie wartet obendrein mit einem besonderen Kniff auf.
Nobody
Simmons spielt in „Counterpart“ den einfachen Angestellten Howard Silk, der seine Brötchen bei einer dubiosen Organisation in Berlin verdient, von der nicht wirklich klar ist, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Für Howard zumindest. Er ist ein unbedeutendes kleines Zahnrad in einer gewaltigen Maschine und arbeitet in Einheitskleidung im sterilen Kämmerchen vor sich, was auch immer er da tut. Wirkliche Aufstiegschancen, um dem eintönigen Beamtentrott zu entrinnen, hat er auch nicht. Und dann liegt auch noch seine Frau in einem Koma, nachdem sie Opfer eines Verkehrsunfalls wurde. Das Leben meint es nicht leicht mit Howard, der sich immer wieder fragt, ob es vielleicht anders verlaufen wäre, wenn er sich hier und da doch nur für einen anderen Weg entschieden hätte. Aber wer kann das schon wissen?
The other side
Es ist ja nicht so, dass es da draußen ein zweites Ich von einem gibt, das mit dem gleichen Leben begann, in der Folge jedoch eine ganz andere Entwicklung genommen hat. Oder eben doch. Denn der gute, zurückhaltende und eher zögerliche Howard erfährt schon bald, dass sein Arbeitgeber ein gigantisches Geheimnis bewahrt: die Existenz einer Parallelwelt, die im regen Kontakt mit der seiner Welt steht und zu der es obendrein einen Übergang gibt. So trifft Howard auf seinen Doppelgänger, der das genaue Gegenteil von ihm ist: selbstbewusst, direkt, ein Mann der Tat mit einer Reihe von speziellen Fähigkeiten. Dieser wechselt die Seiten, da in seiner Welt die Luft für ihn aufgrund Spannungen innerhalb der Geheimorganisation ziemlich dünn wird. Aber nicht nur Howards Doppelgänger befindet sich auf der Abschussliste, auch seine ans Krankenbett gefesselte Ehefrau gerät schnell in Gefahr, treibt sich doch eine skrupellose Auftragskillerin herum.
„Counterpart“ gestaltet sich fast schon so wie die Performance seines Hauptdarstellers: Der Beginn der Pilotepisode ist verhalten und ruhig, langsam und behutsam werden wir in das glanzlose Leben unseres Protagonisten eingeführt. Spätestens zum Ende der gut einstündigen Auftaktfolge sehen wir dann eine komplett andere Seite des Formats, überschlagen sich doch die Ereignisse. Statt harmloser Momentaufnahmen aus dem Leben von Howard Silk haut man uns plötzlich aufregende, „Jason Bourne“-eske Verfolgungsjagden zu Fuß vor die Nase. Zwischendurch streut man nebulöse Hinterzimmergespräche ein, bei denen man sich nie sicher sein kann, was für ein Spiel die Beteiligten wirklich treiben und wem man vertrauen kann. Und mittendrin befindet sich J.K. Simmons, der die denkbar schwierigste Aufgabe hat, diese aber mit Bravour meistert.

Looking in the mirror
So doppelseitig und gegensätzlich Counterpart (als hätte man sich doch tatsächlich etwas bei diesem Serientitel gedacht), so präsentiert sich auch Simmons. Diesem gelingt es hervorragend, zwei komplett unterschiedliche Versionen des gleichen Charakters zu verkörpern. Ob es die Körperhaltung, das allgemeine Gebaren oder die Art des Sprechens ist - Simmons wirft eben nicht nur eine andere Garderobe drüber oder lässt sich einen Dreitagebaart stehen, mit Hilfe etlicher Nuancen erschafft er zwei eigenständige Figuren, über die wir als Zuschauer unbedingt mehr erfahren wollen und deren Probleme uns interessieren. Dass Simmons ein unfassbar talentierter Darsteller ist, der auf Knopfdruck zwischen hochintensiven, nahezu bedrohlichen Schauspiel auf der einen und eine Art Verwundbarkeit sowie seinem ganz eigenen, speziellen Charisma auf der anderen Seite wechseln kann, ist selbstredend ein fantastischer Bonus, der ungemein viel wert ist.
In ihm hat man das perfekte „Zugpferd“ für diese eigenwillige Erzählung gefunden. Vielleicht wurde auch deshalb recht früh die Entscheidung getroffen, von „Counterpart“ zwei Staffeln auf einen Schlag in Auftrag zu geben, aus Angst davor, dass der geschäftige Simmons von anderen Projekten zu sehr eingespannt werden könnte. Neben Simmons treten hier weitere bekannte Namen aus der Welt der Serien auf auf, so zum Beispiel Olivia Williams (Manhattan) als Howards Ehefrau Emily, Jamie Bamber (Battlestar Galactica) als nerviger Schwager oder auch Harry Lloyd (Game of Thrones) als sein Vorgesetzter Peter Quayle. Die Pilotfolge konzentriert sich aber vor allem auf Simmons' Darbietung, die die auf dem Papier doch recht ausgefallene Geschichte immer wieder erdet und dank der man so einige Zweckdienlichkeiten innerhalb der Handlung besser herunterschlucken kann.
Just pretend
Diese ist spannend und durchdacht strukturiert, sodass sich ein knackiger Spannungsbogen aufbaut, der den Zuschauer mitreißen und in die einzigartige Welt der Serie involvieren kann. Die „High Concept“-Prämisse und der leichte SciFi-Mystery-Einschlag, die uns hier angeboten werden, ziehen automatisch ein paar Fragen nach sich, von denen die meisten aber unbeantwortet bleiben und wenn überhaupt nur angeschnitten werden. Wie es genau zur Existenz der Parallelwelt kam, interessiert mich persönlich dabei eher weniger. Ich kann mich damit arrangieren, dass dieses „Gimmick“ gegeben ist, ohne weitere Erklärungen und Informationen zur konkreten Entstehung oder ähnliches. Wo es auf längere Sicht etwas mehr Klarheit bedarf, sind die undurchsichtigen Machtspielchen innerhalb der Geheimorganisationen, die den Transfer von Informationen und Personen zwischen den beiden Welt kontrollieren und steuern.
You and me
Hier deutet man aber bereits an, dass noch so einiges im Verborgenen liegt, dass allmählich offengelegt werden soll. Was auch notwendig ist, denn zu viel Mystery, zu viel Herumgetanze um den heißen Brei, kann irgendwann nach hinten losgehen. Zu den vermeintlichen Makeln der ersten Episode würde ich indes zählen, dass Autor Justin Marks und Regisseur Morten Tyldum gelegentlich relativ plump ihre Charaktere Entscheidungen treffen lassen, um einen gewünschten dramatischen Effekt zu erzielen. Die gesamte Actionsequenz in einem Krankenhaus am Ende der Episode ist fesselnd inszeniert, der Auslöser (eine vergessene Blume auf dem Tresen der Krankenschwestern - ein derartig offensichtliches Detail, dass Howard seinem Doppelgänger nicht mit auf den Weg gegeben hat) aber schon sehr zweckmäßig, um Spannung zu generieren.
Solche Dinge kann man aber verzeihen, denn Counterpart fühlt sich in seiner Gänze sehr rund an und langweilt zu keiner Minute. Hauptdarsteller J.K. Simmons und der gefällige Genremix (Espionage-Sci-Fi-Mystery-Thriller) sind dabei Trumpf, ebenso wie die Aufnahmen vor Ort in Berlin (das alte Tempelhofer Flughafengebäude erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit bei Film- und Fernsehschaffenden), das eine atmosphärische Kulisse für diese Geschichte abgibt. Diese strahlt einen leichten „Kalter Krieg“-Flair aus und lädt zum Mitfiebern und -rätseln ein. Was geht wirklich auf der anderen Seite von Howards Welt vor? Und wie wird dieser damit umgehen, dass es eine völlig gegenteilige Version von ihm gibt, die ihm zeigt, was alles hätte sein können, wenn er andere Wege eingeschlagen hätte? „Counterpart“ bietet eine oder besser gesagt zwei spannende Hauptfiguren, stößt große Themen über Identität und das Leben per se an und vergisst dabei nicht kurzweilig zu sein, was man über die Thriller-Elemente erreicht. Diesen Serienneustart sollte man im Blick behalten.
Trailer zu „Counterpart“: