Counterpart 1x10

© ??Counterpart“ (c) Starz
Als sich Serienschöpfer Justin Marks an die erste Staffel von Counterpart, ein Spionagethriller mit Einschlägen aus dem Sci-Fi- und Mystery-Genre, setzte, stellte er sich eine essentielle Frage: Ist es möglich, dass wir von der Persönlichkeit weglaufen können, die sich tief in uns verbirgt? Jeden Menschen zeichnet ein besonderer, einzigartiger Charakter aus, der ihn von allen anderen unterscheidet. Kann es uns gelingen, sich so zu verstellen, dass man sich von Grund auf verändert? Oder wird man früher oder später von diesem einzigartigen Charakter mit seinen einzigartigen Merkmalen eingeholt, egal, wie sehr man sich dagegen auch versucht zu wehren?
Diese Überlegung wurde eine Art Mantra für Marks und seine „Mitverschwörer“, die sich in in den zehn Folgen der ersten Staffel von „Counterpart“ immer wieder mit dieser komplexen Frage auseinandergesetzt haben. Ummantelt von einem dubiosen, kühlen und teils nervenaufreibenden Plot, bei dem ein John le Carré anerkennend sein Glas heben würde, zeichnen den Kern der Starz-Produktion die verschiedenen Charaktere aus, die sich ihrer eigenen Realität und Identität nur selten absolut sicher sein können. Was sich entspinnt, ist eine packende Erzählung, die an einen rigorosen Thriller der Kalten-Krieg-Ära erinnert, gleichzeitig aber extrem intime Momente anbietet, in denen die Figuren immer wieder abwägen müssen, was für sie und ihre Nächsten am besten ist.
Faking it
„Counterpart“ spannt von der ersten Episode an ein komplexes Netz und lässt sich dabei genüsslich Zeit. Es dauert eine Weile, bis sich ein Bild von dieser Welt ergibt, in der zwei Realitäten parallel zueinander existieren, mitsamt Doppelgängern und gesichtslosen Organisationen auf beiden Seiten, die sich untereinander austauschen, Informationen verscherbeln und gegenseitig ausspionieren. Mit jeder Folge werfen uns Marks und sein Autorenteam neue Puzzleteile hin: Was als eine Art Säbelrasseln zwischen zwei unterschiedlichen Welten beginnt, nimmt alsbald gehörig an Fahrt auf. Intrigante Machtspielchen, ein unstillbares Bedürfnis nach Vergeltung, gefährliche Schläferzellen, die den labilen Frieden zwischen den beiden Seiten zum Einsturz bringen wollen - es entwickelt sich ein Politthriller allererster Güte, der durch sein subtiles Worldbuilding unter die Haut geht.
Doch anstelle sich in all den makropolitischen Aspekten zu verlieren und zu viel zu wollen, passiert etwas, das Seltenheitswert hat: Man zügelt sich. In aller Ruhe braut sich ein großer Sturm zusammen, dessen Auswüchse selbst am Ende der ersten Staffel nicht vollständig erkennbar geschweige denn einzuschätzen sind. An welcher Front es indes zuvor immer wieder kracht, mal dezenter, mal lautstarker, sind die einzelnen Charaktere, die ihren Platz in diesem stillen Chaos suchen. Sie sind weniger Schachfiguren, sondern vielmehr flexible Go-Spielsteine (siehe das Intro - das einzige Mal, dass „Counterpart“ leicht zu durchschauen ist), die sich munter hin- und herbewegen. Aus Schwarz und Weiß wird dabei recht zügig ein schwammiges Grau. Denn so sehr sie von den äußeren Umständen beeinflusst und gelenkt werden, mit jedem weiteren Schritt entstehen mehr Selbstzweifel, mehr Fragen, mehr Unsicherheiten.

Best of both worlds
Dies zeigt sich besonders anhand des Hauptcharakters, Howard Silk, hervorragend und preisverdächtig von J. K. Simmons gespielt. Zu Beginn sind Howard und sein Doppelgänger von der anderen Seite, „Howard Prime“, zwei grundverschiedene Persönlichkeiten. Während es ein Genuss ist, Simmons dabei zusehen zu dürfen, wie er ein und derselben Figur zwei unterschiedliche Charaktere gibt, verschwimmen allmählich die Grenzen. Beide Howards sehen schließlich im Leben ihres anderen Ichs etwas, das ihnen Hoffnung gibt, trotz aller Widrigkeiten doch jemand anderes zu sein. Während Howard die Tochter kennenlernt, die er niemals hatte, und beseelt ist, dass seine Frau in der anderen Welt nicht in einem ungewissen Koma liegt, erkennt Howard Prime irgendwann, dass ein Dasein als harmloser Büroangestellter ohne all die lebensgefährlichen Risiken als Spion auch sehr erfüllend sein kann.
Im Laufe eines Lebens erwischt man sich immer wieder dabei, wie man sich selbst die Frage stellt, was alles hätte sein können. Was wäre passiert, wenn ich vor einigen Jahren ausgewandert wäre? Wie sähe mein Leben heute aus, wenn ich mich für diese Person als Partner entschieden hätte und nicht für eine andere? Zumeist bringen einen solche Gedankenspiele nicht wirklich weiter. Dennoch befassen wir uns mit ihnen, unbewusst oder bewusst, weil es fast schon die menschliche Natur ist, sich zu hinterfragen und verpassten Chancen nachzutrauern. In Counterpart sehen wir, wie all dies gelebt wird, da sich ein Mensch aus unerfindlichen Gründen in zwei Persönlichkeiten aufgeteilt hat und sich nun direkt miteinander vergleichen kann.
So, wie es Wehmut gibt, Dinge versäumt zu haben, zeichnet sich jedoch auch Dankbarkeit für das ab, was man sein Leben nennt. Es existiert kein gut oder schlecht, so banal und eindeutig ist das Leben eben nicht. Doch es ist ungemein fesselnd, unmittelbar in diese Auseinandersetzung einer Person mit sich selbst einzutauchen, weil es eben absolut nachvollziehbar ist. Dies ist der eigentliche Treibstoff von „Counterpart“, das immer wieder zu der Frage nach Identität zurückkehrt und in welche Richtung sich ein Mensch aufgrund bestimmter Ereignisse, Erfolgen oder Schicksalsschlägen entwickeln kann.
Die Serie zeichnet eine psychologische Tiefe und Komplexität aus, die den Zuschauern Aufmerksamkeit und Bereitschaft abverlangt, um sich in die Figuren hineinversetzen und deren Position nachvollziehen zu können. Ohne dies würde die Grundlage für das größere Drama fehlen, die Rahmenhandlung, die die Charaktere wiederholt vor extrem schwierige Entscheidungen stellt. Nicht nur beide Howards, die irgendwann das Leben des jeweils anderen übernehmen, sehen sich dieser Herausforderung ausgesetzt. Der Welleneffekt dieser Parallelwelten ist immens. So erfährt einer der Charaktere, dass seine gesamte Ehe zu seiner Frau und die Mutter seines Kindes eine Lüge war, ein geschickter Plan der anderen Seite, um an wertvolle Geheiminformationen zu gelangen. Wie geht man damit um? Und war die Liebe die ganze Zeit über wirklich nur gespielt oder hat sich über die Jahre etwas Wahrhaftiges, Vertrauliches zwischen dem Getäuschten und der Täuscherin entwickelt?

To you, I belong
Minutiös, ja fast schon kleinlich akkurat werden Probleme und Themen wie diese auseinandergenommen und die möglichen Konsequenzen einer solchen schockierenden Enthüllung durchexerziert. Die außergewöhnliche, aber gleichzeitig doch schrecklich simple Prämisse von Counterpart wird wunderbar vermenschlicht, über einfache Mittel schafft man immer wieder Bezugspunkte für das Publikum. So lässt man sich nicht nur von der stilvollen, klinisch perfekten Inszenierung mitreißen, die bisweilen vor elektrisierenden Anspannungen nur so strotzt. Nein, genauso faszinierend sind hier die einfachen Dinge, die sich auf den zweiten Blick als furchtbar kompliziert herausstellen und mal eben nicht im Handumdrehen (oder mit einer Kugel) gelöst werden können.
Das macht „Counterpart“ so besonders und sehenswert: Als Beobachter ist es spielend leicht, sich in dieser tristen, kalten Welt zu verlieren, in der geheime Treffen zur Tagesordnung gehören und man sich skrupellos von unerwünschten Altlasten befreit. Rein äußerlich handelt es sich um einen emotionslosen, sterilen Agententhriller, in dem Informationsfetzen mühselig von A nach B getragen und nebulöse Deals in Hinterzimmern abgeschlossen werden. Aber unter dieser harten, unterkühlten Schale versteckt sich ein großes Herz, in manchen Charakteren mehr als in anderen, die jedoch diese Schwäche nicht preisgeben können, weil sie sonst gefressen werden. Von ihren Feinden, von ihren Konkurrenten. Umso erhellender und hoffnungsvoller ist es dann, wenn einige der Figuren diese finstere Hülle durchbrechen und eine Aussicht auf ein anderes, angenehmeres Leben erhalten.
Howard Prime erkennt dies in den letzten Zügen der Staffel, eine verfolgte Auftragskillerin versucht indes über einen längeren Zeitraum, ihrem brutalen Leben als kaltblütige Mörderin zu entrinnen. Sie zeigen sich verwundbar, verletzlich. Doch der Schritt, sich zu verändern und das Vertraute und Gewohnte hinter sich zu lassen, ist gewaltig. So avancieren zahlreiche Charaktere zu Gefangenen und Opfern ihrer selbst. Natürlich kann Howard Prime nun sein altes Leben an den Nagel hängen, doch damit würde er sich nicht weniger belügen als Howard, der für eine kurze Zeit aus Selbstschutz seine dunkelste Seite nach außen kehrt, um nicht aufzufallen. Zum Charakter Howard Silks, zum Charakter jeder einzelnen Figur in „Counterpart“ gehören mehrere Seite und Facetten, nicht nur eine bestimmte Art.
Sie alle tragen etwas Menschliches in sich, die einen mehr, die anderen weniger. Und im Laufe der Geschichte wird diese Menschlichkeit in ihnen geweckt und hervorgeholt. Auslöser sind persönliche Gefühle, ein unterdrücktes Gewissen oder einfach die Frage danach, wer man wirklich ist, nachdem man mit den eigenen Augen gesehen hat, dass es da noch eine andere Version von einem gibt, der lebende Beweis, dass jede Variation und Abweichung, dass alles möglich ist. Nur eben nicht, vor seiner eigenen Identität zu fliehen. Diese kann man anpassen, man kann geformt und beeinflusst werden. Doch im Kern ist da etwas, dass den Menschen immer die Person sein lässt, die er wirklich ist. Und Counterpart stößt in seiner ersten Staffel auf eindrucksvolle und überraschend emotionale Weise zu diesem Punkt vor.
Trailer zu „Counterpart“:
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 3. April 2018(Counterpart 1x10)
Schauspieler in der Episode Counterpart 1x10
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