Concordia - Tödliche Utopie: Eine schöne neue Welt, die mich frösteln lässt - Serienkritik

© ZDF und Stefano Delìa / Intaglio Films GmbH.
Das passiert in der Miniserie „Concordia - Tödliche Utopie“
Concordia in Schweden ist in der Miniserie Concordia für ihre Bewohner ein wahrgewordener Traum. Seit 20 Jahren vollständig durch eine allgegenwärtige K.I. überwacht, gibt es dort keine Verbrechen mehr - bis eines Tages auf einem Gelände vor der Stadt der Datenanalyst Oliver mit einer Kugel im Kopf entdeckt wird. Im Laufe der Ermittlungen durch die hinzugezogene Ermittlerin Thea (Ruth Bradley) stellt sich heraus, dass der Ermordete die K.l. gehackt hat. Doch wie war dies möglich? Steckte noch jemand hinter der Aktion? Warum musste Oliver sterben und steckt hinter Concordia vielleicht doch mehr als der Wunsch, in einer Utopie zu leben?...
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Schöne neue Welt

Dystopien jeglicher Art sind in der Fernseh- und Filmlandschaft nicht gerade rar gesät. Wo man auch hinschaut, zerstören Aliens, K.I.s oder von Menschenhand geführte Kriege die Welt mit anscheinend wachsender Begeisterung. Das Thema totale Überwachung ist ebenfalls nicht neu und spätestens seit George Orwells Klassiker „1984“ zumindest als Schulstoff in den Köpfen Genre-begeisterter Menschen präsent.
Selbst scheinbar perfekte Städte mit der unverkennbaren Attitüde des Furchteinflößenden sind altbekannter Stoff. Man denke nur etwa an den 70er-Jahre Streifen „Flucht ins 23. Jahrhundert“ von Regisseur Michael Anderson, in der ein Supercomputer den Bewohnerinnen und Bewohnern bis zu ihrem 30. Lebensjahr ein unbeschwertes Leben garantiert, sie dann aber in den Tod schickt.
„Concordia - Tödliche Utopie“ schlägt in eine etwas andere Kerbe, orientiert sich ansatzweise an dem aus China bekannten Social-Scoring-System und treibt dieses quasi auf die narrative Spitze. In der schwedischen Kleinstadt Concordia leben die Menschen seit 20 Jahren ohne Verbrechen wunschlos glücklich, sofern sie bereit sind, den hohen Preis ihrer Privatsphäre dafür zu bezahlen.
Utopie oder Dystopie?
Denn der Ort der Glückseligkeit wird durch eine künstliche Intelligenz totalüberwacht, die vorgeblich nur zum Guten eingesetzt wird. Das bedeutet, dass die in Concordia lebenden Menschen nicht nur immer und überall von Kameras und Mikrofonen ausgespäht werden. Auch werden sämtliche Körperfunktionen aufgezeichnet, um mögliche schädigende Einflüsse wie geplante Verbrechen oder etwa Suizide voraussagen zu können.
Die Drehbuchautoren Nicholas Racz, Mike Walden und Isla van Tricht sowe Regisseur Barbara Eder erschaffen damit unter der führenden Hand von Executive Producer Frank Doelger (Game of Thrones) ein heute schon generell technisch mögliches und beklemmendes Gegenwartsszenario, das sich in der ersten Folge langsam, aber spannend aufbaut.
Die Concordia-Erbauerin Juliane schwört die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt zwar auf absoluten Datenschutz ein und suggeriert ihnen eine sorgenfreie Gesellschaft der Diversität und Nachhaltigkeit. Wie rissig das Konstrukt ist, stellt sich allerdings recht schnell heraus.
Obwohl die Serienmacher ausdrücklich keine Dystopie erschaffen wollten, wirft die Geschichte doch die Frage, inwiefern die Utopie Concordia überhaupt eine solche darstellen kann, wenn die Menschen in diesem „Nicht-Ort“ (der Terminus Utopie ist ein aus den griechischen Worten ou und topos zusammengestelltes Kunstwort) im Grunde genommen hilflos der totalen Überwachung ausgeliefert sind. Mehr noch: Das Vertrauen in den absoluten Datenschutz wird in der Serie nicht nur verletzt, sondern auch missbraucht.
Die Geschichte

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Analysten Oliver, der nicht nur die gute Verbrechensbilanz Concordias (Null Verbrechen in 20 Jahren) infrage stellt, sondern auch ein in Deutschland entstehendes Nachfolgeprojekt. Das Brisante: die von der Stadtgründerin Juliane (Christiane Paul) hinzugezogene Privatermittlerin Thea findet heraus, dass Oliver das als unüberwindbar betrachtete System gehackt hat, um mögliche Dates auszuspionieren.
Damit ist das Vertrauen in das Gesamtkonstrukt nachhaltig erschüttert, was unweigerlich zum Ende des Projektes führen könnte. Auf der anderen Seite gibt es da aber auch die Datenschützerhackergruppe „Faceless“, die alles daransetzt, die quasi als Mythos aufgebaute Lüge um die Stadt aufzudecken.
Daraus ergibt sich ein spannender und wendungsreicher Thriller mit leichten fantastischen Elementen, die aber vom Produktionsteam so realistisch umgesetzt sind, dass man sich des Öfteren eines Fröstelns nicht erwehren kann.
Der Spannungsbogen steigt dabei zunächst recht gemächlich an. Die ersten 45 Minuten dienen fast ausschließlich dazu, die Ausgangssituation vorzustellen und die Hauptfiguren einzuführen. Ruth Bradley und Christiane Paul geben den schauspielerischen Takt an, dem sich der restliche Cast unaufdringlich und glaubwürdig anschließt.
Dennoch ist es nicht so, dass zu wenig geschähe oder die Protagonisten langweilig wären. Community Officer (eine Art private Polizei in Concordia) Isabel (Nanna Blondell) unterstützt Thea nach Kräften, ist aber bald zwischen der Loyalität zu Juliane und ihrer Pflichtausübung gefangen, Thea selbst vergräbt sich tief in den Fall und kommt einer großen Lüge auf die Spur und Juliane ist in erster Linie daran interessiert, ihr Projekt nicht sterben zu sehen.
Jede Figur hat also starke Motive, mit denen es umzugehen gilt und die dem Publikum in ansprechend geschriebenen Dialogen, aber auch Gestik und Mimik seitens der Schauspielenden nahegebracht wird.
Hinzu gesellt sich die rätselhafte Fluchtszene zweier junger Frauen nach Deutschland, deren Identität in der Debütfolge nicht offenbart wird, die aber offensichtlich vor irgendetwas große Angst haben. Die Frage, was hier genau vorgeht, klärt sich zumindest ansatzweise im zweiten Teil, denn eine der beiden Flüchtenden ist Olivers Ex-Freundin Elodie (Alba Gaïa Bellugi), die möglicherweise über wichtige Informationen für die oben bereits erwähnte Aktivstengruppe „Faceless“ verfügt.
Die Geschichte nimmt mit anderen Worten schon in den letzten Szenen von Episode eins, Der Mord Fahrt auf und zieht ab Folge zwei, Der Verdacht mächtig an, gut gesetzte Plotpoints und Enthüllungen inklusive.
Fazit
Concordia wirkt bisweilen vielleicht etwas zu gemächlich, bietet dem Publikum aber eine gut gemachte und erzählte Geschichte mit interessanten sozialkritischen und philosophischen Überlegungen an. Was ist man bereit, für das (scheinbare) absolute Glück zu opfern? Wie weit sollte, kann und darf das Vertrauen in künstliche Intelligenz gehen? Hat ein Überwachungsstaat nicht doch das Potential, Menschen ein friedvolles Zusammenleben zu garantieren? Diese Fragestellungen bewegte das Autorenteam offenbar, als es diese sehenswerte und insgesamt gelungene Miniserie erschuf. Die Prämisse ist spannend, die Thrillerelemente sind geschickt eingewoben und die schauspielerischen Leistungen gehen voll in Ordnung. Lediglich ein wenig mehr Tempo wäre hier und da gut gewesen. Dafür vergeben wir 4 von 5 Monitoren.