Colony 1x01

Der US-amerikanische Kabelsender USA Network, einst die Heimat von Serien wie Monk, Burn Notice und Covert Affairs, ist im Sommer letzten Jahres mit dem Überraschungserfolg Mr. Robot auf beeindruckende Art und Weise in die Sphären des qualitativ hochwertigen Prestigedramas vorgedrungen - ein Attribut, das man bisher eher weniger mit dem Sender in Verbindung brachte. Im Fahrwasser dieser gesteigerten Aufmerksamkeit präsentiert uns USA Network zu Beginn des neuen Jahres nun den nächsten Versuch, bei den ganz Großen des Seriengeschäfts mitzumischen. Dafür hat man Lost-Mitschöpfer Carlton Cuse (Bates Motel, The Strain) und den noch recht unerfahrenen Ryan J. Condal („Hercules“) engagiert, die das ambitionierte Sci Fi-Drama Colony auf die Beine gestellt haben, welches am 14. Januar 2016 Premiere gefeiert hat.
Die Pilotepisode kann sich durchaus sehen lassen: Cuse und Condal ist es gelungen, eine interessante Version unserer Welt zu schaffen, in der man zwar auf eine sehr klassische Sci Fi-Prämisse - die Kolonialisierung der Erde durch außerirdische Lebensformen - zurückgreift, diese jedoch ansprechend verpackt. Während einige Aspekte der Pilotepisode uns vor äußerst spannende Fragen stellen (zum Beispiel, wie weit man bereit ist zu gehen, um das Beste für sich und seine Familie zu bezwecken), greift an anderen Stellen noch nicht jedes Rädchen ineinander. So kommen ein paar Zweifel bei der Besetzung der Hauptrollen auf, ebenso darf man skeptisch sein, ob die Serienmacher aus dem weiteren Format auch wirklich das herausholen können, was sie uns in der Auftaktfolge versprechen. Die Chance, dass aus „Colony“ ein überdurchschnittliches TV-Drama werden könnte, ist aber allemal vorhanden.
Occupational Law
„Colony“, das erfrischenderweise auf keiner Sci-Fi-Romanvorlage basiert, erzählt die Geschichte von einer Welt, die von außerirdischen Invasoren kolonialisiert wurde, die mit harter Hand über die Menschen walten. Der in Los Angeles lebende Familienvater Will Bowman (Josh Holloway) erfährt die imperialistische Herrschaft der Besucher aus dem All tagtäglich am eigenen Leib, fügt sich jedoch wie seine Frau und Kinder so gut wie möglich, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Gleichzeitig lässt ihn aber das furchtbare Schicksal eines seiner Kinder, das am Tag der Ankunft der Außerirdischen im allgemeinen Trubel spurlos verschwand, nicht los.
Will, der einst als Special Agent für das FBI kriminelle Flüchtlinge gejagt hat, findet sich schon bald in einem moralischen Konflikt wieder. Von den menschlichen Stellvertretern der außerirdischen Kolonialherren erhält er das Angebot, für diese die Widerstandsbewegung um den geheimnisvollen Anführer Geronimo auszuhebeln. Im Austausch für seine Dienste könnte er nicht nur seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen, auch die Suche nach seinem verschwundenen Sohn könnte eine neue Wendung zum Positiven nehmen. Während Wills Frau Katie (Sarah Wayne Callies) entschieden gegen die Zusammenarbeit ist, muss sich dieser jetzt entscheiden, ob er im Sinne des Allgemeinwohles gegen die Unterjochung der Menschheit ankämpft oder mit Blick auf die Sicherheit seiner Familie den Pakt mit dem Teufel eingeht.

Resistance
Wie bereits erwähnt, ist das Thema Kolonialisierung der Erde durch außerirdische Lebensformen recht beliebt im Sci-Fi-Genre (die Syfy-Miniserie Childhood's End ist nur das jüngste Beispiel). In „Colony“ tauchen wir nun ebenfalls in eine Welt ein, in der totalitäre Alien-Herrscher und deren Bücklinge auf den menschlichen Widerstand treffen, während sich unsere Protagonisten zwischen diesen beiden Fronten wiederfinden und zwangsläufig vor die schwierige Entscheidung gestellt werden, welcher Seite sie sich zugehörig fühlen sollten.
Was bringt es mir, gemeinsames Spiel mit meinem Tyrann zu treiben und die Vorteile dieser Kollaboration zu genießen? Sollte ich mich nicht für Rechte meiner Mitmenschen einsetzen und dem diktatorischen Regime entschlossen die Stirn bieten, auch wenn dies schreckliche Konsequenzen für mich und meine Nächsten haben könnte? Darf ich mein Leben als Elternteil überhaupt riskieren? Die vielleicht nicht sonderlich originelle, aber doch zeitlose Grundprämisse wirft in der Pilotepisode immer wieder sehr interessante Fragen auf.
Perspective
Hier liegt auch die größte Stärke der ersten Folge von Colony, in der das Setting eher minimalistisch, aber sehr real etabliert wird. Man findet sich als Zuschauer erstaunlich schnell in dieser Welt zurecht, stellt sich die gleichen Glaubensfragen wie die Figuren und kann deren Dilemma absolut nachvollziehen. Regisseur Juan José Campanella verzichtet darüber hinaus auf zu viel Effektgewitter und setzt nur vereinzelt auf CGI-Animationen, während er angenehm unaufgeregt das Leben der Familie Bowman und die aktuelle Lage in und um das fremdbesetzte Los Angeles inszeniert. Die Menschen haben sich neu organisiert, kleine Schmuggelgeschäfte bestimmten den Alltag, der immer wieder durch Razzien der menschlichen Einsatzkräfte der Kolonialherren unterbrochen wird.
In „Colony“ ist die überwachungsstaatliche Präsenz der Alien-Invasoren schon längst zur gespenstischen Normalität geworden. Immer wieder schwingt bei den Figuren große Angst sowie das Bestreben, etwas an den Umständen zu ändern, mit. Dieses Gefühl des permanenten Unwohlseins, der Hilflosigkeit, sich fügen zu müssen, um nicht zur Zwangsarbeit verdonnert zu werden (oder sogar noch schlimmer), transportieren auch die DarstellerInnen sehr glaubhaft. Wobei ich auf Seite der Schauspielriege nach der Pilotepisode ein paar Zweifel hege. Josh Holloway und Sarah Wayne Callies bilden ohne Frage das schauspielerische Rückgrat des Formats. Auf der anderen Seite bin ich skeptisch, ob beide tatsächlich über die Fähigkeit verfügen, über einen längeren Zeitraum auf hohem dramatischem Niveau abliefern zu können.
On the inside
Holloway (Lost, Intelligence) verfügt über das typische Sawyer-eske Erscheinungsbild, sein Schauspiel lässt aber (noch?) das gewisse Etwas vermissen. Auch Callies' Darbietung ist sehr solide, ab und an dürfte sich der eine oder andere aber an ihre zum Ende hin furchtbar nervige Rolle der Lori in The Walking Dead erinnert fühlen, als Callies immer wieder den gleichen, sorgenvollen Gesichtsausdruck aufsetzen durfte. Wie bei der gesamten Serie sehe ich, was die beiden Hauptdarsteller betrifft, noch etwas Luft nach oben. Die Nebenrollen sind indes namhaft und passend besetzt, Peter Jacobson (Ray Donovan) gefällt sehr gut als schmieriger, nicht zu unterschätzender Proxy Alan Snyder, während wir am Ende noch einen kurzen Blick auf Altmeister Paul Guilfoyle (CSI: Crime Scene Investigation) erhaschen, der anscheinend ein hohes Tier in der Widerstandsbewegung spielt.
Zum Ende der Episode offenbart man uns dann noch die große Wendung der Episode, die man zugegeben schon aus einiger Entfernung auf einen zukommen sieht: Nachdem Will zugestimmt hat, für Proxy Snyder auf Widerstandskämpferjagd zu gehen, zeigt sich, dass seine Frau Katie Teil dieser Gruppierung ist und fortan als wertvolle Informantin dienen kann. Es bleibt zu hoffen, dass Cuse und Condal ihre Serie nicht allzu sehr auf (mehr oder minder) überraschende Twists gebürstet haben, sondern in den nächsten Episoden die komplizierte Beziehung der Eheleute sowie den inneren Konflikt thematisieren. Dieser Aspekt birgt einiges an Potential und Spannung, umso bedauerlicher wäre es, wenn man die Aussichten auf gutes Charakterdrama für reißerische Enthüllungen im Wochentakt opfern würde.

Good things come to the loyal
Eine andere Sorge von mir, dass das viel versprechende Potential von Colony und seiner Welt etwas verschenkt werden könnte, ist die weitere Ausrichtung des Formats. Werden wir nun eine Art „Fall der Woche“-Erzählung zu sehen bekommen, in der Will immer wieder neuen Hinweisen zu den Aktivitäten des Widerstands nachgeht? Dies hört sich nicht ganz so verlockend an wie eine große, zusammenhängende Handlung, in der der Fokus mehr auf den Charakteren liegt, als auf den Dingen, die um sie herum passieren. Vage Ansagen wie von Proxy Snyder, dass der wichtigste Tag in der Geschichte der Menschheit bevorsteht, machen zwar neugierig. Aber ich persönlich bin mehr daran interessiert, was der neue „Job“ von Will für die Familie Bowman und im Speziellen Katie bedeutet, die sich als Anhängerin des Widerstands auf ein sehr riskantes Spiel einlässt.
Das Ende der ersten, zehnteiligen Staffel können sich einige Zuschauer sicherlich jetzt schon denken. Entscheidend wird sein, den Weg dorthin nicht mit austauschbaren Ermittlungen der Woche zu füllen, sondern mit einer packenden Erzählung, in der sich die Figuren immer wieder mit ihren Motiven und Beweggründen kritisch auseinandersetzen. „Colony“ stehen nach seiner insgesamt sehenswerten, wenn auch nicht herausragenden Pilotepisode sämtliche Türen offen. Ich bin gespannt, welchen Weg Carlton Cuse und Ryan J. Condal einschlagen werden, ob meine Zweifel hinsichtlich der beiden Hauptdarsteller widerlegt werden können und USA Network möglicherweise einen weiteren guten Griff mit dem Sci-Fi-Drama getätigt hat.
Trailer zu „Colony“:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 15. Januar 2016Colony 1x01 Trailer
(Colony 1x01)
Schauspieler in der Episode Colony 1x01
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