
Vorweg muss ich zugeben, dass ich kein großer Krankenhausdramenenthusiast bin. Emergency Room lag vor meiner Infektion mit dem Serienjunkie-Virus, von Scrubs und House und Grey's Anatomy habe ich jeweils nur ein paar vereinzelte Episoden gesehen. Entsprechend unbelastet stürzte ich mich also in die Sichtung der Pilotepisode von Code Black, einem neuen CBS-Drama, für das Michael Seitzman und David Semel den gleichnamigen Dokumentarfilm von Ryan McGarry aus dem Jahre 2013 adaptierten.
I need a hero
Erzählt wird die Geschichte von der geschäftigsten Notaufnahme in ganz Amerika, dem „ER“ des fiktiven Angels Memorial-Krankenhaus in Los Angeles. Bevor Oberkrankenpfleger Jesse den neuen, aufgeregten Residents in großartiger Luis Guzman-Manier die Spielregeln dieses hektischen Ortes erklären kann, werden wir Zuschauer von einer Einblendung darüber aufgeklärt, was der Serientitel überhaupt bedeutet. Der „Code Black“ ist immer dann erreicht, wenn so viele Patienten ankommen, dass sie vom bestehenden Personal nicht ausreichend versorgt werden können.
Die nächste Tafel erklärt, dass dies in durchschnittlichen Krankenhäusern fünfmal im Jahr vorkomme. Im „Angels“ gibt es järhlich 300 solcher Fälle. Dementsprechend hektisch geht es in der Notaufnahme zu - und dementsprechend flexibel müssen die neuen und alten Ärzte auf die täglichen Herausforderungen reagieren können. Deshalb hat sich die Notaufnahmeveteranin Leanne Rorish (Marcia Gay Harden) ein besonders rigides Programm ausgedacht, um unter den Neuankömmlingen die Besten herauszufiltern.
Malaya (Melanie Chandra) erweist sich schnell als diejenige, die die überwältigenden Herausforderungen am besten annimmt. Angus (Harry Ford) hingegen ist eigentlich nur da, weil er in die Fußstapfen seines Vaters und Bruders treten wollte. Nach seinem ersten Tag muss er jedoch erkennen, dass ihm soviel Aufregung eventuell doch etwas zuviel ist. Der gutmütige Guthrie (William Allen Young) findet für beide die richtigen Worte: „A typical night in this joint.“ Zu dem Zeitpunkt ist aber längst klar, dass hier nur überlebt, wer Nerven aus Stahl hat.

Der selbstbewusste Mario (Benjamin Hollingsworth) scheint mit all der Aufregung keine Probleme zu haben, offenbart aber gegenüber Christa (Bonnie Somerville) trotzdem bald einen Minderwertigkeitskomplex, weil sie ganz offensichtlich viel weiß und er wenig. Besonders hilfreich ist das für sie vorerst nicht. Nachdem sie ein Bonmot Leannes falsch interpretiert hat, wird sie von der gnadenlosen Ausbilderin postwendend gefeuert. Erst dank einer Auseinandersetzung mit Mario hat sie den glücklichen Einfall, der ihr den Job rettet.
Show us the magic
Überdies gibt es einen kurzen Moment der Besinnung mit Leanne, in der beide einander ihre größten Lebenstraumata anvertrauen. Ansonsten wird die Charakterarbeit im Piloten zugunsten vieler Actionszenen hintangestellt. Es bleibt zu hoffen, dass die Figuren in kommenden Episoden eingehendere Charakterisierung erfahren, statt in ihren holzschnittartigen Rollen zu verharren. Ohne viel Erfahrung mit Krankenhausserien zu haben, fällt es leicht, die Vorbilder dieser Figuren zu erkennen.
Zum Ensemble gehören außerdem Raza Jaffrey (Homeland) als Dr. Neal Hudson, der straight shooter-Gegenpart zum selbsterklärten Cowboy Leanne, und Kevin Dunn (Veep) als Chef der Notaufnahme. Es ist wahrlich erstaunlich, welch großes schauspielerisches Talent für diese Serie gewonnen werden konnte. Dieser exzellenten Besetzung ist es denn auch zu verdanken, dass die hinreichend bekannten Charaktertypen auf ein höheres Niveau gehoben werden. Etwas unfair erscheint das Casting der arrivierten Ärzte gegenüber dem der Neulinge, die gegen diese erfahrenen Charakterdarsteller in der Auftaktepisode noch keinen Stich machen können.
Die einzelnen Fälle würden indes auf sich allein gestellt keinen besonderen Eindruck machen, entfalten in Kombination jedoch eine ungeheure emotionale Wucht. Mit fortschreitendem Verlauf der Episode wird es in der Notaufnahme immer hektischer, bis das zentrale Action-set-piece erreicht ist, während dem ich tatsächlich kurz das Atmen vergaß und in meine Unterlagen nur „Megachaos“ notierte. Leanne nimmt währenddessen einen improvisierten neurochirurgischen Eingriff vor, während sie und Neal (der selbst ebenfalls mit einer Operation beschäftigt ist) über das Telefon Christa anweisen, im Krankenwagen einen Kaiserschnitt durchzuführen.

Danach heißt es erstmal: durchatmen. Den aufwühlendsten Teil haben wir damit zwar überstanden, der emotionale Keulenschlag steht jedoch noch aus. Nachdem die junge Ariel (Emily Alyn Lind) bereits als Kind ihre Mutter verloren hat, muss sie nun der bitteren Wahrheit ins Auge blicken, dass auch ihr Vater bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. In ihrer Wut versucht sie zunächst, seine Organspende zu verhindern, wobei sie aber von der wenig einfühlsamen Leanne daran erinnert wird, dass sie auf diese Entscheidung keinen Einfluss hat.
Sometimes you just gotta be a cowboy
Am nächsten Morgen, als die Wut der Trauer gewichen ist, lernt sie schließlich Vanessa (Ariana Molkara) kennen, der durch eine Herztransplantation das Leben gerettet wurde. Diese Szene mag manipulativ inszeniert sein, sie mag ein wenig zu stark auf die Tränendrüse drücken - für mich hat sie trotzdem hervorragend funktioniert. Auch für Leanne sind solche Momente Motivation zum Weitermachen. Ein Kollege fasst das in einfache Worte: „That's why I work here.“
So gut diese Worte in der dazugehörigen Szene eingesetzt sind, so oft zielt Drehbuchautor und Serienschöpfer Michael Seitzman daneben. Es ist alleine Hardens enormem Schauspieltalent zu verdanken, dass manch ihrer Sätze nicht ins Lächerliche überschwappen. Show, don't tell sollte auch für diese Serie die oberste Maxime sein, wo sie es doch so wunderbar schafft, die alltägliche Hektik in dieser Notaufnahme zu porträtieren. Da sind Dialogzeilen wie die folgende schlichtweg überflüssig: „Life is measured here in split seconds. Hesitate, and people die.“ Oder diese: „We're gonna kill him to save him.“ Oder diese: „Trepidation is a deadly quality in this place.“
Während das Drehbuch also einen letzten Schliff gebrauchen könnte, befindet sich das Setdesign bereits auf einem außergewöhnlich hohen Niveau. In dieser Notaufnahme liegt überall Schmutz, wir Zuschauer können all das vergossene Blut und all den vergossenen Schweiß förmlich riechen. Die Geräte wirken abgenutzt und verschlissen - wie die Menschen, die an ihnen arbeiten. Die Kameraführung von Curtis Wehr (Terriers!) unterstützt das hektische Gefühl beim Zuschauer, als befinde er sich mittendrin im Getümmel um Leben und Tod.
Code Black mag der x-te Aufguss eines Krankenhausdramas sein - kennt man sie jedoch nicht alle, kann man sich von der atemlosen Umsetzung problemlos mitreißen lassen. Das bisweilen dürftige Drehbuch wird indes vom exzellenten Ensemble aufgefangen, angeführt von „Papa“ Guzman und „Mama“ Harden. Die beiden Charakterköpfe setzen hier ihre jahrzehntelange hervorragende Arbeit im Schatten der Stars fort und bekommen nun endlich selbst die Hauptrollen. Das kann jeder Serie nur guttun - Code Black tut es sogar sehr gut.