Cobra Kai: Review zum Auftakt des Karate-Kid-Revivals

© illiam Zabka in „Cobra Kai“ (c) YouTube
Die um sich greifende Exhumierung nostalgischer Unterhaltungsprodukte mit Wiedererkennungswert hatte das „Karate Kid“-Franchise bereits 2010 ereilt. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein Remake mit Jackie Chan und Jaden Smith produziert, das eigentlich „Kung Fu Kid“ hätte heißen müssen und in China spielte. Über YouTubes kostenpflichtigen VoD-Dienst Youtube Red erreicht uns nun ein Serienrevival, das die Rivalen des Originalspielfilms von 1984 zurück auf den Bildschirm holt, sich aber vornehmlich auf das von William Zabka gespielte Martial-Arts-Scheusal Johnny Lawrence konzentriert, der sich damals mit dem Protagonisten Daniel LaRusso (Ralph Macchio) anlegte und im Showdown-Turnier besiegt wurde.
Die erste Episode Ace Degenerate zeigt uns, dass die Rollen von Favorit und Underdog sich in der Zwischenzeit umgedreht haben. Daniel-san, der sich damals schon für Autos interessierte, ist sehr erfolgreich mit seinem LaRusso-Autohandel, dessen penetrante Werbespots versprechen, die Konkurrenz mit Füßen zu treten. Das geht besonders Johnny auf den Karate-Keks, der sich nie von der Schmach des finalen Kranich-Tritts seines Kontrahenten erholt hat und sich vielleicht deshalb charakterlich kaum weiterentwickelt hat. Unentwegt wettert er gegen Immigranten, Frauen und „Weicheier“, wagt sich betrunken ans Steuer und geht im Suff beinahe auf eine Gruppe Mädchen los, was es denkbar schwierig macht, ihn als Antiheld anzufeuern, egal wie schmierig und aalglatt Daniel heute ist. Nach einem besonders harten Tag, an dem Johnny seinen miesen Job verliert, wird er Zeuge davon, wie eine Gruppe junger Fieslinge sich über seinen neuen Nachbarn Miguel (Xolo Mariduena) hermachen und kommt dem Jungen mit seinen Karatefähigkeiten zur Hilfe.
Miguels Wunsch, sich von Johnny zur Selbstverteidigung im Kampfsport ausbilden zu lassen, lehnt sein Retter zunächst ab, ebenso wie das Geld seines Stiefvaters Sid (Ed Asner), der sich von ihm freikaufen möchte. Das ändert sich jedoch, als Johnny seinen beschädigten Sportwagen ausgerechnet in der LaRusso-Werkstatt abholen muss und dabei in nur einer von vielen Fremdschämszenen gedemütigt wird und herausfindet, dass Daniels Tochter Samantha (Mary Mouser) in den Unfall mit seinem geliebten Wagen verwickelt war. Aus äußerst fragwürdigen Motiven nimmt er den gutmütigen Miguel schließlich doch unter seine Fittiche und gelobt, das alte Dôjô seines erbarmungslosen Sensei mit dem Geld seines Vaters wiederzueröffnen, um den „liebenswerten“ Leitsatz „Strike First, Strike Hard, No Mercy“ erneut unters Volk zu bringen.
In der zweiten Episode Strike First erhalten wir einen Einblick in Daniels derzeitiges Leben, das auf den ersten Blick perfekt erscheint. Zu seiner Tochter, die neuerdings mit den mean girls der Schule abhängt, findet er allerdings keinen Zugang mehr und auch mit seinem verwöhnten Sohn Anthony (Griffin Santopietro) könnte es besser laufen. Zu dumm, dass sein weiser Mentor Mr. Miyagi nicht mehr da ist, um ihm zu helfen (Schauspieler Pat Morita verstarb bereits 2005) - Miyagi wird an dieser Stelle Tribut gezollt. In einem Versuch, sich nach einem Streit um die Beziehung zur Tochter zu bemühen, lädt Daniel den Schwarm seiner Tochter, einen gewissen Kyler (Joe Seo) zum Essen ein und findet dabei heraus, dass er in einen Kampf geraten ist. Ebenjene Konfrontation aus der ersten Episode.
In der Schule bekommen wir es mit klassischem Highschooldrama zu tun, welches nicht mehr an die Jugendfilme der 80er Jahre erinnern könnte: Miguel gesellt sich in der Cafeteria zu den Nerds am Außenseitertisch und wird von Samanthas gemeinen Freundinnen verspottet, zu denen sich schließlich die populären Fieslinge gesellen. Ein Versuch von Miguel, sich mutig und im Sinne des „Strike First“-Credos an die Schulschönheit heranzumachen, fällt flach, was ihm weitere Lektionen bei Sensei-douchebag beschert. Dabei könnte sich Johnnys rebellischer Sohn, der erneut in Schwierigkeiten gerät, vermutlich eher eine Scheibe von Miguel abschneiden, dessen Korrumption durch Johnny eher unschön anzusehen ist.
Daniel konfrontiert Johnny am Ende bezüglich der Schlägerei mit den Minderjährigen und erhält im Gegenzug ungebetene Ratschläge zum fragwürdigen Umgang seiner Tochter. Nach einigem Hin und Her sehen beide ein, dass die alte Fehde noch lange nicht vorüber ist und sie sich persönlich (oder durch ihre jungen Champions vertreten) auf der Matte zur Revanche wiedersehen werden.
Fazit
Cobra Kai liefert in den ersten beiden Auftaktepisoden zahlreiche Referenzen auf den klassischen Jugendsportfilm, auch wenn sich nicht jede als clever geschriebener Treffer erweist und der Humor höchstens als tragikomisch durchgeht. Daniel und Johnny präsentiert die Serie als glaubwürdig weitergesponnene Charaktere, deren Darsteller offenbar viel Spaß am Wiederaufleben der Rollen haben. Nur ist Zabka vielleicht schon etwas zu erfolgreich in der Darstellung von Rohling Johnny, der in den ersten beiden Folgen mit keinerlei mildernden Qualitäten aufwartet. Kombiniert mit Fremdschämmomenten en masse und dem (gewollt?) trashigen Schulhofdrama im Geiste der 80er, haben wir es bisher mit einem fragwürdigen Vergnügen zu tun, das von der angespannten Atmosphäre her eher an „Karate Kid III“ als den inspirierenden Originalfilm erinnert und sich im Laufe der Zeit hoffentlich noch steigern kann.
Die ersten beiden Folgen von „Cobra Kai“ sind derzeit auch ohne Bezahlung bei YouTube zu sehen: