
Wie die letzten Monate gezeigt haben, hat das amerikanische Videoportal Hulu durchaus Gefallen an der Produktion eigener Serien gefunden. Nachdem man in der ersten Jahreshälfte mit der Stephen-King-Romanadaption 11.22.63, dem sehenswerten Kultdrama The Path und der japanischen Horrorminiserie Crow's Blood aufwarten konnte, präsentiert man uns nach kleiner Verschnaufpause nun neben Teenie-Schocker-Drama Freakish seit dem gestrigen Mittwoch auch die neue Serie Chance, eine Adaption des gleichnamigen Buches von Kem Nunn (Deadwood, Sons of Anarchy), der gemeinsam mit Alexandria Cunningham (Desperate Housewives, Prime Suspect) auch die Idee zur Serie entwickelte.
In „Chance“ folgen wir der gleichnamigen Titelfigur Eldon Chance, ein in San Francisco beheimateter forensischer Psychiater mit exzellenten analytischen Fähigkeiten, dessen genauen Einschätzungen von psychischen Krankheitsbildern oft als zweite Meinung eingeholt werden, um zu bestimmen, wie mit einem Patienten weiter verfahren werden soll, welcher Therapeut oder welche Therapeutin am ehesten geeignet für den Fall ist und auf welchem Weg die beste Soforthilfe gewährleistet werden kann.
Chance selbst muss sich in seinem Privatleben mit einer teuren Scheidung herumschlagen und versucht irgendwie, an die Mittel zu kommen, um seinen finanziellen Ruin abzuwenden. Als er dann aber auf eine psychisch kranke Frau trifft, die von ihrem Ehemann misshandelt wird, entscheidet er sich dafür, ihr zu helfen - nichtsahnend, welchen dunklen Weg er dabei einschlägt...
The good doctor
Für die Hauptrolle in „Chance“ ist es den Machern im Vorfeld gelungen, Hugh Laurie zu gewinnen, den meisten sicherlich aus dem Krankenhausdrama House bekannt. Der Brite, der zuletzt große Freude daran hatte, in der John-le-Carré-Serie The Night Manager einen Bond-typischen Fiesling zu spielen, ist offensichtlich auch das größte Argument, das Nunn und Cunningham hier bieten können, um „Chance“ eine Chance zu geben. Und der erfahrene Laurie wird den Erwartungen an sein Schauspiel mit einer sehr nuancierten, fein abgestimmten Darbietung auch gerecht.
Life sucks
Aber warum verkommt die Pilotepisode von „Chance“ dann dennoch immer wieder zu einer mittelgroßen Geduldsprobe, bei der irgendwie nicht viel rumkommt und ich doch sehr lange im Ungewissen gelassen werde, um zu erfahren, was hier eigentlich das Ziel des Ganzen ist? So gut sich Hugh Laurie schlägt und so sehr er seine neue Serie in vielen Szenen auf ein überdurchschnittliches Niveau hieven kann, so sehr fehlt „Chance“ auch immer wieder etwas mehr Biss und Zug zur Sache.
Man setzt auf ein langsames, unaufgeregtes Erzähltempo und vertraut auf den guten Cast, was an und für sich völlig legitim ist. Ich persönlich fühle mich in der Auftaktfolge jedoch hier und da etwas verloren, als würde die eher ereignisarme Handlung direkt an mir vorbeilaufen. Der Geschichte geht nämlich für den Großteil der ersten Episode der besondere Haken verloren, die Charakterisierung von Eldon Chance ist auch nicht wirklich speziell oder außergewöhnlich. Das mag ja alles ganz nett aussehen und gut gespielt sein, einigermaßen spannend wird es aber, wenn überhaupt, erst im letzten Drittel der Pilotfolge, wenn es eventuell zu spät ist und viele Zuschauer gedanklich schon längst abgeschaltet haben.

In treatment
Kurze Momentaufnahmen zwischendurch zeigen indes, dass durchaus etwas Leben in dem Format steckt. Mehrere Szenen zwischen der Hauptfigur und einem Angestellten eines Geschäfts für Antiquitäten (dessen Besitzer großartig von Clarke Peters - und erfrischend anders als von dem Darsteller gewohnt - gespielt wird) muten fast schon unfreiwillig komisch an und offenbaren eine sehr finstere, brutale Seite von „Chance“, die etwas unerwartet kommt, aber für Schwung sorgt. Irgendwann erschließt sich dann auch eine ungefähre Richtung, in die es gehen könnte, möchte Chance den schmallippigen Hünen D (Ethan Suplee) doch anscheinend dafür benutzen, um den gewalttätigen Ehemann der anfangs erwähnten Frau aus dem Weg zu räumen.
Die Serie probiert sich so immer wieder als klassischer Thriller, in dem noch das eine oder andere Geheimnis gelüftet werden muss. Zu oft fällt dann die Spannung, wenn sie denn vorhanden ist, wieder ab und die Erzählung plätschert wie gehabt kühl vor sich hin. Uninteressant ist es ja nicht, wenn Chance seine verschiedenen Patienten durchgeht und uns klar wird, dass er es einfach nicht mehr ertragen kann, wie ungerecht die Welt zu diesen ist. In der geschundenen Jaclyn Blackstone (Gretchen Mol) findet er nun jemanden, dem er aktiv helfen möchte, eine Person, in deren Leben eine „kleine“ Veränderung (der Tod ihres Mannes) alles verändern könnte. Und zwar sehr wahrscheinlich zum Besseren.
The healer amongst us
Man merkt „Chance“ seine Ambitionen, in die Tiefe zu gehen, in jeder Minute an, die Idee eines fesselnden Psychothrillers und Charakterdramas in Personalunion ist deutlich spürbar, nur in Sachen Ausführung mag es in dem ersten Kapitel der zehnteiligen ersten Staffel noch nicht recht klappen. Anstatt komplett zu packen zieht sich der Plot trotz einige kleinerer Höhepunkte zumeist ziemlich zäh hin. Da kann dann auch Hugh Laurie nicht viel ausrichten, der hier noch am positivesten in Erscheinung tritt und uns einen ersten, vielversprechenden Blick auf seinen Charakter gibt.
Dieser könnte aufgrund seiner moralischen Ambiguität zu einem interessanten Protagonisten heranwachsen, der von einer Entscheidung, das Richtige zu tun, auch wenn jemand anderes dabei zu Schaden kommt, furchtbar korrumpiert werden könnte. Wenn das Drumherum jedoch dermaßen fad und egal erscheint, wie es meiner Ansicht nach zu oft in der Auftaktfolge der Fall ist, dann könnten die Macher relativ schnell Probleme bekommen.
Also: Das große Potential dieser Serie ist erkennbar. Schade nur, wenn am Ende zu wenig daraus gemacht wird. Denn, während ich mir durchaus vorstellen könnte, dass Chance erst nach mehreren Folgen seinen ganz eigenen Reiz entwickelt, tut sich die Pilotepisode sichtlich schwer, mich als Zuschauer von diesem neuen Format vollends zu überzeugen und es weiterzuschauen.
Trailer zur neuen US-Serie „Chance“: