Catherine the Great 1x01

© atherine the Great (c) HBO/Sky
Wer kann einer Dame des britischen Weltreiches schon einen Wunsch ausschlagen, vor allem, wenn sie diesen schon seit langer, langer Zeit hegt? Laut diversen Presseberichten war es die renommierte Schauspielerin Helen Mirren selbst, die gegenüber der Produktionsfirma Origin Pictures vor nicht allzu langer Zeit geäußert haben soll, dass sie doch nur zu gerne mal in die Rolle der berühmten russischen Kaiserin Katharina II., auch bekannt als Katharina die Große, schlüpfen würde. Gesagt, getan! Mit Nigel Williams, der bereits das Drehbuch zur historischen Miniserie „Elizabeth I.“ verfasst hatte, in der Helen Mirren die titelgebende englische Monarchin verkörperte, fand man einen Autor, der prädestiniert für diesen historischen Stoff ist. Und in Regisseur Philip Martin verpflichtete man einen erfahrenen Filmemacher, der zuletzt mehrere Episoden der Netflix-Serie The Crown verantwortete.
Im Auftrag von HBO und Sky präsentieren Origins Pictures und deren Produktionspartner von New Pictures nun das gemeinsame Resultat: Catherine the Great, eine royale Miniserie über eine der berühmtesten Herrscherinnen, die die Welt jemals gesehen hat. Mirrens Wunsch ist also in Erfüllung gegangen, denn sie spielt die russische Kaiserin, welche im Jahr 1762 nach dem Staatsstreich gegen ihren Gatten Zar Peter III. für mehr als 30 Jahre die Regentschaft über das russische Reich übernahm. Die Serie, die am heutigen Freitag, den 4. Oktober ihre UK-Premiere feiert und ab dem 24. Oktober bei Sky in Deutschland zu sehen ist, zeichnet in vier Episoden das Leben Katherinas auf dem Thron nach, wie sie sich nach ihrer Machtübernahme gegen diverse Widersacher erwehren musste, wem sie letztlich noch vertrauen konnte und wer ihr bis zu ihrem Tod im Jahre 1796 wesentlich näherstand, als es so manch einer für möglich gehalten hätte.
Wie inzwischen nämlich mehr als bekannt ist, war Katharina die Große kein Kind von Traurigkeit und schrieb in ihrer Zeit als Regentin so einige pikante Bettgeschichten. Diejenigen, die in der Gunst der Kaiserin standen, erfreuten sich an hohen Reichtümern und großem Einfluss am Hofe. Katherina selbst arbeitete unentwegt an der Konsolidierung ihrer Machtposition und misstraute dabei nicht nur ihren engsten Beratern, sondern auch ihrer eigenen Familie. Dabei war sie selbst mit allen Wassern gewaschen, wie die Auftaktepisode von „Catherine the Great“ zeigt. In dieser wird mehr als deutlich, dass unsere Hauptfigur nicht wirklich zimperlich ist und, wenn es sein muss, durchaus auch über Leichen geht, um ihr eigenes Wohl und ihre Stellung als oberster Souverän von Russland zu gewährleisten. Zwar nahm sie eine bedeutende Rolle in der Historie und Entwicklung des Landes ein, doch hinter dem zaristischen Prunk und den politischen Dekreten steckte offensichtlich eine Frau, die es faustdick hinter den Ohren hatte.
Kein Wunder also, dass jemand wie Helen Mirren Interesse daran zeigt, Katharina die Große zu spielen: ein komplexer und komplizierter Charakter, um den sich die eine oder andere völlig an den Haaren herbeigezogene Legende rankt und dessen imposantes Vermächtnis nur schwer von der Hand zu weisen ist. Dementsprechend dreht sich in „Catherine the Great“ auch alles um die titelgebende Herrscherin, deren eigenwilliges Wesen mit enormer Spielfreude von Mirren wiedergegeben wird. Die Darstellerin bringt mit ihrer natürlichen Ausstrahlung eine sehr erhabene und kontrollierte Attitüde zum Ausdruck. Weitaus spannender zu beobachten ist es jedoch, wenn Katharina aufgrund eines drohenden Machtverlustes ganz außer sich ist und aufgrund der Missgunst, die ihr entgegenschlägt, sehr verbissen und rigoros um ihre Krone kämpft. Wir sehen zum einen die piekfeine Außendarstellung der Herrscherin und zum anderen auch sehr unmissverständliche, mit ein paar deftigen Kraftausdrücken garnierte Unterhaltungen im stillen Kämmerchen, wodurch untermauert wird, dass Katharina nie entspannen kann und permanent Druck verspürt.

Diesen macht sie sich entweder selbst oder aber er wird von außen herbeigeführt, in Form von machthungrigen Beratern oder enttäuschten Liebhabern - oder sogar beides in Personalunion. Die launenhafte Kaiserin genießt die Aufmerksamkeit und ihre Macht, sie treibt aber auch ein riskantes Spiel, weil sie durch ihre zahlreichen Affären die Saat für Probleme sät, die sie in der nicht allzu entfernten Zukunft einholen könnten. Doch was hat sie schon zu befürchten, sie ist immerhin der Chef im Ring, Katherina die Große, unantast- und unangreifbar. Außer, sie lässt es aus freien Stück zu... Helen Mirren stellt sich als eine gute Besetzung für diese flamboyante Figur heraus, wenngleich das gewisse, nur schwer zu definierende Etwas zu fehlen scheint, um auf ganzer Linie zu überzeugen. Und damit sind wir auch schon beim Kernproblem der Miniserie, in der hinsichtlich Ausstattung und Besetzung eigentlich nicht viel verkehrt gemacht wird. Aber eben leider auch nicht besonders viel außerordentlich gut.
Catherine the Great ist ein grundsolides Historiendrama, das manchmal etwas mehr Dynamik und Schwung vertragen könnte, sich grundsätzlich aber keinerlei grobe Schnitzer leistet, wenn es darum geht, Konflikte oder Charaktere zu etablieren. Es handelt sich um eine dramatisierte Geschichtsstunde zu einem Thema, das so einiges hergibt, ob es nun die politischen Irrungen und Wirrungen im russischen Reich und im Europa des späten 18. Jahrhunderts sind oder aber die präzise, teils sehr intime Betrachtung der Titelfigur ist. Das alles ist gewissenhaft aufgearbeitet und wird von einer Reihe an überzeugenden Schauspielerinnen und Schauspielern - Rory Kinnear, Gina McKee, Richard Roxburgh, Kevin McNally und Jason Clark, um die prominentesten Namen zu nennen - zum Besten gegeben. Gelegentlich muten die Darbietungen arg theatralisch an (in seiner Rolle als Katherinas Militärchef und Liebhaber Gregor Potemkin fällt gerade Jason Clark diesbezüglich besonders stark auf), im Großen und Ganzen gibt es aber nicht sehr viel zu beanstanden.
Was jedoch letztlich fehlt, sind etwas Besonderes, überraschende Momente oder gar ein bestimmter Flair, der aus „Catherine the Great“ wahrlich etwas Großartiges und eben nicht nur etwas Solides macht. So ist das Vorgetragene alles andere als schlecht, aber irgendwie auch nicht richtig reizvoll. Understatement ist zwar eine Tugend, in diesem Fall hätte es der Erzählung aber womöglich gutgetan, in der Auftaktepisode ähnlich aufregende Spitzen zu setzen, wie es sie im Leben der echten Katharina der Großen gegeben haben soll. Dafür, dass die Regentin eine solche Bekanntheit hat, gestaltet sich die Miniserie leider zu oft zu zahm und träge. Man muss die Zuschauerinnen und Zuschauer ja nicht gleich mit kaiserlichem Exzess erschlagen, doch der Ersteindruck ist letztlich recht monoton und ein wenig zu farblos, was bei den opulenten Szenenbildern fast schon paradox klingt. Es ist nicht das äußere Erscheinungsbild, das Fragen aufwirft, sondern vielmehr die trockenen „Innereien“ von „Catherine the Great“, die für Zweifel sorgen.
Dabei ist es noch nicht einmal so, dass sich die Figuren in einem extrem gehobenen, übertrieben Duktus miteinander unterhalten. Sie drücken sich ja durchaus kernig aus, was hier schon mal eine willkommene Abwechslung ist und in einem angenehmen Kontrast zum edlen Setting steht. Das ist jedoch auch schon die einzige Besonderheit von Catherine the Great, die das Format hin und wieder auflockern kann. Im Großen und Ganzen mangelt es nämlich an genau solchen Sachen: ungewohnte Erzählelemente, spannende Ideen und eine Umsetzung, die etwas Eigenes auszeichnet. Ohne all das ist der Neustart zwar nach wie vor eine gute historische Miniserie, aber leider auch recht gewöhnlich und uninspiriert, was mit Blick auf das außerordentliche Leben von Katharina der Großen eher schade ist.
Der Trailer zu Catherine the Great:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 4. Oktober 2019Catherine the Great 1x01 Trailer
(Catherine the Great 1x01)
Schauspieler in der Episode Catherine the Great 1x01
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