Castlevania: Review der Pilotepisode

© hat is a man? A miserable little pile of secrets. / (c) Netflix
„Dredd“-Produzent Adi Shankar, der sich in den letzten Jahren mit Bootleg-Kurzfilmen wie zum Beispiel „Power/Rangers“ einen Namen machte, hat diese Woche eine ganze Menge für seine Nerd-Credebility getan: Mittwoch wurde er zum Showrunner der geplanten Assassin's Creed-Serie ernannt, ehe heute die erste Staffel seiner Animationsserie Castlevania auf Netflix erschien, die er im Vorfeld großspurig als „erste gute Videospielverfilmung aus dem Westen“ anpries.
Dass Konamis klassische Horrorspielreihe (genauer gesagt „Castlevania III: Dracula's Curse“) nicht in Japan als Animeserie umgesetzt wurde, sondern stattdessen als US-Cartoon dargeboten wird, wirkt tatsächlich etwas befremdlich, aber es ist nicht so, als hätten sich die Macher nicht das ein oder andere bei den japanischen Kollegen abgeguckt. Das Ergebnis erinnert allerdings weder an Anime, noch westliche Fantasy-Cartoonkost wie „Heavy Metal“ oder die Filme von Ralph Bakshi. Vielmehr bekommt man das Gefühl, die äußerst blutige Version eines Samstagmorgen-Cartoons wie „Masters of the Universe“ oder „Thundercats“ vor sich zu haben.
Walachei, 1455
Die Prämisse des mittelalterlichen Muckihelden, der sich an Draculas vielschichtigem Monsterarsenal vorbeipeitscht, ist bekanntlich simpel genug, bekommt aber dankbarerweise eine stimmungsvoll ausgeschmückte Hintergrundgeschichte verpasst. So befasst sich die erste Episode Witchbottle fast ausschließlich mit Big Bad Dracula (Graham McTavish) höchstpersönlich, dessen magisches und technisch voll ausgestattetes Wanderschloss eines Tages von der wissensdurstigen Lisa (Emily Swallow) aufgesucht wird.

Die mutige junge Frau möchte sich in den Wissenschaften ausbilden lassen und wickelt den Schlossherrn im Nu um den Finger, doch die Liebesgeschichte der beiden wird jäh von den Spielverderbern der katholischen Kirche unterbrochen (typisch!), die Lisa kurze Zeit später als Hexe verbrennen. Natürlich beschwört das den Zorn des Vampirfürsten herauf, der nur Lisa zuliebe seine Rachegelüste im Zaum hält. Er gibt der Kirche ein Jahr Zeit, ihre Zelte abzubauen, trommelt aber vorsorglich eine mächtige Monster-Menagerie zusammen, die ein Jahr später termingerecht über die Walachei herfällt.
Vom besagten Helden, der sich um eben jene Monsterhorden kümmern soll, bekommen wir in der ersten Episode fast ebenso wenig zu sehen wie von Draculas rebellischem Sohnemann Alucard (James Callis), der so gar nicht woke findet, was sein alter Herr da veranstaltet und sich wie Trevor Belmont (Richard Armitage) nur flüchtig blicken lässt. So müssen wir uns noch etwas gedulden bis Peitsche auf Vampirzähne trifft (oder auch nicht, weil Netflix), werden aber immerhin mit von Monstern zerstückeltem Fußvolk entschädigt, was die Action angeht.
Das ungalante, beliebig wirkende Einsetzen der Credits legt im Übrigen nahe, dass die Staffel ursprünglich als Film geplant war, der nur per Netflix-Auflage mit Vor- und Abspann-Unterbrechungen versehen wurde.
Fazit
Es ist immer erfreulich zu sehen, wenn sich auch außerhalb Japans um Animation für ältere Zuschauer bemüht wird und Castlevania macht in seiner ersten Episode gleich eine Menge richtig. Vor allem wird der Franchise-Name nicht nur als Absprungbrett für generisches Monster-Zerschnetzeln verwendet. Stattdessen scheint man aufrichtiges Interesse an der relativ reichen Mythologie der Videospielvorlage zu haben.
Die Animation ist an manchen Stellen nicht ganz so flüssig wie sie sein könnte und das typische US-Cartoon-Problem der menschlichen Köpfe, die bei Bewegung und Perspektivwechsel ihre Form verlieren, ist auch vorhanden. Eine äußerst stimmige Gesamtpräsentation lässt jedoch leicht darüber hinwegsehen. Dazu tragen auch der atmosphärische Soundtrack (obwohl das berühmte Videospiel-Thema fehlt) und McTavishs theatralische Voice-Performance als Dracula bei, die dem kompromisslosen Pathos des Ganzen gerecht wird.