Castlevania 3x10

© erienposter von Castlevania (c) Netflix
Castlevania
Als es damals hieß, dass eine Serie zur Videospielreihe „Castlevania“ kommen sollte, ließ mich das so kalt wie jeden Vampir in seinem täglichen Sarg. Natürlich sagte mir der Name etwas, was bei der schieren Unzahl an „Castlevania“-Spielen, die von der japanischen Schmiede Konami seit 1986 erschaffen und entwickelt wurden, kein Wunder ist. Gespielt habe ich allerdings kaum eines der Spiele, obwohl sie für viele Plattformen - ob nun Konsolen, PC oder gar mobile Geräte - zur Verfügung stehen.
Mit Blick darauf, dass die meisten Adaptionen von Videospielen in Filmform eher dürftig daherkommen - Ausnahmen gibt es leider nur wenige - war mein Interesse an Castlevania auch nicht besonders hoch und die Erwartungen sehr niedrig. Und dann brachte Netflix am 7. Juli 2017 die erste (mit nur vier Episoden sehr kurze) Staffel an den Start und belehrte mich eines Besseren. Nicht, dass ich direkt begeistert gewesen wäre - schließlich ist die erste Staffel eher ein Prolog als ein komplettes Abenteuer und endet, als es gerade anfängt, interessant zu werden. Aber der (animierte) Stil, die Einführung und die Ausarbeitung der verschiedenen Figuren und nicht zuletzt die blutige Action der Kämpfe konnten mich leicht überzeugen, hier am Ball zu bleiben. Hut ab vor Warren Ellis, der bis dato jede Folge der Serie geschrieben hat und dies vermutlich auch in der bereits bestellten, vierten Staffel tun wird.
Aber worum geht es in der Serie Castlevania überhaupt? Grob gesagt um Trevor Belmont (Richard Armitage), den letzten seines Familienclans von Monsterjägern, der sich eher unfreiwillig mit dem Blutfürsten Dracula (Graham McTavish) sowie anderen Gestalten auseinandersetzt. Aber da Dracula nichts Geringeres als das Ende der Menschheit plant, seit seine Frau Lisa Tepes (Emily Swallow) fälschlicherweise als Hexe verbrannt wurde, bleibt Trevor keine andere Wahl, als in die Geschehnisse einzugreifen. Unterstützung erhält er von der Magierin Sypha Belnades (Alejandra Reynoso) und Draculas halbvampirischem Sohn Alucard (James Callis).
Die dritte Staffel
Das Ende der achtteiligen zweiten Staffel stellt an sich einen guten Abschluss der Reihe dar, schließlich wurde Dracula besiegt und in die tiefsten Tiefen der Hölle verfrachtet - jetzt nicht mehr untot, sondern nur noch tot. Lose Enden bleiben nur wenige, wie zum Beispiel die Vampirin Carmilla (Jaime Murray), Isaac (Adetokumboh M'Cormack) oder das Schicksal von Hector (Theo James), während unsere Hauptfiguren Trevor, Sypha und Alucard nun guter Dinge in den Sonnenuntergang reiten könnten. Jedenfalls so mein Eindruck und bevor die dritte Staffel auf Sendung ging, war ich trotz der sehr gelungenen zweiten Staffel skeptisch, ob man ohne Dracula - dem Gegenspieler schlechthin - weitermachen könnte, ohne sich zu stark zu verrenken.

Was am 5. März 2020 bei Netflix dann gezeigt wurde, ist aber über jeden Zweifel erhaben. Man könnte vielleicht monieren, dass aufseiten der Bösewichte hauptsächlich Pläne geschmiedet werden und dass die ganzen Handlungen - von denen wir mindestens vier größere erhalten - letzten Endes (noch) nicht zusammenlaufen, aber offensichtlich ist dieser langsame (aber nie langweilige) Aufbau ebenso beabsichtigt wie das Staffelfinale in Lindenfeld, welches Draculas Rückkehr (vorerst?) verhindert und somit zumindest einen Teilabschluss liefert. Die Intention scheint aber zu sein, möglichst viele Hebel in Bewegung zu setzen, um in der nächsten Staffel direkt dort weiterzumachen, wo unsere alten und neuen Figuren jetzt stehen - und da ist die Vorfreude schon sehr gewaltig.
Denn die besondere Stärke der Serie liegt in den Figuren - ob nun alt oder neu - und den jeweiligen Reisen, die diese auch in der dritten Staffel unternehmen. Diese Reisen finden in einer dunklen, fast schon apokalyptischen Welt statt, die bei jedem einzelnen Charakter ihre Fußabdrücke hinterlässt, die die Rollen von Gut und Böse zu einem unangenehmen Grau ausarten lässt und nicht zuletzt deshalb so faszinierend ist. Nehmen wir zum Beispiel unsere beiden „Helden“ Trevor und Sypha, deren Abenteuer in Lindenfeld den eben beschriebenen Teilabschluss erhält. Doch der Sieg über Sala (Navid Negahban) und dessen Mönche sowie den Kreaturen im Kloster fühlt sich wie ein Tropfen auf dem heißen Stein an, wenn sie kurz darauf entdecken, welch dunkles Geheimnis der Richter (Jason Isaacs) über Jahre hinweg hütete. Statt einer Siegesfeier erhalten die beiden einen weiteren Schlag in die Magengrube. Wie lange können sie da noch ihren eingeschlagenen Weg weitergehen? Eine Frage, die sich mehrere Figuren stellen müssen und welche nicht selten im Vordergrund steht - in allen Handlungssträngen.
Alte und neue Figuren
Carmilla kehrt mit Hector im Schlepptau zu ihren drei Schwestern Lenore (Jessica Brown Findlay), Morana (Yasmine Al Massri) und Striga (Ivana Milicevic) zurück und es dauert nicht lange, ehe sie ihren vampirischen Geschwistern einen neuen Plan unterbreitet, der den Blutdurst ein für alle Mal stillen soll und für die Menschen ähnlich schlimm ausfallen würde wie Draculas Plan der kompletten Vernichtung. Morana und Striga diskutieren die Herausforderungen und ihre Zweifel über den Plan, während Lenore sich um Hector kümmert, der als „Forgemaster“ zwar einen wesentlichen Teilaspekt des Gelingens ausmacht, aber erst noch überzeugt werden muss.
Wichtig ist dabei, dass jede der vier Schwestern und Hector eine eigene Persönlichkeit besitzen und keinesfalls Einigkeit über das weitere Vorgehen herrscht. Die Frage, ob Carmilla sich durchsetzen wird oder ob Lenore ihre Aufgabe erfüllen kann, dominieren diesen Handlungsstrang und sorgen für Spannung beim Zuschauer sowie für Spannungen zwischen den Schwestern. Morana und Striga kommen vielleicht insgesamt ein wenig zu kurz, während unsere Aufmerksamkeit vorrangig auf Lenore und Hector gelenkt wird, deren Beziehung wiederum hervorragend ausgearbeitet und entwickelt wird.

Während in Styria (oder auf Deutsch: in der Steiermark) die nächste große Bedrohung langsam Formen annimmt, folgen wir Isaac und seiner wachsenden Monsterarmee in einem anderen Handlungsstrang. Was eigentlich sehr langweilig wirken müsste - schließlich reist Isaac größtenteils mit seinem Gefolge „nur“ ein wenig herum -, wird immer wieder deshalb interessant, weil Isaac nicht müde wird, den Dialog zu suchen. Das mag manchmal unfreiwillig komisch wirken, wenn er versucht, die Stadtwache davon zu überzeugen, ihn weiterreisen zu lassen, während die Monsterarmee im Hintergrund seelenruhig auf den Ausgang des Gesprächs wartet. Aber allein schon, dass er so oft erst auf Konversation setzt, zeigt auf, dass er nicht zu den schablonenhaften Bösewichten gehört. Vielmehr scheint er sein Vorhaben, sein Weltbild und die eigene Rolle darin laufend zu hinterfragen, womit sein weiterer Werdegang nicht in Stein gemeißelt wird.
Alucard hütet derweil allein das Dracula-Schloss sowie das Anwesen und Wissen der Belmonts, ehe mit Taka (Toru Uchikado) und Sumi (Rila Fukushima) etwas Abwechslung Einzug in sein einsames Leben erhält. Er nimmt die beiden Vampirjäger aus Japan nur allzu gern unter seine Fittiche und wenn es einen Handlungsstrang gibt, der sich als vergleichsweise schwach bezeichnen lässt, wäre es wohl am ehesten dieser. Zu plump kommt die Wendung im letzten Akt daher, vornehmlich, weil Taka und Sumi beziehungsweise deren Motive und Antriebskraft weniger vielschichtig gezeichnet werden, als es bei den anderen Figuren der Fall ist. Dennoch wird diese Erfahrung einen Einfluss auf Alucards weiteren Werdegang haben, der mit seiner „Warnung“ für Neuankömmlinge oder eventuelle Besucher nun verdächtig dicht auf den Fersen seines Vaters wandelt.
Zuletzt noch ein paar Worte zu Saint Germain (Bill Nighy), der äußerlich zunächst einen (schon fast mysteriös) sorgenlosen Eindruck macht, ehe wir im Staffelverlauf mehr über ihn und seine Suche erfahren. Seine Geschichte ist sehr eng mit den Vorgängen im Kloster und somit auch mit Trevor und Sypha verbunden, die letztlich auf seine Unterstützung setzen können und müssen, aber auch größer angelegt als bei den anderen Neuzugängen dieser Staffel. Somit ragt er unter den Neuzugängen ein wenig heraus und gibt uns mit dem Korridor einen Blick auf geradezu fantastische Möglichkeiten, sollte dieser in Zukunft genutzt werden. Ob wir ihn tatsächlich wiedersehen werden?
Fazit
Wie man dem Text da oben hoffentlich entnehmen kann, bin ich regelrecht begeistert von der dritten Staffel und kann die vierte kaum erwarten. Wobei der Unterhaltungsfaktor nicht ausschließlich von Action, Blut, Sex oder allem zusammen ausgeht - denn ohne glaubwürdige, gut ausgearbeitete Charaktere, mit denen sich jederzeit mitfiebern lässt, wären sämtliche Kämpfe bedeutungslos. Faszinierend ist dabei, mit welcher Leichtigkeit Warren Ellis seine Figuren zu zeichnen vermag, die nun ihren Weg fortsetzen und wie schwer und bedrückend ein Staffelfinale doch sein kann, obwohl unsere Protagonisten siegreich sind. Von mir gibt es viereinhalb von fünf Sternen, wobei an der Bestnote nur minimal vorbeigeschrammt wird. Und von Euch?
Hier abschließend noch der Trailer zur 3. Castlevania-Staffel:
Verfasser: Christian Schäfer am Dienstag, 14. April 2020(Castlevania 3x10)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?