Castle Rock 1x10

© ??Castle Rock“ (c) Hulu
Die erste Staffel von Castle Rock ist anders abgelaufen, als ich es anfangs erwartet, ja es mir vielleicht sogar erhofft hatte. Die Hulu-Produktion, die sich das reiche, literarische Lebenswerk von Buchautor Stephen King als Vorlage sowie Inspiration genommen hat, hörte sich vor ihrer Premiere Ende Juli nach der Art Anthologieserie an, die uns Episode für Episode eine neue kleine, schaurige Geschichte erzählen würde. Der gemeinsame Nenner all dieser Kapitel ist wiederum das titelgebende Städtchen Castle Rock im Maine, der US-Bundesstaat, in dem ein Großteil von Kings Erzählungen beheimatet sind. Fans des Autors (ich selbst bin bei weitem kein Experte, was Kings Schaffen angeht) könnten sich so auf ihre wöchentliche Dosis Kleinstadthorror und atmosphärisch dichte, in sich abgeschlossene Schauergeschichtchen freuen, die lose miteinander verknüpft sind.
Es ist jedoch anders gekommen - und das war bereits nach den ersten drei Episoden zu erkennen, die auf einen Schlag zum Staffelauftakt veröffentlicht wurden. Recht schnell zeichnete sich eine doch weitaus zusammenhängendere, lineare Erzählstruktur ab, als es manch einem möglicherweise lieb war (siehe Serial). Andre Hollands Charakter, der Strafverteidiger Henry Deaver, kehrt nach langer Zeit in seine gespenstische Heimatstadt zurück, in der er sich nicht nur um seine demenzkranke Adoptivmutter Ruth (Sissy Spacek) kümmern muss, sondern sich auch dem Fall um einen mysteriösen Mann - „The Kid" (Bill Skarsgard) - widmet, der jahrelang von dem örtlichen Gefängnisdirektor des Shawshank State Penitentiary in einem Käfig gefangen gehalten wurde. Die Zuschauer erfahren in der Folge mehr über Henry, mehr über The Kid, mehr über die verschiedenen Bewohner von Castle Rock und vor allem mehr über den Ort an sich, an dem das pure Böse zu Hause zu sein scheint.
Henry Deaver stellt dabei den roten Faden der Geschichte dar, von ihm aus folgen wir unterschiedlichen Abzweigungen und Nebenhandlungen, bis hin zu den finalen Episoden der Staffel, in denen sich urplötzlich mehrere Wirklichkeiten auftun und nicht wenige Beobachter sich mit Sicherheit die Frage stellen, was noch real und was nur Hirngespinst ist. „Castle Rock“ gibt sich auf der Zielgerade vollends seiner Mystery-Komponente hin und versucht sich daran, eine Schleife um eine Staffel zu machen, in der sich die Verantwortlichen sehr viel vorgenommen haben, aber leider nicht immer zum Punkt gekommen sind. Auch, weil sie ihre eigenen Ambitionen eventuell ein Stück weit überschätzt und die Erwartungen ihres Publikums ein wenig unterschätzt haben...
Das darf man nicht falsch verstehen: Am Ende der ersten Staffel von „Castle Rock“ vertrete ich durchaus die Meinung, dass es sich hier um eine gute, sehenswerte, in einigen Teilen sogar fantastische Serie handelt. Ebenso kann ich aber jeden verstehen, der hier relativ schnell aufgibt. Insbesondere in der ersten Staffelhälfte kann „Castle Rock“ ungemein ermüdend, wenn nicht sogar schrecklich uninteressant sein. In diesem Moment wünscht man sich eine andere Form dieser Serie, ebenjenes Anthologieformat, das uns verschiedene Perspektiven, Charaktere und Geschichten präsentiert, die auch für sich alleine stehen können. Dustin Thomason und Sam Shaw nehmen etwaige Durststrecken jedoch in Kauf, um die Grundlage für das zu etablieren, was sich dann erst in der zweiten Staffelhälfte entwickelt. Das kann ich respektieren. Und dennoch hat mich „Castle Rock“ gerade anfangs sehr oft sehr frustriert.
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Zum Teufel mit dem Teufel
Ich kann nicht einmal in Worte fassen, was es genau in den ersten Folgen der Staffel gewesen ist, das mich so gestört hat. Das liegt eventuell auch daran, dass ich mich kaum an den Inhalt besagter Episoden erinnern kann. Und da liegt das Problem. Es war eine Art belangloses Anreißen von verschiedenen Themen, wie zum Beispiel die Frage danach, wie man das „Böse" definieren kann, ob das überhaupt möglich ist und dass jeder Mensch eine dunkle Seite in sich trägt. Es fehlte schlichtweg eine Art der Dringlichkeit, was beim langsamen Aufbau einer Erzählung überhaupt nicht tragisch ist. Dann muss man die Zuschauer aber eben zunächst anders bei der Stange halten.
Und so gut das quälende Sounddesign und die eindringliche Atmosphäre, die geschaffen wird, auch sind - am Ende hängt nun mal auch viel an den Darstellern und Darstellerinnen, die, so sehr ich den beeindruckenden Cast um Holland, Spacek, Scott Glenn, Melanie Lynskey, Skarsgard und viele mehr schätze, bei mir zu wenig ausgelöst haben. Allen voran Hollands Charakter, über den wir die mysteriöse Welt von Castle Rock betreten, fühlt sich lange Zeit wie ein Fremdkörper an, zu dem man nicht so recht einen richtigen Bezug herstellen kann. Die Fülle an verschiedenen Themen, die auf uns und die Figuren einprasseln, überfrachtet die Erzählung dann sogar eher, als sie komplexer und spannender zu machen.
Es entsteht der Eindruck, dass die Autoren selbst ein wenig umherirren würden. Überall hat man kleine Gedankenzettel abgelegt, die man hier und da mal aufgreift und kurz weiterspinnt, doch im nächsten Moment geht es gleich weiter zur nächsten Idee. Das ist für mich als Zuschauer nicht nur irritierend, es ist auch unbefriedigend und strapaziert meine Bereitschaft, weiter Zeit in eine Serie zu investieren, die viele gute Ansätze zeigt, aber anscheinend nicht dazu in der Lage ist, diese zu finalisieren. Doch einer guten Serie, als die ich „Castle Rock“ wie bereits erwähnt definitiv bezeichnen würde, gelingt eben auch die Trendwende. Und tatsächlich hat das gefühlte Abtasten und Rumprobieren der Macher in der zweiten Hälfte der ersten Staffel ein Ende, fokussiert man sich doch spürbar auf ein bestimmtes Thema, während sich gleichzeitig die Darbietungen ungleich mitreißender und denkwürdiger gestalten, als es noch zuvor der Fall gewesen ist.
Die siebte Episode, The Queen, entpuppt sich beispielsweise als hervorragende, sich auf einen Einzelteil dieses komplizierten Serienapparats konzentrierende One-Woman-Show, in der Sissy Spacek eine zutiefst bewegende Performance zum Besten gibt, die ihr im Normalfall mehrere TV-Auszeichnungen einbringen wird. Aber nicht nur das, die extrem emotionale Bindung, die sich binnen kürzester Zeit zu Spaceks Charakter aufbaut, schlägt so hohe Wellen, dass auch Henry Deaver und die persönliche Leidensgeschichte unter seinem gestörten Vater, der Ruth ebenfalls misshandelt hat, von jetzt auf gleich mehr Relevanz erhält. In gewisser Weise hat man all dies von langer Hand vorbereitet, jedoch ohne anfangs wirklich den Eindruck zu hinterlassen, dass diese Geschichte von besonders großer Wichtigkeit wäre. Nach langem Grübeln entfaltet sich auf einmal die Idee der Macher, deren Potential nicht zu verleugnen ist...

Stadt der Sünde
Aufgrund der vielen Referenzen aus dem Stephen-King-Universum, die sich gerade zu Beginn der Staffel finden lassen, könnte man meinen, dass Sam Shaw und Dustin Thomason den Kennern unter den Zuschauern einen Gefallen tun wollen. Das müssen sie aber gar nicht. Sie können sich auch einfach nur von der Stimmung und Atmosphäre inspirieren lassen, für die King so bekannt ist, was sie in der zweiten Staffelhälfte dann auch endlich tun. Es mag zwar ganz nett sein, wenn Jackie Torrance von ihrem mörderischen Onkel erzählt, nach dem sie sich selbst benannt hat, und zum Abschluss der Staffel sogar mit den Gedanken spielt, ein gewisses Hotel aufzusuchen, um ihr Buch fertigzustellen. Aber es ist am Ende eben auch nur eine Randnotiz. Wesentlich aufregender ist da doch, sich völlig der zentralen Frage dieser Serie hinzugeben, die lange Zeit nur angeschnitten wird: Was ist eigentlich das „Böse"?
Weil das „Böse" so ein unglaublich abstrakte Begriff ist, tun sich bei der Beantwortung dieser Frage viele Antwortmöglichkeiten auf, was den Machern wiederum die Chance gibt, zu experimentieren und die Zuschauer direkt zu involvieren. Wie definieren wir das Böse? Trägt man diese Eigenschaft einfach in sich? Wurde man so beeinflusst, dass man von der Dunkelheit korrumpiert wurde? Gibt es einen Weg zurück, wenn man sich falsch verhalten hat und den finsteren Gedanken nachgegeben hat? In Castle Rock geht man vielleicht arg verkopft an dieses Thema ran, was sich vor allem in der vorletzten und letzten Episode widerspiegelt, in denen man bisweilen gar nicht mehr weiß, wo oben oder unten ist. Am Ende der Staffel bekommt man dann auch folgerichtig keine eindeutige Antwort serviert, was wirklich in dieser unbedeutenden Stadt passiert ist, die schon immer von Unheil und Katastrophen geplagt wurde.
Aber man hat dem Publikum so viel mitgegeben, dass man sich von der indirekten Aufgabenstellung durch die Serienmacher, das „Böse" zu entziffern und zu entmystifizieren, herausgefordert sieht, Antworten zu finden. Im konkreten Fall, ob es in der Serie jetzt wirklich verschiedene Realitäten und Zeitebenen gibt und ein gemeiner Wink des Universums in Zusammenarbeit mit einem wahnhaften Priester, der Gottes Wort vernommen hat, das Böse in einer unschuldigen Seele hervorgebracht hat. Und, ganz abstrakt, wie das „Böse" überhaupt entstehen kann, warum wir es als ein solches wahrnehmen und wie wir es uns vielleicht erklären können. „Castle Rock“ avanciert schlussendlich zu einem spannenden Gedankenexperiment, das inhaltlich reichlich Verwirrung stiftet, auf universeller Ebene jedoch einen nachdenklichen Beitrag zum ewigen Konflikt zwischen Gut und Böse abliefert.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Staffelfinale von Castle Rock verstanden habe. Ich überlege nach wie vor, was die Szene zu bedeuten hat, als sich Bill Skarsgard plötzlich in ein Monster verwandelt und die Wirklichkeit abermals auf den Kopf gestellt wird. Sein finsteres Grinsen, als er von Henry in dem Käfig zurückgelassen wird, aus dem er am Anfang der Staffel befreit wurde, will mir ebenfalls nicht aus dem Kopf. Ist er das fleischgewordene Übel, der Teufel, der Castle Rock heimgesucht hat? Ist er eine Abspaltung von Henry Deaver, der eine traumatische Kindheit verbracht hat? Ist „The Kid" wirklich einst so unschuldig und rein wie ein Kind gewesen und wurde dann so verformt und korrumpiert, dass am Ende etwas dabei herausgekommen ist, das wir als böse bezeichnen würden? Ich weiß es nicht. Und die Serienmacher werden den Teufel tun, es ihren Zuschauern zu verraten. Wir sollen uns schön unsere eigenen Gedanken machen und uns dabei ein bisschen selbst hinterfragen. Und eine Serie, die das schafft, kann keine schlechte sein. Auch wenn man zu Beginn etwas anderes erwartet, ja, sich vielleicht sogar gewünscht hat.
Die erste Staffel von „Castle Rock" ist aktuell im US-Store von iTunes zum Kauf verfügbar. Eine deutsche Sender- beziehungsweise Streamingheimat hat die Serie offiziell noch nicht.
Englischsprachiger Trailer zu „Castle Rock":
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 13. September 2018Castle Rock 1x10 Trailer
(Castle Rock 1x10)
Schauspieler in der Episode Castle Rock 1x10
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