Carol & the End of the World: Review der Pilotepisode

Carol & the End of the World: Review der Pilotepisode

Nichts ruiniert einem die wohlige Routine mehr als der plötzliche Weltuntergang. Genau darum geht es bei „Carol & the End of the World“. Lohnt sich die neue Animationsserie von „Rick-and-Morty“-Autor Dan Guterman bei Netflix?

Szenenbild aus der Serie „Carol & the End of the World“
Szenenbild aus der Serie „Carol & the End of the World“
© Netflix

Wenn in einem halben Jahr die Welt unterginge, was würde man mit der verbleibenden Lebenszeit anfangen? Im animierten Netflix-Zehnteiler Carol & the End of the World geben sich die meisten Menschen ihren hedonistischsten Gelüsten hin: Sie feiern wilde Orgien, tätowieren ihre Körper voll und nehmen jede Droge, die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ihre Arbeit und Pflichten haben sie längst aufgegeben, nur die wichtigsten Grundbedürfnisse werden weiterhin durch das Militär erfüllt. Es ist eine ziemlich entspannte Anarchie, denn auch für echte Verbrechen scheint niemand mehr die Muße zu haben.

Wenn alle verrückt spielen, sind es die Normalos, die aus der Reihe tanzen. Auftritt: Carol, eine Frau mittleren Alters, die mit der Apokalypse so gar nichts anfangen kann. Die Eskapaden auf den Straßen irritieren sie, denn sie sehnt sich wieder nach der Eintönigkeit des Alltags. Während ihre Schwester um die Welt reist und auch ihre schon recht betagten und neuerdings nudistisch lebenden Eltern allerhand Abenteuer erleben, pendelt Carol jeden Tag zwischen ihrem einsamen Zuhause und dem verlassenen Applebee's, der ihr ein Gefühl der Beständigkeit gibt.

Nicht mal mehr ihre Rechnungen darf Carol bezahlen. Der CEO der Bank, der offenbar die Erleuchtung erreicht hat, schreibt seiner übertrieben zuverlässigen Kundin: „Die einzigen Schulden, die Sie nun noch haben, haben Sie bei sich selbst.“ Carol leidet jede Nacht unter Albträumen, denn sie fühlt sich eingeengt durch den allgegenwärtigen Carpe-Diem-Druck. Um Ruhe vor der eigenen Familie zu haben, behauptet sie irgendwann, mit dem Surfen angefangen zu haben.

Bald findet sie tatsächlich ihren Sinn fürs Leben - oder für ihre letzten paar Monate. Am Ende der halbstündigen Pilotepisode macht Carol eine verblüffende Entdeckung: Es gibt noch mehr Menschen wie sie, die den Ausnahmezustand verabscheuen und lieber so tun, als wäre alles wie immer. Ein ganzes Großraumbüro voll mit Artgenossen hat sich in der Stadt versammelt, wo sie völlig sinnfreien Buchhalteraufgaben nachgehen und den kafkaesken Lauf der Dinge still genießen.

Quo vadis, Carol?
Quo vadis, Carol? - © Netflix

Der Serienschöpfer Dan Guterman (zuvor als Autor und Produzent bei Rick and Morty tätig) beschreibt sein Werk als Ode an die Monotonie. Nach dem Motto: Wenn nichts Besonderes passiert, ist die Welt wohl noch in Ordnung. Die Titelfigur der Carol hat er dabei übrigens perfekt mit Martha Kelly besetzt, deren ausdruckslose Stimme schon bei Baskets oder Euphoria nachhallte. Sie verleiht der Serie eine angenehme Tristesse, die ganz anders wirkt als man es von animierten Formaten gewohnt ist. Sonst sind Animationsserien ja meist eher bunt und laut und überdreht...

Lohnt sich „Carol & the End of the World“?

Im USP von „Carol & the End of the World“ liegt sowohl das stärkste Pro- als auch das stärkste Contra-Argument: Ja, die neue Serie des Streamingdiensts Netflix ist einzigartig und schon deshalb sicher einen Blick wert. Gleichzeitig darf es niemanden verwundern, wenn ein selbst erklärter Liebesbrief an die Langeweile stellenweise langweilig erscheint. Das Erzähltempo gleicht einer Schildkröte, bei der man nur hoffen kann, dass sie sich in den kommenden neun Folgen vielleicht nochmal verläuft und ein paar Umwege nehmen muss. Läuft die Geschichte wirklich einfach auf den Untergang der Welt hinaus? Die meisten der Zuschauer:innen werden wohl nie weit genug kommen, um das Finale das zu sehen.

Irgendwie faszinierend ist es, wie der Serienmacher Guterman die spektakulären Züge der Apokalypse in den Hintergrund drängt und damit nur als Tapete verwendet. Er bleibt Carol als Protagonistin treu, obwohl jede andere Person eine sehr viel spannendere Geschichte zu erzählen hätte. Wie gesagt: Die Serie ist etwas Besonderes. Aber das heißt natürlich nicht, dass sie wirklich unterhaltsam ist. Schon allein im Sinne der Mittelmäßigkeit scheint eine Bewertung von dreieinhalb von fünf Planeten perfekt für Carol und ihren Weltuntergang.

Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Carol & the End of the World“, die seit heute bei Netflix abrufbar ist:

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