
© it unterschiedlicher Begeisterung schauen Julia (Amanda Peet) und Brockmire (Hank Azaria) in die Zukunft. / (c) IFC
Jim Brockmire (Hank Azaria) ist eine Witzfigur. Selbst wenn er nicht im Kommentatorenhäuschen sitzt, hört er niemals auf, das Geschehen um ihn herum zu kommentieren. Von sich spricht er in der dritten Person; auch wenn er ohne jede Begleitung unterwegs ist, spricht er laut aus, was er sieht. Im Falle von Morristown, Pennsylvania sind das wilde Hunde, ein Junge mit einer Pistole im Hosenbund oder leicht entflammbares Gras. Letztgenanntes brennt sofort, nachdem er seine Kippe darauf geworfen hat, weil im Ort rücksichtsloses Fracking betrieben wird.
Concentrated Sadness
Er ist dort gelandet, weil ihm zehn Jahre zuvor in Kansas City ein Fauxpas unterlaufen ist, der ihm nicht nur seinen Job gekostet, sondern auch auf eine weltweite Sinnsuche geschickt hat, was ihm neue Tiefen menschlichen Treibens eröffnete. Ausgelöst wurde das durch einen Nervenzusammenbruch in der Sprecherkabine, mit dem nicht nur die Pilotepisode Rally Cap beginnt, sondern der es auch spielend leicht ins unlöschbare Gedächtnis des Internets geschafft hat. Seitdem existiert die Redewendung „Keeping it Brockmire.“
Brockmire selbst weiß davon nichts, als er in Morristown ankommt. Er glaubt, dass sein Ausrutscher längst vergessen wurde, und er sich nun in Ruhe darauf konzentrieren kann, an seine alte Wirkungsstätte zurückzukehren. Deshalb bekommt er von Julia James (Amanda Peet), die ihn aus der philippinischen Hauptstadt Manila und den dortigen Hahnenkämpfen weggelockt hat, einen Crashkurs in Sachen Vergangenheitsbewältigung. Sein „Produzent“, der Social-Media-Kenner Charles (Tyrel Jackson Williams), zeigt ihm einen Zusammenschnitt seiner berühmtesten Ausrutscher. Das Video hat über 50 Millionen Klicks.
Es fällt ihm schwer zu glauben, dass er als Hauptfigur eines der ersten viralen Internetvideos zu einer traurigen Berühmtheit geworden ist: „So people just watch videos of the worst moments of my life and laugh at my pain?“ Wobei er weder verstehen dürfte, was in diesem Zusammenhang „viral“ bedeutet - genau wie es ihm wie eine Fremdsprache vorkommen muss, als Charles seine Qualifikationen aufzählt: Die meisten Twitter-Follower in Morristown und vier Millionen Vine-Loops.

Auch die örtlichen Gegebenheiten können nicht für Hochmut sorgen. Das Stadion befindet sich in einem erbärmlichen Zustand, die Mannschaft ist eine wild zusammengewürfelte Altherrentruppe, deren schwer unsportliche Mitglieder in der Kabine rauchen, und im Radio wird sein Talent auch nicht übertragen; das war nur Julias Notlüge, um sein Interesse zu wecken. Eigentlich will Brockmire nun schon wieder aufgeben, da konfrontiert ihn Julia mit der harten Wahrheit: Für sie beide gibt es kein Leben ohne Baseball.
Welcome to the minor leagues
Weitere niederschmetternde Neuigkeiten erhält er von Charles. Zum einen habe es nicht nur sein Name ins Urban Dictionary geschafft, auch der Vorname seiner Ehefrau Lucy (Katie Finneran), wegen der er seinen Zusammenbruch überhaupt erst erlebt hatte, wird dort nun synonym verwendet mit einem Sexakt, bei dem die Geschlechterrollen mittels Umschnalldildo vertauscht werden. Beim gemeinsamen Genuss der im Nahen Osten und Ostafrika weit verbreiteten Droge Khat traut sich Charles schließlich, mit der ganzen brutalen Wahrheit herauszurücken: „You're 'Brutal Brockmire' 'til the day you die.“
Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Pilotepisode von Brockmire ein amüsanter neuer Eintrag in die Annalen von Peak TV, in dem dank eines starken Drehbuchs von Joel Church-Cooper vor allem die Hauptdarsteller glänzen. Aber dann ist Brockmires erster Arbeitstag gekommen und er beginnt damit, das miserabel besuchte Spiel der „Frackers“ lustlos zu kommentieren. Immer wieder schweift er ab in misanthropische Monologe, die vor Welt- und Selbsthass nur so triefen - bis ein Herr namens Fatty Bombalatty (Joshua Hoover) als Hitter antritt.
Was danach passiert, ist so witzig, dass man es unmöglich schriftlich wiedergeben kann. Man muss es einfach gesehen haben. Meine Kollegen können attestieren, dass ich in diesem Jahr - und vielleicht noch nie seit meinem Start bei SERIENJUNKIES.DE® - einen solchen Lachanfall erlitten habe wie im letzten Drittel der Episode. Nennt mich einfach gestrickt, nennt mich kleingeistig, aber die Elephant Parade wird mir so schnell nicht aus dem Kopf gehen. Alleine dafür hat sich der Auftakt die Höchstwertung verdient.
Pilotepisode von 'Brockmire' bei Youtube