Brockmire 1x08

© zenenbild aus „Brockmire“ / (c) IFC
Auch für die Comedyserie Brockmire haben sich wieder zwei SERIENJUNKIES.DE®-Redakteure im Ring eingefunden, um sich ihre Sicht auf die erste Staffel um die Ohren zu hauen. Nur leider sind sich Axel und Loryn weitgehend einig: Diese IFC-Serie ist ein Überraschungshit für jeden, der Wortwitz, Albernheit und Sportserien mag. Oder?
Loryn: Serien über Baseball? „Nein, danke“, hätte ich vor einigen Monaten gesagt. Doch nach Pitch konnte nun auch Brockmire zu meiner eigenen Überraschung mein Herz erobern. Fairerweise muss man sagen, dass bei letzterer nur wenig Fachkenntnis vonnöten ist, um der Handlung zu folgen. Reingeschaut habe ich durch die Aussicht auf eine paar schöne Episoden mit Hank Azaria, geblieben bin ich dann aber auch wegen einer wunderbaren Amanda Peet.
Denn hinter der Baseballstory mit Augenmerk auf einen gehörnten Ehemann, der einen Neuanfang wagt, findet man eine toll geschriebene Frau, die gleichzeitig stark und verletzlich sein kann. Wir haben Jules gesehen, als Jims Exfrau Lucy (Katie Finneran) in die Stadt kommt. Auch als ihr Freund komplett die Fassung verliert, flüchtet sie sich nicht in die sonst üblichen Überreaktionen, sondern bleibt menschlich. Von den beiden wichtigen Figuren ist sie die mit dem Plan, in doppelter Hinsicht. Sie weiß, wie die Dinge laufen in der Welt, die wir besuchen, und sie hat den Traum, sie ist die treibende Kraft hinter den Ereignissen der Geschichte.
Doch gleichzeitig ist sie nicht eiskalt oder von Perfektionismus getrieben, sie hat offene und versteckte Schwächen. Fast alle ihre Mitarbeiter sind - bei einem männlichen Sportteam logisch - Männer und auch ansonsten sehen wir nur selten, dass sie es in der Baseballwelt, in der sie lebt, mit anderen Frauen zu tun bekommt. Sie setzt sich durch, ohne sich an diese Dominanz anzubiedern.
Und wer hätte gedacht, dass eine Sportserie diejenige sein würde, die eine gute Balance zwischen Komik und Dramatik bei dem Thema Abtreibung findet? Die Art, wie Jules damit umgeht, ist eine der wenigen Szenen im US-Fernsehen, in der ich nicht das Gefühl hatte, einer Mischung zuzusehen, die aus angsterfüllten Sendernotizen und dem Autorenversuch, Mut zu zeigen, besteht. Jules als Figur ist ein kleiner Juwel, der umso schöner glänzt, weil ich nicht dachte, sie in dieser Serie zu finden. Treffen wir uns in ihrer Kneipe, Axel, oder bleibst du lieber in Jims Sprecherkabine?
Axel: Das hier heißt ja eigentlich „Battle Review“, aber was die Figur Jules angeht, wird es zwischen uns keinen Streit geben. Mit ihr hat es Showrunner Joel Church-Cooper eindrucksvoll geschafft, dem Vorwurf des sogenannten Smurfette Principle zu entgehen. Ja, sie ist die einzige weibliche Figur in einem ansonsten männlichen Ensemble, aber das lässt sich beim Porträt einer männlichen Baseballmannschaft eben nicht verhindern. Außerdem sind Charakterzeichnung und Spiel von Amanda Peet so stark, dass diese Kritik von Anfang an ausgehebelt wird.
Wichtig bei Jules ist vor allem, wie ambivalent ihre Figur angelegt ist. Du hast schon die wichtigsten Punkte genannt - vor allem die Darstellung der Abtreibung fand auch ich sehr gelungen -, weshalb ich kurz darauf eingehen möchte, wie zentral die Liebesbeziehung zwischen den beiden Hauptfiguren für die Dramaturgie war. Ich bin mir nämlich noch nicht so sicher, wie gut mir das gefallen hat. Mir sind sie sich jedenfalls eindeutig zu früh gegenseitig um den Hals gefallen. Dann haben sie sich verliebt und dann stand auf einmal schon die große Entscheidung ins Haus - geht Jim oder bleibt er?
Als großer Sportfilm- und -serienenthusiast bin ich natürlich mit einer ganz anderen Grundhaltung als Du an dieses neue Format getreten. Baseball steht bei meinen liebsten US-Sportarten zwar nicht ganz oben, aber ich finde alles, was damit zu tun hat, endlos faszinierend, weil es so uramerikanisch ist. Nicht umsonst nennt man den Sport „America's greatest pastime“. Wenn etwas als besonders amerikanisch beschrieben werden soll, dann wird es entweder mit Apfelkuchen oder mit Baseball in einem Atemzug genannt. (Hier ein kleiner Buchtipp am Rande für alle Baseball- und Coming-of-Age-Fans: „Die Kunst des Feldspiels“ von Chad Harbach - grandios!)

Dementsprechend schade fand ich es, dass die Beziehung zwischen Jim und Jules (krass, mir fällt jetzt erst auf, dass das eine Referenz an den legendären Truffaut-Film „Jules et Jim“ ist) eine so dominante Rolle spielte. Mir haben oftmals die Szenen besser gefallen, in denen Jim oder Jules mit Nebencharakteren agierten. Mein persönlicher MVP ist Charles (Tyrel Jackson Williams), dicht gefolgt vom bösen Gary (David Walton), der am Schluss sehr sehenswert das bekommt, was er verdient hat, und in den letzten beiden Episoden vor allem der überraschend selbstironische Joe Buck, den ich eher als Footballkommentator kenne: „I was born in Florida. Of course, I know what it feels like to have a finger up your butt.“
Ich denke, in Sachen Wortwitz sind wir uns einig, dass „Brockmire“ in der ersten Liga mitspielt. Dies war meine erste IFC-Serie, deswegen war ich ziemlich überrascht, wie heftig Church-Cooper, Azaria und Konsorten zu Werke gehen durften. Ähnliches gilt für den wahrlich krassen Alkohol- und Drogenkonsum, dem Jim und Jules - und natürlich der wahnwitzige Dale (Paul Rae) - frönen. Fand es ja teilweise schon grenzwertig, wie nonchalant mit dem Thema Alkoholismus umgegangen wird. Wie sieht es da bei Dir aus?
Loryn: Für mich blitzt hinter der Lässigkeit im Umgang mit diesen ersten Themen gerade eine echte Wahrnehmung des Problems durch. Es ist die Angst, wenn die Normalität zum Desaster wird. Niemand kommt mit dem Zeigefinger. Den nimmt ohnehin kaum jemand mehr ernst. Und auch sonst verzichten die Serienmacher weitgehend auf die Klischees des Themas. Doch schockierende Unterhaltungen, wie das Gespräch zwischen Brockmire und Joe Buck darüber, zu welchen Tageszeiten Alkohol und Kokain vereinbar mit dem Job sind, wecken bei mir erst den Schrecken, den das Thema haben sollte.
Die Normalität, mit der das zum Leben der Figuren gehört, bringt mich erst dazu, zu schauen, ob ich das aus meinem Leben oder meiner Umgebung kenne - und entgegenzuwirken, falls ich feststelle, dass dem so sein sollte. Also, für mich alles richtig gemacht. Was ich nicht mag, ist die Verharmlosung dieser Themen, wie man sie aus vielen Blockbustern kennt, in denen ein Alkohol-Blackout eher Anlass zu einer lustigen Story statt zu einer Selbsterkenntnis ist. Doch davon sind wir bei der Serie weit entfernt.
Ebenfalls äußerst gut gemacht ist eine andere Szene, die das Zeug hätte, ziemlich fies ins Klischee zu schlittern, nämlich die Trennung am Ende. Ich war geschockt und gleichzeitig fasziniert davon, wie gut die beiden das Drama des Moments rüberbringen. Selbst der etwas pathetische Satz, dass er in einem Jahr zurückblicken werde, kommt am Ende gut an. Denn schon von Beginn an sieht man Jim die Scheuklappen an, mit denen er an die Sache geht. Er hält an etwas fest, was er vor langer Zeit zum Lebensziel erkoren hatte: Er will zurück auf den Olymp, von dem er gefallen ist, doch eigentlich, gar nicht so tief drinnen, weiß er, dass er woanders abbiegen sollte.
Doch - das haben wir in der ersten Staffel über ihn gelernt, so glasklar und schön seine Sätze über Baseball und das Leben auch klingen mögen -, um Reflexionen über das eigene anzustellen, braucht der Mann ein bisschen. Unvergessen für mich der Rückblick, in dem er Lucy in den Arm nimmt und ihr in einer verständnisvollen Stimme sagt, dass er sie genau verstehe, sie wolle eine Mama werden, und dann Katie Finnerans urkomischer Gesichtsausdruck dazu.

Aber zurück zum Finale: Diese wunderbar-chaotisch-furchtbare Beziehung zerbricht wie in Zeitlupe. Jim, der versucht, nicht nach rechts und links zu gucken, Jules, die, von den Ereignissen erst mal völlig vor den Kopf gestoßen, eine Minute braucht, um die richtigen Worte zu finden und die Erkenntnis, dass es nicht geklappt hat. Ich hatte ziemlichen Brockmire-Herzschmerz nach dem Abspann, und du, Axel?
Axel: Ja und nein. Keine Frage, die Abschlussszene ist hervorragend geschrieben und gespielt. Leider war ich aber nie so wirklich an Bord des Jules-und-Jim-Hypezugs, weshalb es mich nun auch nicht zutiefst geschockt hat, dass er die Karriere der Liebe vorzieht. Ausreichend Vorarbeit hat die Serie ja geleistet, um uns klarzumachen, dass Baseball Brockmires größte Liebe ist. Außerdem finde ich es für die bereits bestellte zweite Staffel als Ausgangslage gut, dass wir ein neues Setting bekommen - er in New Orleans beziehungsweise Atlanta, sie in Morristown. Dadurch entgeht das Kreativteam der Gefahr, einfach wieder ähnliche Geschichten wie in Staffel eins zu erzählen.
Auch abseits des großen Liebesdramas hat die Finalepisode für mich glänzend funktioniert. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ziemlich viel Baseball darin vorkam - inklusive mitreißendem pep talk (durch Jules) und vor Sportpathos triefendem, großem Sieg gegen alle Wahrscheinlichkeit. Ich habe einst versucht, meine Schwäche für diese Art von triumphalem Moment zu ergründen, ein wirkliches Ergebnis ist dabei aber nicht herausgekommen. „I'm just a sucker for sports, I guess.“ Ansonsten lieferte It All Comes Down to This - alleine dieser Titel lässt mich schon wohlig erschaudern - die von Brockmire gewohnte Mischung aus flacher Comedy und tiefschürfender Charakterstudie.
Jules' Urinbombenangriff in Garys Büro oder ein wie wild über das Spielfeld rennender, seine Waffe abfeuernder Dale waren schon sehr, sehr witzig. Und dann darf Charles auch noch beweisen, dass er endlich halbwegs begriffen hat, um was es beim Baseball geht. Eine schöne Spiegelung zu Brockmire, der Charles mit seiner Kenntnis von Online-Content-Finanzierungsmethoden überrascht. Welch wunderbare kleine Freundschaft sich da herausgebildet hat. Insgesamt bin ich also auch sehr zufrieden mit dieser ersten Staffel, vielleicht die bislang größte Comedyüberraschung des Jahres.
Loryn: Das war sie für mich auch! Zur Vorbereitung auf die zweite Staffel werde ich mal vielleicht durch deinen Buchtipp blättern und dann können wir beim nächsten Review-Battle auch eine Spielkritik einfließen lassen.
Trailer zur Serie „Brockmire“:
Verfasser: am Samstag, 20. Mai 2017(Brockmire 1x08)
Schauspieler in der Episode Brockmire 1x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?