Broadchurch 3x08

Broadchurch 3x08

Mit dem dritten Staffelfinale verabschiedet sich der britische Qualitätskrimi Broadchurch endgültig von der Mattscheibe und entlässt uns mit einem emotional aufwühlenden Fall für die von Olivia Colman und David Tennant gespielten Detectives Miller und Hardy.

Das Ensemble der dritten Staffel von „Broadchurch“ / (c) ITV
Das Ensemble der dritten Staffel von „Broadchurch“ / (c) ITV
© as Ensemble der dritten Staffel von „Broadchurch“ / (c) ITV

Die erste Staffel von Chris Chibnalls Krimiserie Broadchurch gehört noch immer zum Besten, was das britische Fernsehen in dieser Dekade hervorgebracht hat und wenngleich die zweite Staffel nicht an diesen Hype heranreichen konnte (hier das Staffelreview von 2015), stellte sich mir nie die Frage, ob ich beim finalen Fall von der Küste von Dorset wieder mit dabei sein würde. Eine Beharrlichkeit, die erfreulicherweise mit einer äußerst lohnenswerten Abschlussstaffel belohnt wurde.

Ähnlich wie zu Beginn der ersten Staffel, als die Reaktionen auf den Mord am elfjährigen Danny Latimer wie Schläge in die Magengruben der Zuschauer saßen, leistet sich die dritte Staffel einen enorm aufwühlenden Einstieg, denn im Zentrum steht dieses Mal kein Mord, sondern eine Vergewaltigung. Natürlich kann man sich an dieser Stelle fragen, ob es angemessen ist, eine solche Tat als Aufhänger für einen Whodunnit-Krimi zu verwenden, bei dem in alter Agatha-Christie-Manier mitgeraten werden soll, wer der Täter ist. Die sensible Porträtierung der direkten Auswirkungen nach der Tat, der die gesamte erste Episode gewidmet wird, zerstreut diesen Zweifel allerdings recht zügig, denn „Broadchurch“ macht hier so viel richtig, wo andere Filme und Serien scheitern, wenn es um Darstellung von sexueller Gewalt geht. Die Tat wird nicht gezeigt, theatralisch dramatisiert oder inszeniert und das sich bei der Polizei meldende Opfer ist nicht jung oder konventionell TV-attraktiv, was den Punkt unterstreicht, dass es bei Vergewaltigung eben um Gewalt und Kontrolle und nicht um Attraktivität oder Sex geht.

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Das Opfer Trish Winterman wird von Schauspielerin Julie Hesmondhalgh gespielt, die vor allem aus dem britischen Vorbild der Lindenstraße („Coronation Street“) bekannt ist. Ihre ins Mark gehende, aber auf dem Boden gebliebene und subtile Performance verleiht dieser schwierig darzustellenden Geschichte wahres Gewicht und sollte bei nächster Gelegenheit den ein oder anderen Fernsehpreis wert sein. Olivia Colman und David Tennant reagieren als Detectives Ellie Miller und Alec Hardy mit einer jeweils unterschiedlichen Mischung aus Entrüstung und Professionalität auf die brutale Tat und dass sie das ebenso mühelos wie wundervoll absolvieren, überrascht niemanden mehr, der mit den ersten beiden Staffeln oder anderer Arbeit der Hauptdarsteller vertraut ist.

Es dauert nicht lange, bis ein Ensemble an Verdächtigen zusammengestellt ist, die zum Teil zur Partygesellschaft des 50. Geburtstags ihrer Freundin Cath Atwood (Sarah Parish) zählten. In der schicksalhaften Nacht war deren Ehemann Jim (Mark Bazeley) zugegen, mit dem Trish einen One-Night-Stand hatte, ebenso wie Trishs eifersüchtiger Bald-Exmann Ian (Charlie Higson). Darüber hinaus machen sich der Taxifahrer Clive Lucas (Sebastian Armesto), der vorbestrafte Sexualstraftäter Aaron Mayford (Jim Howick) sowie Trishs von ihr besessener Arbeitgeber Ed Burnett (Lenny Henry) verdächtig, bei dem es sich ausgerechnet um den Vater von Nachwuchspolizistin DC Katie Harford (Georgina Campbell) handelt, zu der vor allem Miller keinen guten Draht hat. Als dann dann auch noch herauskommt, dass es in den vergangenen Jahren sexuelle Übergriffe gegeben hat, bei denen die Opfer ähnlich gefesselt und geknebelt wurden, erhöht sich der Druck auf die Ermittler, den Serientäter ausfindig zu machen.

Wie schon im ersten Fall von 2013 erledigt „Broadchurch“ hier einen guten Job, mehrere plausible Verdächtige zu präsentieren, ein Paar aus anderen Gründen gesponnene Lügen einzustreuen und die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Ich persönlich kam in der vorletzten Episode darauf, wer es gewesen sein muss, bin aber mit der Auflösung sehr zufrieden gewesen, denn auch, wenn die zahlreichen falschen Fährten für viele zu offensichtlich sein mögen, wird wie damals eine vor allem emotional komplexe Auflösung dargeboten, die mit jemandem zu tun hat, der am falschen Ort und auf die falsche Weise nach Nähe suchte - wohlgemerkt nicht unbedingt die Nähe zu Trish.

Parallel wird auch wieder ein Blick auf Familie Latimer geworfen. Erinnern wir uns: Nachdem sie in der ersten Staffel den Tod ihres Sohnes verkraften mussten und sich Familienfreund und Ellies Ehemann Joe (Matthew Gravelle) als Täter entpuppte, ging es in der zweiten Staffel um den aufreibenden Gerichtsprozess, in welchem Joe überraschenderweise auf unschuldig plädierte und dank seiner Anwältin (Marianne Jean-Baptiste) sogar freigesprochen wurde. Im Anschluss wurde er von der gesamten Gemeinde aus Broadchurch verbannt, doch für Dannys Vater Mark (Andrew Buchan) ist die Angelegenheit damit noch lange nicht erledigt. Während ihm sein Sohnemann in Träumen als Teenager erscheint (Oskar McNamara erhielt somit die Chance noch einmal mitzuwirken), spielt er mit dem Gedanken, Joe ausfindig machen und umzubringen, was ihn nur noch mehr von seiner Frau Beth (Jodie Whittaker) und seinen Kindern fortdriften lässt.

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Die zur Mitte der Staffel vorkommende Konfrontation mit Joe ist schlicht und einfach perfekt. Kein pathosreicher Showdown mit großen Deklarationen oder Taten. Nur zwei ehemals befreundete Männer, die gleichermaßen die Lebenslust verloren haben nicht wissen, wie es für sie weitergehen soll. Eine Szene, die eigentlich völlig unspektakulär vonstatten geht und ebenso unaufgeregt verschwindet, wie sie gekommen ist. Broadchurch at its best!

Beth hält sich unterdessen mit einem neuen Job beim Zentrum für Opfer von Sexual- und Gewalttaten beschäftigt. Dass zufälligerweise sie es ist, die den Fall Trish Winterman zugeteilt bekommt, um die beiden Handlungsstränge zu verbinden, mag ein zugegebenermaßen gekünstelter Kniff sein, über den man allerdings mit Leichtigkeit hinwegsehen kann. Neben Ellie wird sie zur Stütze für Trish, deren Teenager-Tochter Leah (Hannah Millward) sich als geheime Heldin der Staffel entpuppt, wenn sie zum Beispiel ihrem Vater für die Manipulation an Trishs Laptop den Kopf wäscht oder einen spontanen Women's March für ihre Mutter organisiert, damit diese sich endlich wieder aus dem Haus traut.

Zwei andere bekannte Gesichter aus Broadchurch haben in sich recht eingeschoben anfühlenden Szenen ganz andere Sorgen. Maggie Radcliffe (Carolyn Pickles) von der örtlichen Tageszeitung sieht ihre journalistische Integrität und die Zukunft des Broadchurch Echo durch die Übernahme durch einen sensationsgeilen Medienkonzern bedroht, während Reverend Paul Coates (Arthur Darvill) Schwierigkeiten hat, seinen sonntäglichen Gottesdienst zu füllen. Etwas vermisst habe ich hingegen Nigel (Joe Sims) und seine entfremdete Mutter Susan (Pauline Quirke) sowie den vermeintlichen Hellseher Steve Connelly (Will Mellor). Nach den vorausgehenden Ereignissen schien es, als hätte es hier noch gewisse Aspekte zu erforschen gegeben.

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Privat beschäftigen die Ermittler Miller und Hardy vor allem ihre Kinder. Ellie kann es gerade jetzt nicht haben, dass ihr Sohn Tom (Adam Wilson) durch das Verbreiten vorn Pornos in der Schule auffällig wird und Alec, der sich mehr schlecht als recht am Online-Dating versucht, wünscht sich vor allem, dass seine Tochter Daisy (Hannah Rae) bei ihm in Broadchurch bleibt, auch wenn sie durch ein schlüpfriges Bild, das online die Runde machte, gemobbt wird. Langsam scheint dem grummeligen Schotten der Ort (trotz der für eine Kleinstadt schockierenden Verbrechensrate) also doch ans Herz gewachsen zu sein.

Fazit

Die dritte und finale Staffel von Broadchurch verabschiedet sich mit einem emotionalen Fall, der vor allem dank Opferdarstellerin Julie Hesmondhalgh und einem wie immer fantastisch zusammengestellten Ensemble, angeführt von den anhaltend brillanten Olivia Colman und David Tennant, unter die Haut geht. Das Ganze kommt immer noch nicht ganz so rund rüber wie die erste Staffel, ist aber eine deutliche Verbesserung zum Durchhänger der zweiten Season, in welcher hauptsächlich die aus dem ersten Fall fortgeführte Geschichte interessant erschien.

Etwas verirrt wirkt der naiv erscheinende Porno-Subplot, welcher sogar Verbindungen zum untersuchten Fall aufweist. Nicht, dass übermäßiger Konsum bei gewissen Individuen nicht zu Abstumpfung führen kann, doch die Verbindung zum psychopathisch wirkenden Komplizen und Initiator der Vergewaltigung, der in der letzten Episode für die Rolle des Hannibal Lecter vorzusprechen scheint, mutet doch etwas zweckmäßig nach gewollter Korrelation an.

Insgesamt kann ein gelungener und sich vor schwierigen Fragen nicht scheuender Abschluss für eine der besten britischen Krimiserien auf dem Serienmarkt verzeichnet werden, der nebenbei gespannt darauf macht, in welche Richtung Showrunner Chris Chibnall als nächstes die Science-Fiction-Serie Doctor Who führen wird.

Verfasser: Mario Giglio am Mittwoch, 19. April 2017
Episode
Staffel 3, Episode 8
(Broadchurch 3x08)
Deutscher Titel der Episode
Folge 8
Titel der Episode im Original
Episode 8
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Montag, 17. April 2017 (ITV)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 8. November 2017
Autor
Chris Chibnall
Regisseur
Paul Andrew Williams

Schauspieler in der Episode Broadchurch 3x08

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