Brave New World: Kritik zur Sci-Fi-Serie von Peacock

© essica Brown Findlay und Kylie Bunbury in Brave New World (c) Peacock
Zumindest aus utilitaristischer Perspektive klingt die Frage, ob die Demokratie, mit all dem Individualismus, den sie den Menschen garantiert, tatsächlich die klügste Regierungsform ist, durchaus legitim. Käme nicht die Gesellschaft viel schneller voran, wenn auf Einzelne weniger Rücksicht genommen würde und das Gemeinwohl immer über allem stünde, wenn die Freiheit der Ordnung wiche und wenn Privatsphäre und Eigentum nicht länger existierten? Wären wir nicht glücklicher, wenn wir uns nicht mehr um unser Selbst sorgen müssten, sondern völlig aufgingen im großen Ganzen? Für Europäer oder Amerikaner sicherlich ein gruseliger Gedanke, doch in China beispielsweise prägen genau solche Überlegungen längst die Politik. Bürgerrechte werden davon abhängig gemacht, wie konform man sich verhält. Der gesamte Alltag der Bevölkerung steht unter Überwachung, während Xi Jinping und sein korrupter Parteiapparat wie die Kaiser leben.
Vor all dem warnte der britische Science-Fiction-Schriftsteller Aldous Huxley bereits 1932 in seinem Meisterwerk „Schöne neue Welt“ (im Original: „Brave New World“). Spätestens seitdem autoritär anmaßende Regime auch in westlichen Ländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika oder Brasilien immer häufiger auftreten, scheint dessen literarische Warnung vor dem Verlust der freiheitlichen Demokratie - im Angesicht des damals aufkeimenden Totalitarismus bei den deutschen Nachbarn - relevanter denn je. Und auch Werke wie „1984“ von George Orwell oder „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury werden plötzlich wiederentdeckt, falls sie überhaupt je an Bedeutung verloren haben. Die Welt von morgen wirkt ungewisser denn je. Und viele fürchten sich davor, dass wir bald in einer realen Dystopie enden könnten...
So viel der düsteren Einleitung zur Review der Pilotepisode von Brave New World, der ersten Serienadaption des Stoffes, die heute bei Peacock Premiere feierte, dem brandneuen Streamingservice von NBCUniversal. Ursprünglich war das Projekt 2015 vom Spielberg'schen Studio Amblin Entertainment für den Genresender Syfy entwickelt worden. Später landete es beim Kabelkanal USA Network und schließlich bei der Pfauenplattform, bei der die Sci-Fi-Serie nun als Flaggschiff startet.
Als Showrunner fungiert David Wiener, der zuletzt mit Homecoming bei Amazon Prime Video auf sich aufmerksam machte. Die Regie der sichtlich kostspieligen Produktion übernahm derweil Owen Harris, der einst die gefeierte Black Mirror-Episode San Junipero inszenierte. Und auch der Cast rund um Alden Ehrenreich („Solo: A Star Wars Story“), Jessica Brown Findlay (Downton Abbey), Harry Lloyd (Game of Thrones), Kylie Bunbury (Pitch) und Demi Moore (Empire) kann sich sehen lassen. Aber überzeugt das Format auch unterhalb des glanzvollen Oberflächlichen?
Worum geht's?
Im Pilot lernen wir zunächst die Welt der Serie kennen, sowie die zentralen Charaktere. Da wäre zunächst Lenina Crowne (Brown Findlay), die in der hierarchischen Gesellschaftsstruktur den leicht überdurchschnittlichen Rang einer Beta Plus einnimmt. Ihr ereignisloser Laborjob wird gestört, als ein gewisser Bernard Marx (Lloyd), selbst ein stolzer Alpha, sie zu sich bittet, weil die alles überwachende KI Indra beobachtet hat, dass sie in letzter Zeit mehrfach Koitus mit ein und demselben Mann hatte. Dieses „solipsistische“ Verhalten widerspricht den drei Grundregeln der vermeintlich fortschrittlichen Organisation der futuristischen Metropole New London: „Keine Privatsphäre. Keine Familie. Keine Monogamie.“
Doch kein Grund zur Traurigkeit, denn die Wunderdroge Soma sorgt schon dafür, dass der Liebeskummer durch die erzwungene Trennung rasch wieder verschwindet. Ansonsten leistet spätestens die nächste Orgie - und davon gibt es in der Serie viele - Abhilfe. Ja, das Leben kann so einfach sein, wenn ein Supercomputer alle persönlichen Entscheidungen übernimmt. Doch, wie in jeder guten Sci-Fi-Geschichte, gibt es natürlich auch hier eine Lücke im System, die sogar den sonst so einhelligen Musterbürger Marx zum Zweifeln bringt. Ein Verstorbener scheint trotz Glücksdröhnung depressiv geworden zu sein und nahm sich daher das Leben. So etwas ist eigentlich nicht vorgesehen, wenn nicht gar unmöglich.

Die Saat des Zweifels wächst sowohl in Marx als auch in Crowne nun schnell. Doch vollkommen aufblühen kann das Dilemma erst, wenn die beiden den dritten Hauptcharakter kennenlernen: John the Savage (Ehrenreich), einem gesetzlosen Draufgänger aus den sogenannten Savage Lands. Hier ist der dystopische Perfektionismus glücklicherweise noch nicht angekommen. Tagtäglich läuft John Gefahr, von anderen wütenden Wilden umgebracht zu werden. Komfortabel ist sein Leben nicht, aber immerhin ist er frei, was die wohlhabenden Städter, die sein Zuhause als eine Art Vergnügungspark betrachten, nicht von sich behaupten können. Der authentische Renegat hat das Potential, die künstliche Ordnung ins natürliche Chaos zu stürzen. Genau das erwartet uns wohl in den kommenden acht Episoden der Auftaktstaffel...
Fazit
Nun aber zur Frage, ob sich Brave New World, das hierzulande voraussichtlich bei Sky landen wird, überhaupt lohnt. Mit Blick auf die Schauwerte ist die Sci-Fi-Serie jedenfalls ein absoluter Volltreffer. In keiner einzigen Szene hat man das Gefühl, dass Wiener und Co am falschen Ende gespart haben. Gleichzeitig gilt das heutzutage für fast alle US-Serien, weshalb die Optik allein nicht länger als valides Bewertungskriterium herhalten kann. Dasselbe betrifft übrigens auch den hochkarätigen Cast, der keinesfalls sicherstellt, dass die Figuren interessant ausfallen.
Und tatsächlich ist das Format inhaltlich betrachtet sehr, sehr dünn. Wie eingangs erläutert, hat Huxleys Geschichte im Jahr 2020 mehr Relevanz als je zuvor. Trotzdem versäumen es die Serienmacher, den Stoff zu modernisieren. Wie so oft bei filmischen Adaptionen dieses hochpolitischen Genres wurde sich lediglich darum gekümmert, die beschriebene Welt mit all ihren fernen Technologien möglichst anschaulich darzustellen - was wie gesagt ja auch gelungen ist. Aber sehenswert macht das allein die Serie selbstverständlich nicht. Zum Vergleich: Truffauts „Fahrenheit 451“-Verfilmung von 1966 war deutlich aufschlussreicher als die Version von HBO, die 2018 zustande kam. Zwar wirkte letzterer Streifen oberflächlich deutlich realistischer - immerhin wurden die von Bradbury im Buch beschriebenen Bildschirmwände vom französischen Avantgarde-Regisseur noch als simple Röhrenfernseher dargestellt -, doch insgesamt erschien das Ganze irgendwie gedankenlos. Eine gute Idee kann eben mehr Wert sein als das Ausmaß ihrer Umsetzung.
Vielleicht hätte Peacock lieber eine offene Ausschreibung für die Adaption von Brave New World veranstalten sollen, statt das Projekt einfach in die Hände von Chef-Autor Wiener und dem Pilot-Regisseur Harris zu legen, die zwar bei früheren Werken ein lohneswertes Gespür bewiesen haben, aber offensichtlich keine persönliche Verbindung zur Geschichte von „Schöne neue Welt“ hatten. Möglicherweise hätte man jungen Kreativen eine Chance geben sollen, indem man sie hätte Referate zum Thema halten lassen, um zu prüfen, wie sie die Schreckensvision Huxleys neuinterpretieren.
So muss sich Peacock nun mit einer professionellen, aber absolut einsichtslosen Aufmachung begnügen - und gewissermaßen spricht das auch bereits Bände über den ganz frischen VoD-Anbieter, der zunächst nur in den USA erhältlich sein wird. Statt mit Mut wird hier offenbar mit algorithmischer Berechnung gearbeitet, was nicht gerade zum Abonnement animiert. Zugegeben ein hartes Urteil nach nur einer Eigenproduktion, aber sicherlich ist der Frust nachvollziehbar in Anbetracht der Tatsache, wie viel aufgrund der derzeitigen Weltlage drin gewesen wäre...
Festzuhalten ist: Weder die vollkommen flachen Charaktere noch der fehlende Wille, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ auch nur im Entferntesten an zeitgemäße Vorlagen anzupassen, sprechen für das erste Peacock-Original. Am Besten trifft es das Urteil der New York Times: Die erste Serienadaption Brave New World sei weder „brave“ (also mutig) noch „new“ (neu). Stattdessen wirkt das Ganze wie eine Kopie von Serien wie Westworld oder Altered Carbon, in denen das Offensichtliche sehr viel wichtiger behandelt wird als der eigentliche Inhalt. Und das, obwohl die Grundszenarien so viel Potential hätten, kluge Gesellschafskritik zu üben, was genau der Sinn von guter Science-Fiction ist.
Mit all den oberflächlichen Sexszenen und Orgien dieser Serie, die kaum echte Erotik ausstrahlen, wirkt Brave New World übrigens selbst wie ein Produkt dieser New Londoner Dystopie-Diktatur, in der die Dinge unter Umständen auf den ersten Blick schön wirken, auf den zweiten Blick aber zutiefst verstörend erscheinen. Kein gutes Fazit für so eine Serie!
Hier abschließend noch der aktuelle Trailer zur neuen Sci-Fi-Serie „Brave New World“:
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