Braunschlag 1x08

Braunschlag 1x08

FĂŒr die heutige Ausgabe von Hennings Heimatkunde erweitere ich meinen Heimatbegriff und widme mich der österreichischen Serie Braunschlag, welche am Donnerstag auch hierzulande als Deutschlandpremiere startete.

Hennings Heimatkunde zu „Braunschlag“ / (c) ORF / Montage: SJ
Hennings Heimatkunde zu „Braunschlag“ / (c) ORF / Montage: SJ

Am Donnerstag startete bei RTL Crime die österreichische, achtteilige Serie Braunschlag, weshalb wir einmal unseren Heimatbegriff auf den deutschsprachigen Raum erweitern wollen und dabei ein Serienwerk entdecken, welchem die Beschreibung als Satire alleine nicht gerecht wird. Was die stilistisch perfekt inszenierte Dystopie der lĂ€ndlichen Idylle stattdessen bietet, ist eine Serienperle, die sich auch vor internationalen GrĂ¶ĂŸen wie Fargo nicht verstecken muss.

Von Ufos, Hoasen und der heiligen Maria - Die AbsurditÀt des lÀndlichen Lebens

Im Zentrum von Braunschlag stehen die beiden Freunde Gerri Tschach (Robert Palfrader, „Wir sind Kaiser“) und Richard Pfeisinger (Nicholas Ofczarek), die gemeinsam beschließen, der Misswirtschaft des kleinwĂŒchsigen BĂŒrgermeisters durch ein inszeniertes Marienwunder ein Ende zu bereiten. So schaffen sie es zwar auch ohne offizielle BestĂ€tigung des Vatikans, welcher durch den sich wandelnden Banyardi (Manuel Rubey) vertreten wird, das Wunder zu etablieren, mĂŒssen sich dabei jedoch mit ihrer GotteslĂ€sterei auseinandersetzen.

Daraufhin ĂŒberschlagen sich die Ereignisse in Braunschlag. Tschach verletzt sich seinen Fuß, der drogenaffine Freund seiner Tochter Babsi (Sabrina Reiter), Ronnie (Christopher Schärf), raubt nicht nur die Bank aus, sondern klaut dem pensionierten Arzt Feist senior (Branko Samarovski) dabei auch noch einen Haxen. Als schließlich der lange verschollen geglaubte SchĂ€ferhund Boxi zurĂŒckkehrt und schnurstacks sein Herrchen, welches zudem heimlich AtommĂŒll lagerte, zerfleischt und sich herausstellt, dass die harmlos wirkende Frau Berner (Libgart Schwarz) mehrere MĂ€nner in ihrem Keller gefangen hĂ€lt, wird klar, dass dies kein normales Dorf ist, sondern ein SĂŒndenpool, getarnt als dörfliche Idylle.

Trailer zu „Braunschlag“:

So verliert sogar Banyardi schließlich seinen Glauben und gibt sich stattdessen der schönen Silke (Adina Vetter) und ihrer, im wahrsten Sinne des Wortes, Fleischeslust hin und wird zum Nachfolger von Tschach als BĂŒrgermeister der Gemeinde. Nebenbei betrĂŒgt er noch seinen besten Freund, indem er regelmĂ€ĂŸig mit dessen Frau Elfi (Nina Proll) in die Kiste springt, wĂ€hrend seine Frau in einem Kuschelclub als HĂ€sin selbst woanders die fehlende NĂ€he sucht.

Am Ende jedoch wird das gesamte Dorf aufgrund des heimlichen Endlagers gerĂ€umt. WĂ€hrend dabei die meisten Bewohner das Weite suchen, bleiben die beiden Freunde, der BĂŒrgermeister und seine lesbische Geliebte sowie der auf Besuch wartende Reinhard (Raimund Wallisch) inklusive des ausgestopften Boxis zurĂŒck und die Frage, ob tatsĂ€chlich die extraterrestriale Erscheinung oder einfach das RĂ€umungskommando zur Dekontamination des Dorfes auf den etwas anderen Tierfreund wartet. Dabei entsteht die bitterschwarze Ironie dadurch, dass gerade das als öde und unspektakulĂ€r abgestempelte Dorf zum Schauplatz dieser Ereignisse wird.

Medienrezeption und Fatalismus - Der Drang nach der Unterhaltung

Neben einer spannend inszenierten Handlungs- und Charakterentwicklung verfolgt Braunschlag dabei auch medienrezeptionelle Fragen, wie sie zum Beispiel auch in Michael Hanekes „Funny Games“ gestellt werden. So vergleicht die ansonsten höchst glĂ€ubige Mutter Tschachs (Gabriela Schmoll) die hohe Konzentration der Ereignisse mit ihrer Lieblingsserie. Im Dialog mit ihrem Sohn wirft sie die Frage auf, ob der Drang des Menschen, unterhalten zu werden, nicht auch mit Gottes Willen gleichzusetzen wĂ€re und dieser den Menschen allein als Unterhaltungsmedium geschaffen hat.

Die inszenierte Marienerscheinung in %26bdquo;Braunschlag%26ldquo; © ORF
Die inszenierte Marienerscheinung in %26bdquo;Braunschlag%26ldquo; © ORF

Somit wĂ€ren es am Ende weder die heilige Maria oder der in bestem „Faust“-Verweis im SchĂ€ferhund schlummernde Teufel, der das Dorf heimsucht, sondern lediglich die Aufmerksamkeit einer höheren Macht, durch welche die Bewohner nun die Serie an absurden Ereignissen erleben mĂŒssen. Somit wird nicht nur der Medienrezepient zur Gottesfigur der Dramatisierungsstrategien seriellen ErzĂ€hlens, innerhalb der serieninternen Wirklichkeit wird zudem auch der Drang nach Unterhaltung als dem Menschen eingeschrieben dargestellt. Dadurch, dass wir zu jeder Zeit unterhalten werden wollen, brauchen wir die spannenden Elemente in unserem Leben, ob wir sie nun selbst erschaffen (GelĂŒbdebruch, Amoklauf, Meerschweinchenwunder) oder diese von außen betrachten (Pilger).

Kein Wunder also, dass am Ende nur die Bewohner Braunschlags zurĂŒckbleiben, die sich die Konsequenzen der potentiellen AtommĂŒllbedrohung selbst anschauen wollen - „Bleiben wir hier und schauen, ob wir uns trotz Missbildungen noch lieben.

Kein Wunder, dass also ausgerechnet Banyardi, die glĂ€ubigste Figur der Serie, nicht nur aufgrund der eigenen ErfĂŒllung in den Ereignissen Braunschlags in dem Dorf bleibt, sondern zudem auch noch als BĂŒrgermeister zum Oberhaupt des Dorfes wird. RĂŒckblickend auf seine eingehende Frage, ob es sich bei dem inszenierten Wunder nun um eine echte oder falsche Erscheinung handelt, liegt die Antwort ganz einfach darin, dass Bedeutungsmuster wie „Wunder“ zwar konzipiert werden, dadurch jedoch nicht an Gehalt dessen verlieren. Denn, wenn Gott und Mensch beide nur unterhalten werden wollen, dann gibt es kein wahr und falsch, dann gibt es nur unterhaltsam und langweilig als ausschlaggebende Kategorien.

Im Teufel steckt das Detail - die filmtechnische Inszenierung des Übersinnlichen

Stilistisch betrachtet wird die Inszenierung des Übersinnlichen auch filmtechnisch dabei insofern unterstĂŒtzt, als dass sie mit der typischen, natĂŒrlichen ErzĂ€hlweise einer lĂ€ndlichen Dorfserie bricht. Dies erreicht sie, indem unter anderem die Charaktere durch Nahaufnahmen ihrer Gesichter die Zuschauer selbst ansprechen oder durch nicht klar zuzuordnende Traumsequenzen (Dialog mit der Taube, Tschachs Stimme in Gitti (Doris Schretzmayer)) und ĂŒberzeichnet inszenierte Plotentwicklungen (Romanze zwischen Silke und Banyardi, AnnĂ€herung der beiden Hasen,Freundschaft zwischen Gerry und Richard) die natĂŒrliche Kulisse der Serie immer wieder gebrochen wird.

Ist SchĂ€ferhund Boxi ein Bote Satans? © ORF
Ist SchĂ€ferhund Boxi ein Bote Satans? © ORF

Auch Charakterschreibungen wie die beiden sich zankenden Ärzte oder der sich nur als „St. Pölten“ selbst beschreibende Katzlbrunner (Simon Schwarz), der zudem als running gag immer wieder auf seinen Onkel verweist und schließlich eine charakterliche Kehrtwende vollzieht, machen die Typenhaftigkeit ihrer Rollen immer wieder deutlich und spielen mit diesen. Auch die kostĂŒmhafte Kleidung (Pfarrersgewand, HasenkostĂŒme) unterstreicht den inszenatorischen und absurden Gehalt des ErzĂ€hlten. Sie schafft es jedoch vor allem durch die DialektfĂ€rbung stets, nie zu dick aufzutragen, sondern durch diese besondere NebensĂ€chlichkeit des UnnatĂŒrlichen umso absurder zu wirken und dabei an die QualitĂ€t eines Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel“, „DĂ€nische Delikatessen“) heranzureichen.

Fazit: UneingeschrÀnkte Schauempfehlung!

Mit Braunschlag prĂ€sentieren unsere österreichischen Nachbarn den Beweis, welche QualitĂ€t in deutschsprachigen Serien erreicht werden kann. Diese vermag nicht nur zu unterhalten, sondern persifliert zudem auch noch die eigene Kultur hervorragend, zeigt die oberflĂ€chliche, lĂ€ndliche Idylle als Dystopie auf und schafft auf gekonnte Weise Bezug zu Themen wie Medienrezeption, Religion und Volksglauben. Dabei stellt sie heraus, dass es die Gier nach Unterhaltung ist, die uns grĂ¶ĂŸtenteils motiviert und dabei mit allem vermeintlich ÜbermĂ€chtigem gleichstellt.

Um was fĂŒr eine Erleuchtung es sich somit in der Schlussszene handelt, bleibt einerlei, da die Erscheinung selbst bereits die sinngebende Instanz ist und der Charakter des Reinhard sowohl als PrĂ€pator als auch als manipuliertes Medium zu dem Meister wird, wenn es um das Einhauchen von Leben und Sinn geht (was auch hervorragend im „Frankenstein“-Vergleich aufgezeigt wird). In Braunschlag gibt es kein Wunder, keine Moral, keinen Gott. Es gibt schlichtweg die Entscheidung, etwas zu glauben oder nicht, so oder so muss es unterhalten.

Johannes Thanheiser wird als alter Matussek in einer Traumsequenz wiederbelebt. © ORF
Johannes Thanheiser wird als alter Matussek in einer Traumsequenz wiederbelebt. © ORF

Die 2011 produzierte und 2012 auf dem ORF gelaufene Serie kam nicht nur bei den Zuschauern und den Kritikern ausgesprochen gut an. Zudem gab der US-Sender FOX bekannt, ein Remake produzieren zu wollen, von welchem jedoch mittlerweile nichts mehr bekannt ist. Ob eine Neufassung an die QualitĂ€t des Originals dabei ĂŒberhaupt heranreichen könnte, bleibt fraglich.

Verfasser: Henning Harder am Sonntag, 24. Mai 2015
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Braunschlag 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Freunde fĂŒrs Leben
Titel der Episode im Original
Freunde fürs Leben
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Dienstag, 6. November 2012 (ORF 1)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 9. Juli 2015
Regisseur
David Schalko

Schauspieler in der Episode Braunschlag 1x08

Darsteller
Rolle
Robert Palfrader
Maria HofstÀtter
Nicholas Ofczarek
Nina Proll
Manuel Rubey
Adina Vetter
Christopher SchÀrf
Simon Schwarz
Raimund Wallisch
Branko Samarovski
Thomas Stipsits

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