Bosch 1x01

Bosch 1x01

Trotz des etwas anachronistischen Erzählstils schafft es die Pilotepisode von Bosch, erstes Interesse zu wecken. Das liegt vor allem an der unaufgeregten Charakterzeichnung und der exzellenten Besetzung.

Titus Welliver spielt die titelgebende Hauptfigur im neuen Amazon-Piloten „Bosch“. / (c) Amazon
Titus Welliver spielt die titelgebende Hauptfigur im neuen Amazon-Piloten „Bosch“. / (c) Amazon

So entspannt wie die omnipräsente Jazzmusik wird auch die Geschichte des Amazon-Piloten Bosch erzählt, was bei mir einerseits für Erstaunen, andererseits für wohlige Entspannung sorgte. Im Auftakt passiert nicht viel, es gibt keine reißerischen Verfolgungsjagden, keine Explosionen, keine brutalen und schockierenden Mordfälle. Dies mag in der Romanvorlage von Michael Connelly begründet sein, der hier neben Eric Overmyer als Drehbuchautor fungiert (wenngleich ich die Bücher nicht gelesen habe).

I need the work

Obwohl die Auftaktepisode gegen den allgemeinen Trend geht, gleich zu Beginn einen Aufhänger zu präsentieren, um das Interesse der Zuschauer zu wecken, konnte ich dem ruhigen Erzählduktus einiges abgewinnen. Die Einführung der Charaktere erfolgt präzise und effizient. Drehbuch und Dialog konzentrieren sich darauf, Schablonen zu vermeiden und die Figurenzeichnung organisch zu entwickeln. Hinzu kommen neben Hauptdarsteller Titus Welliver als Hieronymus „Harry“ Bosch viele interessante Nebencharaktere, die mit etablierten TV-Darstellern besetzt sind. Overmyer (The Wire, Treme) konnte mit Jamie Hector als Boschs Partner Jerry Edgar und Lance Reddick als Polizeichef Irvin Irving zwei Charakterdarsteller aus The Wire zu der Produktion locken.

Außerdem konnten mit Scott Wilson (der noch seine The Walking Dead-Frisur trägt), Annie Wersching aus 24, Eric Ladin aus The Killing und Boardwalk Empire und natürlich Abraham Benrubi (für immer als Larry Kubiac aus Parker Lewis in meinem Gedächtnis verankert) weitere hochrangige Darsteller gewonnen werden. Regisseur Jim McKay gelingt es in der Pilotepisode, den Handlungsort Los Angeles stimmig in die Geschichte einzuflechten, sodass wir hier keine generische Großstadt zu sehen bekommen. Bosch nimmt darauf in einer Szene sogar direkt Bezug: „Every murder is the tale of a city.

Das alles fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen - mit kleinen Schönheitsfehlern. So kann sich die Episode nicht wirklich entscheiden, was sie sein will. Ein Teil ist Murder Mystery, ein Teil Gerichtsdrama und ein weiterer widmet sich Details der Gerichtsmedizin. Dankbar bin ich für die Tatsache, dass die Verhaltensweise von Bosch im Vergleich zur Buchvorlage etwas abgemildert wurde (zumindest berichtete das ein Kenner der Romane). Im Lichte des herausragenden neuen Crimedramas True Detective wäre es sicherlich schwer für Bosch gewesen, glaubhaft eine ähnliche Kaputtheit an den Tag zu legen wie die beiden Hauptfiguren aus dem HBO-Prestigeprodukt.

Im Wald werden die Knochen einer Jungenleiche gefunden - Bosch nimmt die Ermittlungen auf. © Amazon
Im Wald werden die Knochen einer Jungenleiche gefunden - Bosch nimmt die Ermittlungen auf. © Amazon

Das Problem eines solchen Vergleichs wird offenbar, als es zur Gerichtsverhandlung gegen Harry Bosch kommt. Er wird angeklagt, vor zwei Jahren einen unbewaffneten Verdächtigen erschossen zu haben. Die Anklägerin beschließt ihr Eröffnungsplädoyer mit einem Zitat des Philosophen Friedrich Nietzsche: „He who fights monsters should take care he does not become a monster himself. For when you look into the abyss, the abyss looks into you.“ Boschs Verteidiger Belk (Benrubi) kontert mit einer Analogie zu den Worten des Kriegsphilosophen Sun Tsu. Beides klingt etwas bemüht und verlässt den eingeschlagenen Pfad der Dialogreduktion.

This is the work I do

Auch der längere Exkurs in medizinische Details durch den Gerichtsmediziner Golliher (Alan Rosenberg) hätte gern etwas weniger ausführlich ausfallen dürfen. Der Zweck dieser Szene ist klar: Bosch wird durch die genaue Auflistung der einzelnen Verletzungen eines Mordopfers an seine eigene Kindheit erinnert, in der er vom Vater verprügelt wurde. Die Knochen des Opfers wurden zuvor in einem Waldstück gefunden. Der Mord an einem zwölfjährigen Jungen liegt viele Jahre zurück, veranlasst den eigentlich suspendierten Bosch jedoch, den Fall unbedingt lösen zu wollen.

Hier wird seine Charakterisierung ohne offensichtliche Hinweise elegant vertieft. Wo so viele Drehbuchautoren ihre Figuren aussprechen lassen, wie ein Charakter tickt, nehmen sich Overmyer und Connelly zurück und lassen die Handlung ihrer Hauptfigur für sich sprechen. Bosch wendet sich bisweilen gegen Partner und Vorgesetzte, die Befehlskette innerhalb der Polizeibehörde wird mehrfach thematisiert. Von seiner attraktiven Kollegin Julia Brascher (Wersching) bekommt er indes Rückendeckung: „I still think it's one of the last noble callings.

Bosch und Brascher flirten kurz miteinander, gegen die allgemeine TV-Logik landen sie jedoch nicht miteinander im Bett. Er fährt lieber noch einmal nachts zum Fundort der Leichenknochen und sucht nach neuen Hinweisen. Zwischen den beiden besteht eine unbestreitbare Anziehung. Sollte Bosch in Serie gehen, wäre es jedoch schön, würde dieser uralte Tropus nicht zu sehr ins Zentrum der Handlung gerückt.

Lance Reddick (%26bdquo;The Wire%26ldquo;) spielt Boschs Vorgesetzten Irvin Irving. © Amazon
Lance Reddick (%26bdquo;The Wire%26ldquo;) spielt Boschs Vorgesetzten Irvin Irving. © Amazon

In der Auftaktepisode bleiben einige Verbindungen und Umstände im Dunkeln. Obwohl Bosch auf die Unterstützung seiner Vorgesetzten hoffen kann, scheint es wohl auch eine breite Koalition innerhalb der Polizei gegen ihn zu geben. Dies legt eine Unterhaltung nahe, die Bosch mit zwei Angehörigen der - wie Bosch sie nennt - Rat Squad (der internen Revision) führt. Der Erschossene ist auch nicht der erste Verdächtige, den Bosch niederschießt: „In god's name, Bosch, another one? What the fuck happened?

You need to get a life, man

Außerdem wurde noch nicht thematisiert, ob Bosch korrupt ist. Seine schicke Wohnung in den Hügeln über Los Angeles legt zumindest nahe, dass er über undurchsichtige Kanäle an Geld gekommen ist. Von seinem Polizeigehalt alleine dürfte er sich ein Anwesen in dieser Lage nicht leisten können. Die drängendste aller offenen Fragen war für mich jedoch, ob Bosch die Waffe des Erschossenen wirklich bei dessen Leiche platziert hat oder ob der tatsächlich nach einer Waffe griff. Es gibt nur eine Szene, in der wir sehen, dass Bosch diese Waffe ablegt. Sie wird gezeigt, als die Anwältin der Klägerseite ihr Plädoyer hält. Es könnte sich also nur um eine Verbildlichung der Anklageschrift handeln.

Vielleicht denke ich dabei jedoch zu kompliziert und Bosch hat die Waffe tatsächlich seinem Opfer zugesteckt. Durch solche kleinen Verwirrspiele schaffte es die Auftaktepisode von Bosch, mein Interesse zu wecken. Kleine Anflüge von Humor (ein Wortspiel unter Kollegen und hinterlassene Ölflecken) trugen ebenso dazu bei. Weiterhin fiel auf, dass in der Episode viel geraucht wurde. Dies erweckte den Eindruck, als wollten die Autoren unbedingt eine Atmosphäre wie im Film Noir schaffen.

Dies braucht der Pilot jedoch gar nicht, es reicht völlig aus, dass Autoren und Regisseur hier ein stimmiges Bild eines fähigen Ermittlers in einer kriminalitätsgebeutelten Großstadt zeichnen. Das überraschend Erfrischende an Bosch ist die angenehme Reduktion. So überstrapaziert dieses Sprichwort auch ist, hier trifft es eindeutig zu: „Weniger ist manchmal mehr.“

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 19. Februar 2014
Episode
Staffel 1, Episode 1
(Bosch 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Knochenfund
Titel der Episode im Original
Tis the Season
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 13. Februar 2014 (Amazon Prime Video)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 26. Juni 2015
Regisseur
Jim McKay

Schauspieler in der Episode Bosch 1x01

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