
Es ist ein auffälliger Trend im Fernsehgeschäft, der durch Serien wie King of the Hill, Beavis and Butt-Head oder auch The Simpsons einst losgetreten wurde und heutzutage keinen unbedeutenden Teil des amerikanischen TV-Programms ausmacht: Animationsserien für Erwachsene. Ob jetzt Family Guy, Bob's Burgers, American Dad, Archer oder auch Rick and Morty - Zeichentrickformate sind längst nicht mehr eine reine Kinderdomäne. Selbst das recht absurde Adventure Time schlägt oftmals sehr finstere Töne an, die an den jüngeren TV-Konsumenten vorbeigehen.
Auch Netflix springt jetzt auf diesen Zug mit auf und präsentiert uns mit seiner neuen Serie BoJack Horseman ein gezeichnetes Format, das in einer witzig-abstrusen Welt spielt und ein Pferd mit humanoiden Merkmalen zu seiner Hauptfigur macht. Der Humor ist erwachsen, auch wenn oft genug ebenso kindisch, offen, ehrlich und ab und an recht grenzwertig. Die Pilotfolge selbst kann so schon für einige amüsante Augenblicke sorgen.
Gleichzeitig kann man sich aber auch nicht dem Eindruck erwehren, dass „BoJack Horseman“ trotz seiner besonderen Serienwelt nicht viel Neues anbietet. Die als Satire auf Hollywood getarnte Comedy macht vielleicht nicht viel falsch, aber die zynische Auseinandersetzung mit der Unterhaltungsbranche und dem verheerenden Werdegang eines einstigen TV-Stars mag zumindest in der Auftaktepisode noch nicht ganz aufgehen. Dieser Ersteindruck könnte jedoch mit der Sichtung der kompletten ersten Staffel revidiert werden.

Horsin' Around
Wie bereits erwähnt steht in „BoJack Horseman“ der gleichnamige Protagonist (Will Arnett) im Mittelpunkt des Geschehens. Dieser war einst ein sehr erfolgreicher TV-Darsteller, der sich mit seiner Sitcom „Horsin' Around“ ein kleines Denkmal setzte und zu den ganz Großen Hollywoods aufstieg. Viele Jahre später ist er nur noch ein abgehalfterter Altstar, der sich pausenlos betrinkt und immer wieder die DVDs zu seinem eigenen Serienkracher von vor vielen Jahren anschaut.
Um diesem unbefriedigenden Dasein zu entrinnen (oder eben nicht), plant BoJack, seine Memoiren zu schreiben. Dafür steht ihm die junge Ghostwriterin Diane (Allison Brie) zur Seite. Darüber hinaus muss sich der Pferdemann (beziehungsweise das Mannpferd) mit seiner Agentin/Exflamme Princess Carolyn (Amy Sedaris) herumschlagen und auch sein arbeitsloser „Mitbewohner“ Todd (Aaron Paul) strapaziert tagtäglich BoJacks Nerven. Aber zur Entspannung bleiben ihm ja zum Glück seine alten Aufnahmen von „Horsin' Around“ und ein Bier nach dem anderen...
A failure
Auf den ersten Blick sieht „BoJack Horseman“ durchaus nach einer Menge Spaß aus, was vor allem an den recht kreativen und bizarren Einfällen des jungen sowie noch recht unerfahrenen Serienschöpfers Raphael Bob-Waksberg und seinem Team liegt. Ein Elefant, der an der Bar Drinks ausgibt, eine Katze, die sich von ihrem Freund, einem Pferd, nichts sehnlicher als ein Baby wünscht, ein Pinguin, der ironischerweise für einen Buchverlag namens „Penguin Books“ arbeitet, wo generell auch nur Pinguine zu arbeiten scheinen - all diese Ideen haben Charme und geben „BoJack Horseman“ die gewisse Prise Absurdität, auch wenn sie oftmals nur für sehr einfache Lacher sorgen können. Der Zeichenstil an sich ist eher schlicht gehalten, erfüllt jedoch seinen Zweck und trägt zur gefälligen Optik der Comedy bei.
Bezüglich des voice cast fährt man in BoJack Horseman schwere Geschütze auf, geben sich doch gleich mehrere bekannte Gesichter beziehungsweise Stimmen die Klinke in die Hand: Will Arnett (Arrested Development) spricht die Hauptfigur, Aaron Paul (Breaking Bad) seinen Sidekick Todd, der wiederum in gewisser Weise ein wenig Pauls Paraderolle des Jesse Pinkman nachempfunden wirkt, nur weniger vulgär und mit eingeschränkterem Drogenkonsum. Allison Brie aus Community oder auch Mad Men leiht der Ghostwriterin Diana ihre Stimme und Amy Sedaris (Alpha House) faucht als Katzenfrau Carolyn ihren Exliebhaber und Klienten BoJack an. Zusätzlich gibt es einige prominente Gaststimmen - in der Pilotfolge zum Beispiel Patton Oswalt (Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D.), der den bereits erwähnten Pinguin spricht.
An offensive piñata
Die Darsteller machen ihre Sache absolut solide, etwas anderes hat wohl auch niemand erwartet. Ein wenig problematischer ist die Beantwortung der Frage, was „BoJack Horseman“ denn überhaupt sein möchte. Die oft einfachen und sympathisch-platten Gags, die sich auf die hier etablierte Serienwelt berufen, zünden zwar, doch das ganz große Gelächter bleibt aus. „Family Guy“-eske Einlagen à la „Weißt du noch, als...“ bringen einen vielleicht zum Schmunzeln, großartig einfallsreich ist diese Art von Humor aber nicht.
Auch die pessimistische Satire auf das Unterhaltungsgeschäft Hollywood geht in der für sich einzeln stehenden Auftaktepisode nur teilweise auf. BoJack bekommt mit Mr. Peanutbutter (Paul F. Tompkins) (ein „Hundemensch“, was auch sonst?) ein Gegenbild zu sich selbst gestellt. Nur, dass Mr. Peanutbutter mit einer ähnlichen Show wie BoJack von damals heute ein großer Star ist und letzterer frustriert mit ansehen muss, wie sein Konkurrent bejubelt wird und er selbst immer tiefer sinkt. Seinen Zenit hat BoJack schon lange überschritten und jetzt die Scherben seiner Karriere aufzusammeln und diese zumindest wieder ein wenig zusammenzukleben, ist ihm schlichtweg zu mühsam.

Leicht depressiv blickt BoJack auf sein vergangenes Leben zurück und will nun endlich zurück zum Erfolg. Die Hauptfigur als auch ihre Motivation strotzt nun nicht unbedingt vor Kreativität - die guten Sprecher können das eher simple Hauptthema um einen gealterten Fernsehstar mit neuen Ambitionen aber geschickt kaschieren. Der entlarvende Blick auf die schnelllebige Maschinerie des amerikanischen Film- und TV-Geschäfts wird sich womöglich noch in den weiteren Folgen von „BoJack Horseman“ erschließen. Dadurch erhält das Format wahrscheinlich auch etwas mehr substantielle Tiefe, die der Pilotfolge noch ein wenig abhanden geht.
Fazit
Trotz des Potentials, zu einem kurzweiligen Satireformat mit verschrobenen Figuren in einer skurrilen Welt zu avancieren, fühlt sich „BoJack Horseman“ in seiner ersten Episode ein wenig leer, wenn nicht sogar fad an. Gut möglich, dass sich dieser Eindruck enstprechend des schnellen Konsumierens der weiteren Episoden dank der bekannten Netflix-Politik schnell legt. Netflix konnte so auch schon bei anderen Formaten (zum Beispiel House of Cards) dramaturgische Schwächen verschleiern.
Der Cast ist sympathisch genug, um sich BoJack Horseman weiter anzuschauen. Die Witze sind teils dermaßen billig, dass sie einem schon wieder Spaß machen - miese, aber amüsante Sprüche inbegriffen. Trotzdem fehlt noch das gewisse Etwas, das Netflix' neueste Comedy abhebt und besonders macht. Dafür könnte der Satireaspekt der Serie sorgen, was sich jedoch in den weiteren Episoden der ersten Staffel von „BoJack Horseman“ erst noch zeigen muss.
Intro zur Netflix-Comedy „BoJack Horseman“: