Bloodline 1x13

Eine der umstrittensten Entwicklungen in dieser rasend voranschreitenden „Peak TV“-Ära ist das Binge-Watching-Modell, das uns erstmals von Netflix vorgesetzt wurde, ohne dass wir danach gefragt hätten. Für manche Serien eignet es sich gut, für andere weniger. In die zweitgenannte Kategorie fällt die Dramaserie Bloodline von Daniel Zelman und den Gebrüdern Kessler (Damages), die das Schauen am Stück eher zu einer Aufgabe als zu einer erholsamen Freizeitbeschäftigung gemacht haben dürfte.
You don't give up on family
Zumindest stelle ich mir das so vor, denn ich selbst habe mir sehr viel Zeit gelassen, um die erste Staffel des Familiendramas zu beenden. Die Geschichte als slow burn zu bezeichnen, ist da schon eine Untertreibung. Ich kann mich an kaum eine Dramaserie der letzten Jahre erinnern, die so gemächlich voranschritt. Einerseits ist das lobenswert, scheint sich der große Rest der Fernsehlandschaft doch an immer rasanteren Erzählmodellen zu orientieren. Die Frage ist nur, ob ausreichend interessante Handlungsbögen vorhanden sind, um 13 knapp einstündige Episoden damit zu füllen.
Im Fall von Bloodline fällt die Antwort zweigeteilt aus, wobei beide Teile nicht strikt voneinander zu trennen sind. Die Teile der Geschichte um die angesehene, aber mit dunklen Geheimnissen behaftete Familie Rayburn aus den Florida Keys, die mit dem zurückgekehrten schwarzen Schaf Danny (Ben Mendelsohn) zu tun haben, waren überwiegend mitreißend - vor allem dann, wenn Mendelsohn zu sehen war. Der Schauspieler, der sich eines hervorragenden Rufs als Filmbösewicht erfreuen kann, brachte in nahezu jeder Einstellung seine Bestleistung. War Danny Teil einer Szene, war dies meist eine gute Szene.
Nun wussten wir jedoch seit Beginn der Staffel, dass Danny diese nicht überleben würde - vorausgesetzt, die Ereignisse aus den düsteren Vorblenden würden wirklich so eintreten. Gewissheit darüber erhielten wir zum Glück in der vorletzten Episode, in der bedrückendsten Szene der ganzen Staffel, als Danny von seinem Bruder John (Kyle Chandler) ermordet wurde. Das Staffelfinale ist auch eine der besten Episoden, weil das volle Gewicht der Erkenntnis auf das Geschwistergespann, zu dem außer John noch Meg (Linda Cardellini) und Kevin (Norbert Leo Butz) gehören, einprasselt.

Über den Verlauf der Staffel ist nicht eingetreten, was ich zu Beginn befürchtet hatte - dass das Wissen über das Ende von Dannys Geschichte die Spannung ruinieren könnte. Die hervorragenden Darstellungen des Ensembles konnten das verhindern. Allerdings gab es da auch eine Unwucht, die mit steigender Episodenzahl immer deutlicher zum Vorschein kam: Immer, wenn es nicht um Danny ging, war die Geschichte vielfach uninteressanter. Schon der erste Betrug, den Matriarchin Sally (Sissy Spacek) ihren Kindern einst einflöste, richtete sich gegen Danny, weshalb der ja überhaupt erst nach Hause zurückgekehrt war.
I am not throwing my life away. Not for him.
Nun stellt sich die Frage, wie die Serie, die morgen mit nunmehr zehn Episoden in ihre zweite Staffel geht, dieses massive Loch schließen soll. Den Serienmachern muss bewusst gewesen sein, dass sie mit Mendelsohn ihren besten Darsteller und mit ihm ihre beste Figur verlieren würden, denn sie ließen schnell wissen, dass er auch in den neuen Episoden auftauchen wird. Dies kann nun aber nur noch in Form von Rückblenden oder Geistererscheinungen sein, was weit weniger Strahlkraft hat als ein in der Serie real existierender Charakter.
Und so mitreißend große Teile der Finalepisode auch waren, so enttäuschend waren manche dramaturgische Elemente, die darin eingebaut wurden, um die Grundsteine für Konflikte in der kommenden Staffel zu legen. Das Auftauchen eines bislang unbekannten Kindes ist eine ebenso verbrauchte Fernsehtrope wie die plötzliche Schwangerschaft einer Figur, die in enger Verbindung zu einem Hauptcharakter steht. Auf beides verlassen sich „KZK“ im Finale der ersten Staffel, was nicht gerade optimistisch stimmt.
Einen wichtigen Schritt hat das Autorentrio jedoch mit der Reduzierung der Episodenanzahl unternommen. So sehenswert die visuelle Umsetzung in der ersten Staffel auch war - irgendwann konnte der zehnte Vogelperspektivenshot auch nicht mehr wettmachen, dass die Geschichte allzu oft auf der Stelle trat. Die letzten Episoden belohnten jedoch die Geduld all derjenigen, die sich vom schleichenden Erzähltempo nicht abschrecken ließen. Vielleicht hat man in den kommenden zehn Folgen ja seltener das Gefühl, Farbe beim Trocknen zuzusehen. Mit einem lebenden Danny fehlt allerdings ein wichtiger Faktor - und der ist nicht einfach zu verschmerzen.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 26. Mai 2016(Bloodline 1x13)
Schauspieler in der Episode Bloodline 1x13
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?