Blochin 1x05

Blochin 1x05

Am Sonntagabend ist im ZDF die erste Staffel von Blochin - Die Lebenden und die Toten zu Ende gegangen. Was hat an der neuen Serie funktioniert? Was hat weniger gut funktioniert? Welche Lehren für die Zukunft lassen sich ziehen?

Geht hoffentlich noch weiter: „Blochin - Die Lebenden und die Toten“. / (c) ZDF / Stephan Rabold
Geht hoffentlich noch weiter: „Blochin - Die Lebenden und die Toten“. / (c) ZDF / Stephan Rabold

Zweimal habe ich Blochin jetzt komplett gesehen. Das erste Mal in einer Marathonsitzung auf der Berlinale. Damals allerdings unter dem Einfluss einer rasch heranrückenden fiebrigen Erkältung. Was keine Ausrede für das positive Review sein soll, das ich im Anschluss geschrieben habe „65733“. Ganz im Gegenteil: der gute Gesamteindruck, den ich von dem Projekt hatte, hat sich auch bei der zweiten Ansicht bestätigt. Zugleich sind aber natürlich auch verstärkt die Dinge in den Blick geraten, die an Blochin nicht so gut funktionieren.

Viel ist bereits über die komplizierte Produktionsgeschichte der Serie geschrieben worden, insbesondere über den Pilotfilm, der anfangs eigentlich überhaupt nicht als (Serien-) Pilot geplant gewesen ist.

Gute Ansätze

Schon der Pilot lässt viele gute Ansätze erkennen, die Blochin vom ersten Moment an über den Seriendurchschnitt herausheben: Eine Hauptfigur, die gleich in mehrfacher Hinsicht mit einer mysteriösen Vergangenheit aufwartet. Eine Geschichte, die nur an der Oberfläche ein Krimi ist, darunter aber vom Kontrollverlust ihrer Figuren erzählt. Der Pilot handelt von Charakteren, die alles im Griff zu haben oder zumindest wieder zu bekommen glauben, sich am Ende aber der Einsicht stellen müssen, dass ihnen alles außer Kontrolle gerät.

Das großartige Finale, sicher der stärkste Augenblick des Films, ist dafür der beste Beweis: Dominik (Thomas Heinze) erschießt Garbo (Sascha Alexander Gersak), weil dieser ein Video besitzt, das Blochin (Jürgen Vogel) in den Knast bringen könnte. Durch die belastende Aussage eines Dealers landet Blochin dann aber trotzdem dort; und zwingt seinen Schwager, der gerade für ihn gemordet hat, ihm dabei zu helfen, wieder aus dem Gefängnis herauszukommen: „Entweder Du holst mich heraus oder ich hole Dich hier rein.“ Genau das sind die Wendungen, die eine starke Geschichte auszeichnen.

Zu langsam

Unglücklicherweise reden wir hier nur von den letzten zehn Minuten des Pilotfilms. Davor ist Blochin leider tatsächlich eine mitunter sehr schwergängige Angelegenheit, die dem geneigten Rezipienten viel Geduld abverlangt. In den Reaktionen, die man im Netz nach der Ausstrahlung des Films am Freitag lesen konnten, tauchten immer wieder drei Adjektive auf: lahm, langsam, langweilig. Und so ganz lassen sie sich nicht von der Hand weisen. Natürlich braucht jede Geschichte eine Exposition. Figuren dabei zuzuschauen, wie sie minutenlang über die Vergangenheit quasseln, ist jedoch der am wenigsten fesselnde Weg, uns diese Figuren näher zu bringen.

Blochin macht hier den Fehler, den auch manche (mit mehr oder weniger Recht) hochgelobte US-Serien begehen: Die Serie stellt - zu Beginn jedenfalls - Figurenexposition und Atmosphäre vor die Geschichte.

Komplexität

Das ändert sich bereits mit Kapitel 2, allein schon dadurch, dass die Serie auf einmal viel mehr Geschichte zu erzählen hat. Die Nebenfiguren bekommen eigene Plots. Die Anlage der Serie wird dadurch erstmals wirklich multiperspektivisch. Matthias Glasner und sein Team jonglieren mit einer Vielzahl von Handlungssträngen. Da ist Blochins Frau Inka (Maja Schöne), welche den weiblichen „Guru“ (Corinna Harfouch einer alternativen Community kennenlernt - und sich dadurch immer weiter von ihrem Mann entfernt. Da sind die Geschichten rund um die Kollegen von Blochin, die sich alle im Laufe der Zeit mit seiner kreuzen. Etwa die von Dankwart (Jörg Pose), der sein Geld in ein marodes Hotel investiert hat - und eine Gelegenheit sieht, Blochin zu erpressen, als ihm das belastende Video in die Hände fällt.

In Sachen komplexes Erzählen geht Blochin hier eindeutig in die richtige Richtung. Das einzige Manko der ersten Staffel ist ihre Kürze. Dadurch werden viele Entwicklungen, gerade in dem Augenblick, als sie interessant werden, gleich wieder abgebremst. Allerdings ist die erste Staffel, zumindest wenn es nach Matthias Glasner geht, ohnehin nur der Anfang eines mehrjährigen Bogens. An den Drehbüchern zu Staffel 2, welche acht Folgen zu je 60 Minuten umfassen soll, arbeitet er schon.

Quotenkurve

Bezeichnend für Blochin ist, dass der Serie von Freitag (Pilot) auf Samstag (Folgen 2 bis 4) ein Viertel der Zuschauer abhanden gekommen ist. Die Zahl fiel von vier Millionen auf knapp über drei Millionen. Die Zuschauer, die am Samstag eingeschaltet haben, blieben dann allerdings für alle drei Folgen dran. Das zeigt, dass der Pilot - anders als es sich beim Festival Tatort Eifel dargestellt hat - Schwierigkeiten hatte, das Publikum ausreichend zu interessieren und zu fesseln. Es zeigt aber auch, dass die Serie danach offenbar genau die Spannung gefunden hat, um das Publikum am Bildschirm gebannt zu halten.

Szenen wie die Entführung von David Simon (Matthias Glasners Verneigung vor dem gleichnamigen The Wire-Schöpfer) aus dem Gefängnis bauen genau die Thriller-Spannung auf, die den Zuschauern versprochen worden ist. Und mit dem Bombenanschlag am Ende von Kapitel 3 sorgt Blochin für einen jener WTF-Momente, welche für wahrhaft süchtig machende Serien bezeichnend sind. WTF-Momente müssen wohldosiert eingesetzt werden, damit sie ihre Wirkung nicht verfehlen. Blochin würde - perspektivisch gedacht - der ein oder andere WTF-Moment mehr aber durchaus gut tun.

Figuren, die überraschen

Zu den größten Stärken von Blochin zählen die Figuren. Dabei ist gar nicht mal Blochin selbst der interessanteste Charakter. Gut, er hat seine komplizierte Vergangenheit. Aber diesen Typus (TV-) Polizist kennt man irgendwie schon. Spannender sind da Dominik und auch dessen Geliebte, die Staatssekretärin Katrin Steinbrenner (Jördis Triebel), weil es bei ihnen viel mehr Entwicklung gibt. Und der Zuschauer an ihnen überraschende Seiten entdecken kann.

Beide Figuren machen, gerade in ihrer Beziehung zueinander, am Anfang einen sehr oberflächlichen Eindruck. Es sieht so aus, als wäre das Ganze eine reine Bettgeschichte. Tatsächlich finden Dominik und Katrin - und wir als Publikum mit ihnen - jedoch heraus, dass es darunter viel tiefere Gefühle zwischen ihnen gibt. Ebenfalls komplett gegen die anfänglichen Erwartungen gebürstet müssen wir feststellen, dass hinter der professionellen und latent zynischen Fassade der Politikerin geradezu eine Idealistin steckt, die mit großem Einsatz für die Dinge kämpft, an die sie glaubt.

Work in Progress

Wird Blochin einen Pakt mit dem Teufel eingehen, um den Mörder seiner Tochter zu finden? Das ist die Frage, mit der uns das Staffelfinale entlässt. Es ist auf jeden Fall ein Grund, um die Serie weiterzuschauen, sofern das ZDF grünes Licht für den Dreh der zweiten Staffel gibt. Mindestens ebenso spannend dürfte die Frage sein, wie sich die Serie weiterentwickeln wird. Die erste Staffel hat vielversprechende Ansätze gezeigt. Da und dort lief es aber noch nicht so ganz rund, merkte man der Serie deutlich an, dass sie Work in Progress ist.

Das sieht man nicht zuletzt auch an den unterschiedlichen Altersfreigaben der Folgen. Das ist nicht nur im Hinblick auf die Freischaltung in der Mediathek nervig. Es macht sich auch als Bruch innerhalb der Serie deutlich bemerkbar. Hier der Pilot, der noch ganz auf ZDF-Samstagabend 20.15 Uhr geeicht war, dort Kapitel 4, das bei den Sexszenen HBO und Co. in den Schatten stellt.

Fazit

Ich hoffe sehr, dass Glasner und sein Team die Gelegenheit erhalten werden, Blochin weiterzuerzählen. Eine nachhaltige Serienkultur wird sich in Deutschland nur entwickeln, wenn die Sender nicht nur bereit sind, Experimente zuzulassen, sondern auch die entsprechende Lernkurve mitzugehen.

Eine Lehre, die sich aus Blochin jetzt schon ziehen lässt, ist die Bedeutung, welche dem Piloten - mehr denn je in Zeiten des seriellen Überflusses - zukommt. Wenn man dem Publikum einen Thriller verspricht, der „süchtig macht“, dann muss man in Sachen Spannung, Tempo und Action auch von Beginn an liefern. Sonst gehen einem (zu viele) Zuschauer direkt nach dem Auftakt von der Fahne.

Entscheidender Augenblick: Wie weit wird Dominik (Thomas Heinze) gehen; um den Mann seiner Schwester zu schützen? © ZDF / Stephan Rabold
Entscheidender Augenblick: Wie weit wird Dominik (Thomas Heinze) gehen; um den Mann seiner Schwester zu schützen? © ZDF / Stephan Rabold
Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 27. September 2015
Episode
Staffel 1, Episode 5
(Blochin 1x05)
Titel der Episode im Original
Kapitel 5
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 27. September 2015 (ZDF)

Schauspieler in der Episode Blochin 1x05

Darsteller
Rolle
Jürgen Vogel
Thomas Heinze

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