Big Mouth 1x01

Big Mouth 1x01

Mit der animierten Comedy Big Mouth hat sich Netflix eine ebenso charmante wie tabulose Coming-of-Age-Geschichte ins Programm geholt. Der Titel der Pilotepisode, Ejaculation, verrät sogleich, worum es darin hauptsächlich geht. Witzig ist das durchgehend.

Andrew taucht in der Pilotepisode von „Big Mouth“ mit seinem eigenen Sperma. / (c) Netflix
Andrew taucht in der Pilotepisode von „Big Mouth“ mit seinem eigenen Sperma. / (c) Netflix
© ndrew taucht in der Pilotepisode von „Big Mouth“ mit seinem eigenen Sperma. / (c) Netflix

Manche mögen die Pubertät verdrängt, manche mögen sie vergessen haben. Aber durchlebt haben wir sie alle. Es gibt kein Entrinnen vor dieser peinigenden Phase im Leben eines jeden Menschen, die in der Rückschau gerne verklärt wird, für die allermeisten aber viel eher eine Zeit ist, die nicht schnell genug vorbei sein konnte. Genau darüber haben Nick Kroll und Andrew Goldberg, Freunde seit Kindheitstagen, nun mit Jennifer Flackett und Mark Levin eine animierte Comedyserie gemacht. Sie heißt Big Mouth und verspricht in ihrer Pilotepisode beste Unterhaltung.

Dial it down, everybody can see your feelings

Die Episode Ejaculation eröffnet mit den besten Freunden Nick (Kroll) und Andrew (John Mulaney), die im Sexualkundeunterricht sitzen und mit immer größer werdenden Augen verfolgen, was der Film ihnen beizubringen versucht. Wie wenig Ahnung sie vom eigentlichen Thema haben, offenbaren nahezu sämtliche ihrer Aussagen: „The uterus? I thought girls had vaginas.“ In der Selbstwahrnehmung sehen sie sich natürlich als das komplette Gegenteil: Erfahrene Männer, die genau wissen, was zu tun ist, wenn der erste Kuss ansteht. (Sie wissen es natürlich nicht.)

Andrews Pubertätserfahrung wird durch die nahezu dauerhafte Präsenz eines Hormonmonsters erschwert, das zwar auch von Kroll gesprochen wird, sich aber anhört wie Will Arnett. Ebenjenes Monster beschwatzt ihn stets so lange mit wolllüstigen Fantasievorstellungen, bis er sich selbst befriedigt. Die eigene Lust wird dadurch sehr deutlich als lästige Pflichterfüllung dargestellt, nicht als genießenswertes Körpererlebnis. Jungs müssen in dieser Zeit eben mit ständig auftretenden Gefühlswallungen zurechtkommen, für Mädchen ist es noch ein bisschen komplizierter.

Die Auftaktepisode ist hauptsächlich den beiden Jungs vorbehalten, aber von Kollegen, die bereits mehr gesehen haben, erfährt man, dass den Irrungen und Wirrungen der Mädels in zukünftigen Episoden gleich viel Platz eingeräumt wird. Das liegt wohl auch daran, dass sechs der zehn Folgen von Autorinnen geschrieben oder mitgeschrieben wurden - was Parität im Writers' Room nicht alles bewirken kann. Prominent vertreten sind hier bereits Jessi (Jessi Klein) und Missy (Jenny Slate) - die eine Feministin im Anfangsstadium mit Blick auf Nick, die andere Obernerd mit dem Kopf voller Andrew.

Das Hormonmonster erscheint zu den unpassendsten Zeiten.
Das Hormonmonster erscheint zu den unpassendsten Zeiten. - © Netflix

Zu Hause erfahren Nick und Andrew unterschiedliche Formen der Unterstützung. Nicks Eltern halten sich für ultraliberal und sind so aufgeschlossen, wie es sich kein Pubertierender jemals wünschen dürfte. Seine Mutter fordert eine Kuschelsteuer, die Nick entrichten muss, bevor er vom Tisch aufstehen darf, Vater Elliot (Fred Armisen) kann sich gar nicht genug seines gelungenen Lebens erfreuen und plaudert mit dem Sohnemann freimütig über die geringe Größe seines Geschlechtsteils. Bei Andrew ist das genaue Gegenteil der Fall: Sein Vater hält überhaupt nichts von sexueller Aufklärung.

There is no god

Der erste große Konflikt im Leben der besten Freunde ereignet sich in einer Nacht, die später als „The Night of the Penis“ bezeichnet werden wird. Nach dem Duschen fällt Andrew vor Nick das Handtuch herunter, woraufhin der seinen Penis sieht - größer und behaarter, als er sich das je hätte vorstellen können. Fortan kann Nick das Bild, und vor allem die dadurch ausgelösten Minderwertigkeitsgefühle, nicht mehr aus seinem Kopf verbannen. Rat holt er sich beim Geist von Duke Ellington (Jordan Peele), der im Speicher seines alten Hauses residiert, in dem nun Familie Birch wohnt.

Andrew konferiert derweil mit seiner ungleich aggressiveren Traumvorstellung, dem Hormonmonster. Schlechte Tipps bekommen beide gleichermaßen. Zum Showdown kommt es schließlich während des Schulballs, auf den sich keiner so sehr freut wie der bemitleidenswerte Sportlehrer Steve (Kroll), den keiner mag und der zu allem Überfluss in einem Lagerraum am Flughafen haust. Für Coming-of-Age-Verhältnisse dauert es auf dem Ball jedenfalls nicht lange, bis die Schwärme zueinander finden. Alsbald folgen jedoch die üblichen Peinlichkeiten: Nick und Jessi wissen nach ihrem ersten Kuss nicht, was sie miteinander anfangen sollen, und Andrew tanzt so eng mit Missy, dass selbst die Warnungen seines fiktiven Begleiters das größtmögliche Desaster nicht verhindern können.

Am Ende führen diese Ereignisse dazu, dass sich Nick und Andrew versöhnen. Eine einfache Feststellung genügt dafür: „Everything's embarrassing.“ Ebendas ist die Prämisse von Big Mouth, und obwohl diese sehr schlicht erscheint, gelingt es den Serienmachern doch, daraus eine charmante Geschichte zu machen, und dabei trotzdem kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Als Aufklärungsmaterial ist diese Comedy sicher nicht geeignet, dazu ist sie viel zu schmutzig. Positive Botschaften für all jene, die die Pubertät durchleiden, hat sie trotzdem im Gepäck.

Der Wortwitz und die am Ende beinahe jeden Satzes lauernden Pointen werden von einem erstaunlich hochkarätig besetzten Ensemble so treffend umgesetzt, dass man sich zeitweilig in einer Episode von BoJack Horseman wähnt. Hinzu kommt ein schlichter Animationsstil, der durch surreale kleine Ausflüge aufgewertet wird, zum Beispiel wenn Andrew nach seinen Hosen taucht und dabei auf drei seiner Spermien trifft, oder am Ende auch Nick vom Hormonmonster heimgesucht wird. Die nächsten Episoden warten glücklicherweise schon in die cue.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 29. September 2017

Big Mouth 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Big Mouth 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Ejakulation
Titel der Episode im Original
Ejaculation
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 29. September 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 29. September 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 29. September 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 29. September 2017
Regisseur
Joel Moser

Schauspieler in der Episode Big Mouth 1x01

Darsteller
Rolle
Fred Armisen
Jessi Klein
Nick Kroll
Jason Mantzoukas
Jay
John Mulaney
Jenny Slate

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