Die neue HBO-Dramaserie Big Little Lies lässt sich in ihrer Pilotepisode nicht besonders tief in die Karten schauen. Sie erzählt von einer wohlhabenden Gemeinschaft in Kalifornien, in der es nach der Ankunft eines neuen Mitglieds zu Verwerfungen kommt, die sich lange aufgestaut haben.

„We pound people with nice.“ - „To death.“ / (c) HBO
„We pound people with nice.“ - „To death.“ / (c) HBO
© ??We pound people with nice.“ - „To death.“ / (c) HBO

Der Titel der Auftaktpisode von Big Little Lies ist das eindeutigste an der gesamten Folge: Somebody's Dead. Jedoch gewährt Drehbuchautor David E. Kelley (Goliath, Boston Legal) keine weiteren erklärenden Einsichten in das Vorkommnis, das eine wohlhabende Gemeinschaft im kalifornischen Küstenort Monterey aus den Fugen hebt. Für das Gelingen der Pilotepisode ist das nicht abträglich, steckt ihre Kraft doch ganz offensichtlich im Porträt der Hauptfiguren, und nicht in der Beleuchtung oder gar Auflösung eines Kriminalfalls.

We see things as we are

Die Geschichte gerät ins Rollen, als die Gemeinschaft Zuwachs bekommt. Jane Chapman (Shailene Woodley) ist dorthin gezogen, weil sie sich von ihrer Mutter bedrängt fühlt, wie ein jäh beendetes Telefongespräch beweist. Außerdem ist die Grundschule gut und erschwinglich, was für Janes Sohnemann Ziggy (Iain Armitage) wichtig ist, der ohne einen Vater aufwächst und mit einer Mutter, die als Buchhälterin in Teilzeit wohl kein allzu üppiges Auskommen hat. Gleich zu Beginn der Pilotepisode treffen die beiden auf Madeline Mackenzie (Reese Witherspoon) und ihre Tochter Chloe (Darby Camp, meine persönliche MVP).

Von Madeline haben wir Zuschauer dank der Erzählstruktur der Serie bereits eine sinistre Vorahnung bekommen. Das Format ist nämlich wie eine Dokumentation aufgebaut, in der die Beteiligten eines Kriminalfalls ihre Sichtweise der Erlebnisse schildern. Eigentlich befinden sie sich aber in einem Verhörzimmer der Polizei, wo fieberhaft nach einem Mörder beziehungsweise einer Mörderin gesucht wird. Eindeutig ist die Meinung der Befragten zum Startpunkt der Tragödie, die schließlich mit einer Leiche geendet hat - der verschwörerisch intonierte „incident on Orientation Day“.

An ebenjenem Tag trifft die Montereyer Hautevolee in der Grundschule aufeinander, wo die meisten mommies ihre Sprösslinge zum ersten Tag abliefern. Jane dient dabei als unser aller Augen und Ohren, wird sie doch von Madeline in deren Maschinengewehr-Stakkato allen wichtigen Spielerinnen vorgestellt. Da wäre zum einen die wortkarge Celeste Wright (Nicole Kidman), über die sich die meisten Befragten abfällig äußern, weil sie mit dem deutlich jüngeren Eric (Alexander Skarsgard) zusammen ist, und die beiden nach jahrelanger Ehe immer noch übereinander herfallen, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt.

Wie lange diese erst kürzlich geschlossene Freundschaft wohl hält?
Wie lange diese erst kürzlich geschlossene Freundschaft wohl hält? - © HBO

Zu den relevanten Figuren gehören außerdem Madelines Ex-Mann Nathan (James Tupper), mit dem sie sich das Sorgerecht für Abigail (Kathryn Newton) teilt. Er ist mittlerweile mit Bonnie (Zoe Kravitz) zusammen, über die sich Madeline bei ihrem neuen Ehemann Ed (Adam Scott) ungezügelt mokiert, weil sie glaubt, ihre älteste Tochter an die weltgewandte, ökologisch bewusst und im Einklang mit der Natur lebende, Yoga unterrichtende Rivalin („She probably gives mint-flavored organic blow-jobs.“) zu verlieren. Als Krönung gesteht Bonnie - immerhin sichtlich peinlich berührt -, dass sie eine Petition gegen das von Madeline inszenierte Theaterstück unterschrieben hat.

The envy of your friends

Die größten Fragezeichen kreisen allerdings um Renata (Laura Dern), die gleich in ihrer ersten Szene offenbart, warum sie im Zentrum der Kontroverse stehen wird. Als einzige der Schulmütter kann sie sich einer florierenden Karriere erfreuen, worüber sie gerne spricht. Das ist auch der Grund für ihre nicht ganz falsche Selbsteinschätzung, bei den anderen Frauen äußerst unbeliebt zu sein. In vorderster Reihe marschiert dabei - wenig überraschend - Madeline, die gleich beim ersten Kennenlernen mit Jane darüber aufklärt, wie die Frontlinien verlaufen: „Us against them, the career mommies.

Auf verlorenem Posten steht Renata jedoch längst nicht, wie die Aufspaltung der Schulfraktionen in „Team Renata vs. Team Madeline“ beweist. Am Ausgangspunkt dieses anschwellenden Konflikts steht der berühmte Zwiespalt „Aussage gegen Aussage“, was dadurch verkompliziert wird, dass zwei Kinder im Grundschulalter involviert sind. Renatas Tochter Amabella (Ivy George) behauptet nämlich nach dem ersten Schultag, dass Janes Sohn Ziggy versucht habe, sie zu würgen. Als Beweis trägt sie am Hals eine deutlich sichtbare Quetschung.

Das als Miniserie angekündigte Big Little Lies verfügt über lediglich sieben Episoden, weshalb es mir nicht so recht einleuchten will, wozu es dieses Mordmysteriums bedarf. Ich wäre jedenfalls hochzufrieden damit gewesen, hätte ich einen Einblick in das Leben dieser Hauptfiguren bekommen, das ja auch ohne solch eine Tragödie schon dramatisch genug zu sein scheint. Hinzu kommt, dass mit Witherspoon, Woodley, Kidman und Dern ein traumhaftes Ensemble versammelt werden konnte, das alleine schon den Preis eines HBO-Go-Abos wert ist.

Und weil HBO bei der Zusammenstellung des Casts nicht Halt macht, hat man ein oscarnominiertes Ausnahmetalent wie Jean-Marc Vallée („Dallas Buyers Club“) als Regisseur engagiert, der das verwirrende Geschehen in ebenso verwirrende, aber gleichzeitig makellose Bilder übersetzt. Als Kritikpunkt kann man natürlich anführen, dass das Leben verzogener weißer Vorstadtmamis nun nicht gerade den spannendsten Hintergrund für eine neue Dramaserie bietet. Viel spannender finde ich aber die Frage, ob man nicht auch solchen Figuren mit Empathie und Offenheit begegnen kann. Das gelingt in „Big Little Lies“, und deswegen freue ich mich sehr auf die übrigen Episoden.

Trailer zu Episode 1x02: 'Serious Mothering'

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