Better Call Saul 6x12

Better Call Saul 6x12

Die letzte Folge vor dem großen Serienfinale der Serie Better Call Saul birgt einige Überraschungen und schmerzt mit mancher Szene mehr denn je. Es geht nach Florida, Nebraska und natürlich wieder zurück nach New Mexico...

Rhea Seehorn als Kim in der Serie Better Call Saul - hier unser Review. (c) AMC
Rhea Seehorn als Kim in der Serie Better Call Saul - hier unser Review. (c) AMC
© hea Seehorn als Kim in der Serie Better Call Saul - hier unser Review. (c) AMC

The tide is high but I'm holdin' on!

Der Breaking Bad-Schöpfer Vince Gilligan hat wiederholt festgestellt, dass sein Serienuniversum mit dem Finale von Better Call Saul für ihn als abgeschlossen gilt. In einer Woche ist es so weit, doch Gilligan selbst beendet sein Werk schon mit der jüngsten Folge, die den Titel Tränen (im Original: „Waterworks“) trägt, bei der er nämlich zum letzten Mal das Drehbuch schrieb und Regie führte. Die Fernsehgötter bleiben ihm wohlgesonnen und gestatten Gilligan den perfekten Abschied.

Dass sich die zwölfte Episode der sechsten Staffel der Prequel-Serie mit Bob Odenkirk in der Titelrolle des Saul Goodman aka Jimmy McGill aka Gene Takavic so hervortun kann, liegt vor allem daran, dass Rhea Seehorn als Kim Wexler zurückkehrt. Mit ihr reisen wir nach Florida, wo wir ihr profanes Schwarz-Weiß-Leben als Broschüren-Spezialistin einer Sprinkleranlagenfirma kennenlernen. Später sehen wir sie wieder in New Mexico, wo es zu einer sehr überraschenden Begegnung kommt.

Zunächst kriegen wir aber endlich Kims aufwühlendes Telefonat mit Jimmy zu hören, das bereits in der letzten Folge angedeutet wurde. Wir erleben dadurch die Evolution der Serie noch mal im Zeitraffer: Zu Beginn des Gesprächs klingt der Mann am anderen Ende der Leitung noch halbwegs wie der liebenswürdige Jimmy, den wir einmal kannten. Doch als Kim keine Reaktion zeigt, weil sie erstarrt ist durch den Schock, von ihrem schwerkriminellen Exmann kontaktiert worden zu sein, wandelt er sich schnurstracks zum bösen Saul, der mit jedem Wort nur Schmerzen verursacht.

Repairing Good statt Breaking Bad

Der Anruf ist für Kim ein Weckruf, ihr absichtlich so langweilig wie möglich gestaltetes Leben in Florida - mit einem etwas dümmlich erscheinenden Partner, der beim Sex allen Ernstes „Yep“ ruft und nicht mal ordentliche Mayonnaise einzukaufen weiß - kurz zu unterbrechen, um die Scherben, die sie einst in Albuquerque hinterließ, wieder zusammenzusetzen. Auch nach vielen Jahren im Exil hat Kim anscheinend nie Erlösung gefunden, vielmehr will sie sich bestrafen, statt sich etwas schönes Neues aufzubauen (sie gönnt sich nicht mal mehr ansehnliche Kleidung). Ausgerechnet ihr alter Komplize stachelt sie nun also an, endlich das Richtige zu tun, wozu dieser selbst nie mutig genug wäre.

Kim steigt in der Schwarz-Weiß-Zeit nach den Ereignissen von „Breaking Bad“ ins Flugzeug, um an dem Gericht, in dem sie die besten Jahre ihrer Anwaltskarriere erlebt hat, ein Geständnis abzugeben. Der ganze Streich mit Howard (Patrick Fabian), der durch den zufälligen Zusammenstoß mit Lalo (Tony Dalton) in der großen Tragödie geendet war, ist nun offiziell protokolliert. Auch Howards Witwe Cheryl (Sandrine Holt) legt Kim ihr Geständnis vor, wobei sie weiterhin zugibt, dass sie vermutlich keine juristischen Konsequenzen zu befürchten hat. Auch dieser Schritt wird Kim also keine Erlösung bringen, aber wenigstens könnte so der Name Howards wieder reingewaschen werden.

Rhea Seehorn und Aaron Paul in Better Call Saul
Rhea Seehorn und Aaron Paul in Better Call Saul - © AMC

Eine bewegende Note, die Gilligan bei Kims Rückkehr nach Albuquerque anklingen lässt, ist der Eindruck, dass alle Figuren, die damals in der Hochphase der Serie von Bedeutung waren, längst vergessen und ersetzt wurden. So bemerkt Kim eine adrette Pflichtverteidigerin, die gerade ihren Mandaten vorbereitet. Wären einige Dinge anders gelaufen, wäre sie das jetzt. Mike (Jonathan Banks) hingegen wurde am Parkplatz durch einen Ticketautomaten ersetzt (auch das sagt etwas aus).

Eine Scheidung mit Überraschungsgästen

Neben dem Telefonat hat die Episode noch ein echtes Wiedersehen von Kim und Jimmy zu bieten, das allerdings kurz nach der Trennung der beiden und somit auch in bunten Farben spielt. Doch die Farben können nicht davon ablenken, dass es sich hierbei ganz sicher um den düstersten Moment handelt, den wir je von den zwei Hauptfiguren erlebt haben (mit Ausnahme der verhängnisvollen Todesnacht von Howard). Kim und Jimmy beziehungsweise Saul treffen sich im Büro von Letzterem, um die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Während er sich größte Mühe gibt, ihr zu beweisen, wie egal sie ihm angeblich wäre, bleibt sie wie immer ruhig und souverän. Auch schlägt man erstmals die Brücke hin zum Ekelpaket Saul, das seine Sekretärin mit sexistischen Spitznamen belegt. Er tut es (natürlich), um Kim zu provozieren.

Als Kim von dannen zieht, läuft ihr im Wartezimmer ein gewisser Emilio (John Koyama) über den Weg, der in Breaking Bad das erste Todesopfer Heisenbergs sein wird. Ein erster Vorbote für den großen Überraschungsmoment der Folge, der auf keinen Fall als billiger Fanservice abgetan werden sollte, sondern auf geniale Weise einen Kreis schließt, um uns eine große Parallele beider Serie zu enthüllen. Im strömenden Regen trifft Kim am Parkplatz nämlich einen Fremden, dem sie so viel ähnlicher ist, als sie es jemals wissen wird: Jesse Pinkman (Aaron Paul).

Wie der US-Kritiker Alan Sepinwall in seinem Recap bei Rolling Stone brillant herausgearbeitet hat, sind Kim und Jesse wie ein Spiegelbild. Angefangen damit, dass beide Figuren von Gilligan und Co ursprünglich als zweitrangig wahrgenommen wurden. Jesse sollte eigentlich nach einer Staffel sterben, doch die Chemie von Paul und Bryan Cranston, der es bei nur einem Gastauftritt belässt, war einfach zu gut, um sie wegzuwerfen. Ähnlich lief es für Seehorn, deren Rolle nur eingeführt wurde, weil man noch einen weiblichen Part an Odenkirks Seite brauchte. Sie wurde schließlich zum absoluten Publikumsliebling. Und erst durch sie gelang es überhaupt, aus Saul in der Soloserie einen Charakter mit Herz zu machen.

Carol Burnett und Bob Odenkirk in Better Call Saul
Carol Burnett und Bob Odenkirk in Better Call Saul - © AMC

Jesse und Kim waren nicht nur die Sidekicks für Heisenberg beziehungsweise Saul, sondern ihre natürlichen Gegengewichte. Sobald sie sich trennten, war das Schicksal ihrer Partner besiegelt, die so ihren moralischen Kompass verloren und endgültig zu Bösewichten mutierten. Tatsächlich sind Jesse und Kim wohl auch die einzigen Menschen im ganzen Serienuniversum, die jemals versucht haben, das Richtige zu tun (Jesse schrieb ja auch den Brief an Brock, ähnlich wie Kim mit ihrem Geständnis gegenüber Cheryl). Am Ende fliehen beide jeweils ans andere Ende des Landes, einer ins eisige Alaska, die andere ins heiße Florida. Dass sie sich in der kurzen Begegnung trotz aller Gemeinsamkeiten so fremd bleiben, hat eine schöne Ironie.

Für Seehorn ist der Moment mit Paul aber auch eine Einladung in den Breaking Bad-Olymp, nachdem ihr sonst nur eine gemeinsame Szene mit Mike vergönnt war. Jetzt fehlt nur noch ihr längst überfälliger Emmy, den sie sich allein schon durch den emotionalen Zusammenbruch im Bus verdient haben dürfte. Die Schauspielerin präsentiert sich in dieser vorletzten Folge von Better Call Saul wirklich noch mal in absoluter Bestform. Ich hoffe trotzdem, dass wir sie im Finale wiedersehen werden (wie auch immer das zustande käme).

Meisterdetektivin Marion

Abschließend müssen wir natürlich auch noch über Gene sprechen, der in der Schlussszene letzte Woche einen fatalen Fehler beging. Er brach nämlich in das Haus von Mr. Lingk (Kevin Sussman) ein, um diesen auszurauben und sich selbst mal wieder ein bisschen lebendig zu fühlen. Während Jeff (Pat Healy) draußen im Taxi wartet, treibt es Gene drinnen auf die Spitze. Vollkommen unvorsichtig übersieht er sogar, dass sein Opfer langsam aus dem Schlaf aufwacht. Als er schließlich in der Falle sitzt, überlegt Gene tatsächlich, den Bewohner mit der Urne dessen verstorbenen Hundes zu erschlagen. Doch dann schläft Lingk wieder ein, so dass Gene diesen letzten Schritt auf die dunkle Seite (noch) nicht gehen muss.

Jeff leistet sich derweil die reinste Slapstick-Nummer. Nervös geworden durch einen Streifenwagen, der in derselben Straße gerade ein Päuschen einlegt, brettert er los und crasht direkt ins nächste Auto. Bislang völlig unverdächtig, wird Jeff nun also verhaftet und die zwei Cops müssen ihren Fischburger, der den Namen nicht verdient hat, erst mal zur Seite legen. In Haft erinnert sich Jeff an den alten Werbeslogan „Better Call Saul“ und erreicht Gene, der ihm versichert, dass er und seine Mutter Marion (Carol Burnett) ihn schnell wieder rausholen. Doch dummerweise hat Marion an ihrem Laptop inzwischen auch den Werbespot entdeckt und weiß nun, wer Gene tatsächlich ist. Kurz sieht es so aus, dass Saul sie umbringen könnte, doch das hat er zum Glück nicht in sich, so dass ihm nichts anderes übrigbleibt, als zu flüchten.

Man beachte vor allem, wie die Schwarz-Weiß-Szene durch Sauls Spot, der sich bunt in Genes Brillengläsern widerspiegelt, unterbrochen wird. Seine Vergangenheit hat ihn eingeholt - und er hat es auch darauf angelegt. Ist das vielleicht seine Art, Kims Ratschlag zu befolgen, sich der Polizei zu stellen, indem er absichtlich auffliegt? Nächste Woche erfahren wir im großen Serienfinale, wie die Geschichte endet...

Hier abschließend noch der Teaser zum Serienfinale von Better Call Saul:

Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 9. August 2022
Episode
Staffel 6, Episode 12
(Better Call Saul 6x12)
Deutscher Titel der Episode
Tränen
Titel der Episode im Original
Waterworks
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 8. August 2022 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 9. August 2022
Autoren
Vince Gilligan, Peter Gould, Ariel Levine
Regisseur
Vince Gilligan

Schauspieler in der Episode Better Call Saul 6x12

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