Better Call Saul 6x05

© ony Dalton in der Serie Better Call Saul (c) AMC
Alles, was in der letzten Folge gefehlt hat, wird uns nun nachgereicht: Blaue Flecken (im Original: „Black and Blue“) gehört sicher zu den stärksten Episoden dieser ersten Staffelhälfte der großen Abschiedstournee von Better Call Saul. Nicht nur schlägt Howard (Patrick Fabian) endlich zurück, sondern auch unser Lieblingsschurke taucht erneut auf, wobei das Wo eine tolle Überraschung darstellt. Dazu gibt etwas Fanservice, denn die Übergänge Richtung Breaking Bad mehren sich wieder.
Vor allem das Cold Open weckt Erinnerungen an die gute alte Heisenberg-Zeit. Unterlegt zum deutschsprachigen Chorstück „In Stiller Nacht“, sehen wir jedoch nicht, wie jemand Meth kocht, sondern eine Trophäe anfertigt. Diese gilt dem toten Tunnelgräber Werner Ziegler (Rainer Bock), der plötzlich wieder eine Rolle spielt. Und damit beantwortet sich dann auch die Frage, was Lalo (Tony Dalton) in den letzten Wochen so getrieben hat...
Regie führt bei der herausragenden Episode die Franchise-Veteranin Melissa Bernstein. Das Skript stammt derweil von der Autorin Alison Tatlock. Außerdem sind einige Gaststars gesetzt, darunter erneut Ed Begley Jr. als Clifford Main, Tina Parker als Francesca und auch ein ganz neues Gesicht, das aber von enormer Bedeutung ist.
Lalo und Gus
„Wer schoss das Siegtor zum Weltmeistertitel 1990?“ Mit dieser Fußballfrage verrät die Serie, wo wir uns in der Schlussphase der neuen Episode befinden: In einer Bar in Deutschland, in der wir endlich Werners Frau Margarethe kennenlernen. Gespielt wird sie von der ungarischen Schauspielerin Andrea Sooch (Claws), was ihren leichten Akzent erklärt. Leider hat sie das Vergnügen mit Lalo, dem charmanten Monster, das selbst dann für Angst und Schrecken sorgt, wenn es sich ewig nicht mehr blicken lässt. Vielleicht war genau das die Absicht der Serienmacher Vince Gilligan und Peter Gould, uns zu zeigen, dass dieser Charakter so effektiv ist, dass wir ihn nicht mal sehen müssen...
Tatsächlich hat er schon in den letzten drei Folgen das Geschehen maßgeblich geprägt, obwohl Dalton als Lalo gar nicht mitgespielt hat. Und auch jetzt sehen wir wieder, wie zum Beispiel Kim (Rhea Seehorn) seine Rückkehr fürchtet. Auch Gus (Giancarlo Esposito), der ja selbst nicht ungefährlich ist, zittert vor dem Salamanca-Kronprinzen. Es wird angedeutet, dass der Drogenboss unter einer Art posttraumatischen Belastungsstörung leidet, die durch die akute Stresssituation getriggert wird (vielleicht aus seiner Zeit beim chilenischen Militär während der Pinochet-Diktatur). Auch gibt er sich geradezu manisch seinen Putzzwängen hin, was seinen Handlanger Mike (Jonathan Banks) sichtlich beunruhigt.
Die Ironie dabei ist ja, dass Kim und Gus erstmal nichts zu befürchten haben, denn Lalo ist Tausende von Meilen entfernt. Wir Zuschauer:innen müssen hingegen um das Schicksal Margarethes fürchten, die uns durch Werners Schilderungen in der vierten Staffel schon reichlich sympathisch wurde. Außerdem hat sie einen süßen kleinen Hund, der Bärchen heißt. Die emotionalen Einsätze sind also hoch, zumal wir wissen, wie skrupellos Lalo sein kann. Regisseurin Bernstein spielt genüsslich mit der Gefahr für die Gastfigur, und lässt Dalton und Sooch ganz nebenbei ein paar sehr starke Dialoge spielen.

Weil es sich bei der Serie um ein Prequel handelt, weiß man nur selten gar nicht, wie es um die Überlebenschancen eines Charakters steht. Tendenziell hat man wohl eher mit dem Tod der unschuldigen Frau gerechnet, weshalb die Entscheidung anders ausfiel. Sie und ihr Hund bleiben tatsächlich unversehrt. Denn Lalo hat sowieso schon, was er will: die Information, wo er Werners Jungs finden kann, die in die anfangs gezeigte Trophäe eingraviert steht. Falls es nicht schon zu spät ist, Wünsche zu äußern, wen Lalo zuerst in die Finger kriegen soll, will ich ganz bescheiden Kai (Ben Bela Böhm) vorschlagen - den Sprengmeister, der vor allem als Nervensäge im Einsatz war.
So glücklich wir auch sein können, Lalo endlich wiederzusehen, mitsamt der spontanen Deutschlandreise, kann man doch langsam den Überblick verlieren, was der Schurke eigentlich vorhat. Warum tötet er nicht einfach Gus, um sich an ihm zu rächen? Scheinbar will Lalo seinen Gegner ans Kartell ausliefern, indem er beweist, dass der Hähnchenhändler seinen Schirmherrn südlich der Grenze, Don Eladio (Steven Bauer), auszubooten plant, durch den Bau eines eigenen Labors. Wer hätte gedacht, dass ein Raubtier wie Lalo so geduldig bei der Jagd sein kann? Er unterscheidet sich eben sehr von seinem hitzköpfigen Cousin Tuco (Raymond Cruz), weshalb ihn so Gus fürchtet.
Howard und Jimmy
Statt Jimmy (Bob Odenkirk), steht diesmal Howard im Zentrum des zweiten Handlungsstrangs, welcher strenggenommen sogar mehr Laufzeit einnimmt. Durch einen Auftritt vor den Sandpiper-Klienten erkennen wir, wie ähnlich sich die zwei Streithähne eigentlich sind. Denn auch der eitle HHM-Chef Howard gehört nicht gerade zur Anwaltssorte „staubtrockener Paragraphenreiter“ - wie etwa die junge Erin (Jessie Ennis), die damit bei den älteren Herrschaften zwar auf Granit beißt -, sondern zur weniger seriösen Sorte Showman (genau wie Jimmy). Auch wird endlich betont, dass Howard keineswegs dumm ist. Er durchschaut Jimmys Streiche und bläst zum Gegenschlag.
Erfrischend war vor allem die Szene, in der Cliff seinen Kollegen konfrontiert, woraufhin dieser sofort weiß, was los ist. Diese Intelligenz von Figuren würde man sich in allen Serien wünschen. Und dann kommt es gleich noch besser: Howard lockt Jimmy nun selbst in eine Falle und fordert ihn zu einem Boxkampf, um die Sache ein für alle Mal wie Gentlemen zu klären (oder eher wie Rüpel auf dem Schulhof). Aber natürlich kann der Kampf allein nicht die Kulmination jahrelanger Schikane sein, stattdessen war dies nur ein Ablenkungsmanöver Howards, der Jimmy nun einen Privatdetektiv auf die Fersen schickt. Mal schauen, ob der etwas Inkriminierendes herausfindet, bevor Mikes Spürnasen ihn ausschalten.
Nun, da Jimmy ernst macht mit seiner Saul-Goodman-Persona, wirkt es überaus passend, dass ihm so viele Leute im Nacken sitzen. Zum Glück hat er Kim und Mike, die ihm den Rücken freihalten - und auch seine Sekretärin Francesca ist nun wieder da, um aus seiner Bruchbude von einem Büro, einen Palast der Gerechtigkeit zu machen. Allmählich kommt die Transformation des Charakters, die ja mal das Hauptanliegen von Better Call Saul war, zum Abschluss. Und erneut sehen wir, wie ausgerechnet Kim aus Spaß einen Grundstein legt, indem sie Sauls Slogan erfindet: „Ich kämpfe für Sie!“
So schafft es die neue Episode sowohl die gewohnte Eleganz bei der Überführung Richtung Breaking Bad als auch die Spannung mittels Lalo wieder zurückzubringen. Die nächste Folge trägt den Titel Axe and Grind (6x06). Weil aus Geheimhaltungsgründen dieses Mal keine Vorschau dazu veröffentlicht wurde, muss wohl etwas Besonderes passieren...
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Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 10. Mai 2022Better Call Saul 6x05 Trailer
(Better Call Saul 6x05)
Schauspieler in der Episode Better Call Saul 6x05
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