Better Call Saul 1x09

Better Call Saul 1x09

Pimento vollführt eine weitere dramatische Kehrtwende, die man so nach der letzten Episode von Better Call Saul nicht unbedingt erwartet hätte. Dank abermals hervorragender Schauspielleistungen, starken Charaktermomenten und humoristischen Zwischentönen wird man erneut prächtig unterhalten.

Rhea Seehorn und Bob Odenkirk als Kim Wexler und Jimmy McGill in „Pimento“. / (c) AMC
Rhea Seehorn und Bob Odenkirk als Kim Wexler und Jimmy McGill in „Pimento“. / (c) AMC

Wenn uns die Ereignisse aus der letzten Episode RICO eines gelehrt haben, dann, dass der so oft in seinem Leben glücklose Jimmy McGill (Bob Odenkirk) nun endlich den Fall gefunden haben könnte, der ihm die Annerkennung und den Status als vollwertiger Anwalt bringen könnte, die er sich immer gewünscht hat. Dass der findige Rechtsvertreter nun auch noch mit seinem Bruder Chuck (Michael McKean) zusammenarbeiten darf, der stets ein Idol Jimmys war, könnte ihn hoffnungsvoller nicht stimmen. So sieht nicht nur Jimmy, sondern auch ein Großteil der Zuschauer endlich ein wenig Licht am Ende des finsteren Tunnels, durch den sich unser Protagonist immer wieder hindurchmanövrieren muss.

Doch die Serienmacher gönnen uns diesen Hoffnungsschimmer nicht. Ebenso, wie sie ihn ihrer Hauptfigur nicht gönnen. Jimmys Perspektiven könnten nach den Vorfällen in „RICO“ vielversprechender nicht sein. Jedoch holen die Autoren sowohl ihn als auch uns Zuschauer in Pimento sofot wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Und so muss sich Jimmy diversen Widerstände stellen, die er letzten Endes nicht überwinden kann. Am härtesten trifft ihn dabei die traurige Erkenntnis, dass sein nicht enden wollendes Treten auf der Stelle vor allem von einer Person abhängt, die er stets vergöttert und in Schutz genommen hat: seinem eigenen Bruder Chuck.

I'll be ready

Man muss es den Machern um Vince Gilligan und Peter Gould hinter Better Call Saul lassen, sie treiben ein perfides Spiel mit uns, indem sie immer wieder geschickt Erwartungen aufbauen, um uns letztendlich doch auf dem falschen Fuß zu erwischen. Ich bin sicher nicht der Einzige, der es für möglich gehalten hat, für zumindest eine weitere Episode die Gebrüder McGill Seite an Seite für die Gerechtigkeit kämpfen zu sehen. Jimmy und Chuck haben endlich wieder zueinandergefunden, was nicht nur am Ende von „RICO“ deutlich wurde, sondern auch zu Beginn von „Pimento“ so kommuniziert wird.

Jimmy scheint geradezu beflügelt von dem Umstand, mit seinem Bruder als ausgeklügeltes Anwaltsduo den zwielichtigen Machenschaften von Sandpiper Crossing auf den Grund zu gehen und deren Anwalt Rick Schweikart (Dennis Boutsikaris) eins auszuwischen. Und auch Chucks Lebensgeister erfahren ein neues Hoch: Sein gesundheitlicher, mentaler Zustand verbessert sich entscheidend, es tut ihm sichtlich gut, endlich wieder als Anwalt tätig sein zu können, woran Jimmy großen Anteil hat.

Feels nice

Die erste Szenen mit den beiden, die barfuß auf einer Bank mitten im Sonnenschein sitzen, präsentiert uns schon fast ein über-idyllisches Bild, dass die Vorfreude auf das gemeinsame Schaffen von Team McGill in die Höhe treibt - nur um in den nächsten 40 Minuten Laufzeit jene Aufbruchsstimmung zu zerstören und letzten Endes Jimmy an einem neuen Tiefpunkt ankommen zu lassen.

Zunächst kniet sich Jimmy mit all seinen verfügbaren Kapazitäten in dem aktuellen Fall um die von Sandpiper Crossing abgezockten Senioren, was sich als kleine Herkulesaufgabe herausstellt. Schweikart setzt alles daran, den Arbeitsprozess der Gebrüder McGill unnötig zu erschweren, doch Jimmy bleibt unermüdlich. Nur Chuck erkennt recht früh, dass sie vor einem Kampf gegen Windmühlen stehen und Hilfe benötigen, um zeitnah einen starken Fall aufzubauen, bevor die Firmenanwälte von Sandpiper Crossing eine effektive Strategie gegen die Anklage entwickeln können.

Submitting to the dark side

Chucks Vorschlag, Hamlin Hamlin & McGill mit ins Boot zu holen, stellt für Jimmy nachvollziehbarerweise keine Option dar. Doch sein Bruder spricht aus Erfahrung, sie brauchen die Unterstützung, denn zu zweit können sie nur schwierig gegen Schweikart und Co. in einem Fall wie diesen ankommen. So ist Jimmy gezwungen, erste Abstrichen zu machen, und wird dabei vor die Frage gestellt, was ihm wichtiger ist: sein Stolz oder seine Klienten. Dass er sich schlussendlich für letztere entscheidet, zeigt nur, dass es ihm bei Weitem nicht nur um sein Ego oder finanzielle Interessen geht.

Jimmy kostet es große Überwindung, gemeinsame Sache mit dem Mann zu machen, der ihn stets abschätzig behandelt und nie wirklich ernst genommen hat. Doch er muss sich auch der Realität stellen, dass er nun mal nur ein kleiner Fisch ist, der sich sukzessive nach oben arbeiten muss, auch wenn ihm dabei keine andere Wahl bleibt, als auf die Hilfe von Hamlin zurückzugreifen. Nachdem Chuck einen herzlichen Empfang von der versammelten Belegschaft bekommen hat, geht es auch direkt in die Vollen: Hamlin (Patrick Fabian) sieht natürlich das Potential des Falls, den Jimmy ihm hier auf dem Silbertablett serviert. Dieser gibt sich mit den von Hamlin vorgeschlagenen Konditionen zufrieden, jedoch mit einer Einschränkung: die direkte Mitarbeit an dem Fall sowie ein Büro in der Anwaltskanzlei seines Bruders - was der Erfüllung Jimmys großen Traums gleich käme.

A good lawyer

Hamlin kann ihm aber nichts dergleichen versprechen und macht deutlich, dass es nur der vorliegende Fall ist, der ihn interessiert. Doch was hat Hamlin gegen Jimmy, fragen wir uns, warum gibt er ihm keine Chance und behandelt ihn so ungebührlich? Dieser Affront kratzt nun doch gewaltig an Jimmys Selbstwertgefühl, und so ist es nur verständlich, dass er Hamlin Kontra gibt und den Fall für sich behält. Hauptdarsteller Bob Odenkirk spielt in dieser Szene groß auf, die ganze Frustration und der daraus resultierende Zorn Jimmys überträgt sich auf den Zuschauer, der nach einer plausiblen Erklärung für Hamlins Verhalten sucht.

Diese folgt auf dem Fuße, doch zuvor spielen die Macher wie so oft gekonnt mit unseren Erwartungen, indem sie ein spannendes Rätsel daraus machen, was vorgefallen sein muss, damit Hamling Jimmy gegenüber so abweisend ist. Chuck setzt sich für ihn ein, ebenso Kim (Rhea Seehorn), die letzten Endes in Hamlins Geheimnis eingeweiht wird, welches der aufmerksame Zuschauer langsam selbst entschlüsselt. Spätestens als Kim beim Nagelstudio aufschlägt, wo Jimmy seinen Frust in Alkohol ertränken will, und sie ihren langjährigen Freund dazu rät, Hamlins Deal doch anzunehmen, dabei jedoch den Tränen nahe ist, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Auch Jimmy, der Kim noch unfair attackiert, setzt nach einer genauen Überprüfung seiner Telefonabrechnung das Puzzle zusammen, woraufhin es zum vermeintlichen Höhepunkt der Episode kommt.

A chimp with a machine gun

Die abschließende Szene zwischen Jimmy und seinem Bruder Chuck in dessen Haus ist dabei nicht nur visuell ein krasser Kontrast im Vergleich zu dem sehr harmonischen Einstieg in die Folge, als wir die beiden Brüder nebeneinander sitzen sehen. Die hellen, optimistischen Töne machen nun Platz für eine weitaus düstere Optik, die hervorragend Jimmys neuerliche Gemütslage illustriert. Dieser hat nämlich endgültig erkannt, dass Chuck es war, der Jimmy seinen Platz bei Hamlin Hamlin & McGill zunichte gemacht hat - damals wie heute.

Zum zweiten Mal in dieser Episode zeigt Bob Odenkirk sein ganzes Talent. Man kann förmlich spüren, wie es Jimmy zum einen genießt, seinen eigenen Bruder enttarnt zu haben und mit seinen Worten an die Wand zu nageln. Auf der anderen Seite sieht man dem Charakter jedoch auch an, wie gleichzeitig eine ganze Welt für ihn zusammenbricht. Chuck war nie besser als all die Personen, die Jimmy nicht zugetraut hatten, sich zu bessern. Sein Abschluss sei ein Witz, und außerdem würde er Schande über die in Chucks Augen ehrbare Profession des Rechtsanwalts bringen. Diese deutliche Ansage trifft Jimmy mitten ins Herz, für den sein Bruder eine Leitfigur war und um den er sich aufopferungsvoll kümmerte, nachdem sich dessen Gesundheitszustand verschlimmert hatte. Damit ist es nun aber vorbei, Jimmy zieht die Konsequenzen und sagt sich von seinem Bruder los - ein womöglich entscheidender Moment in der Charakterentwicklung unsere Hauptfigur.

Be your own man

Bereits in der letzten Woche schrieb ich, dass RICO ein bedeutendes Kapitel in der Figurenzeichnung von Jimmy McGill darstellen könnte, da hier deutlich wurde, mit wie viel Herzblut der Anwalt hinter seiner Berufung steht. Pimento ist nicht minder bedeutsam für die weitere Entwicklung unserer Hauptfigur, die nun aus dem langen Schatten Chucks heraustreten und dadurch unabhängiger werden könnte. Ganz zu schweigen von dem Fakt, dass Chucks Verrat Jimmy emotional prägen, eine große Wunde hinterlassen und ihn folglich gefühlskälter und pragmatischer machen wird.

So überzeugt Better Call Saul abermals auf dramatischer Ebene und liefert gleich mehrere, einprägsame Szenen ab, die über großes emotionales Gewicht verfügen und den Unterschied zu einfachen TV-Dramen ausmachen - auch aufgrund von Odenkirk, Michael McKean und Rhea Seehorn, die sich alle drei wunderbar präsentieren. Jedoch setzen die Serienmacher sogar noch einen drauf, und das dank einer herrlichen kleinen Nebengeschichte um Mike Ehrmantraut, die gänzlich andere Töne als die Haupthandlung um Jimmy anschlägt.

Uncle Fester

Es ist immer wieder erstaunlich, wie spielend leicht in „Better Call Saul“ der Spagat zwischen bisweilen bitterernsten Drama und extrem amüsanter schwarzer Komödie gelingt. Gerade noch haben wir mit Jimmy mitgefühlt, da können wir uns plötzlich kaum das Lachen verkneifen, wenn Mike (Jonathan Banks) auf den Plan tritt und mit seiner unvergleichlichen Art seinen ersten dubiosen Auftrag jenseits der Legalität annimmt, um seiner Schwiegertochter und Enkelin finanziell unter die Arme zu greifen.

Zusammen mit zwei weiteren Kandidaten (einen von den beiden erkennen vor allem die Spieler unter uns sofort wieder, wird er doch von Steven Ogg gespielt, der in Rockstars GTA V unser aller Lieblingspsychopathen Trevor vertonte und verkörperte) wartet der erfahrene Mike auf seinen potentiellen Arbeitgeber und muss sich dabei ein paar freche Kommentare von seinem vorlauten Kollegen in spe anhören. Diesem hat Mike jedoch ruckzuck das Maul gestopft, was nur ein kleines Highlight darstellt, doch bereits zuvor kann man kaum genug von dem Dialog zwischen Jonathan Banks und Ogg bekommen, der unterhaltsamer nicht sein könnte.

Do your homework

Anstatt zu dritt den etwas trotteligen Auftraggeber bei einer Geldübergabe Rückendeckung zu geben, ist es schließlich nur Mike, der ihn begleitet, was sich als völlig ausreichend herausstellt. Mikes Expertise, analytischer Scharfsinn und großer Erfahrungsschatz sind Gold wert, weshalb er auch keine Waffe benötigt, um notfalls Herr der Lage zu werden. Vielversprechend ist darüber hinaus, dass es Nacho (Michael Mando) ist, mit dem Mikes Klient krumme Geschäfte macht. Der stille Gangster verdient sich abseits von seiner Arbeit für den manischen Tuco (Raymond Cruz) ein kleines Zubrot und könnte womöglich in naher Zukunft noch weitere Male an Mike geraten. Der kleine Moment zwischen den beiden, als Mike auf die volle Zahlung der vereinbarten Summe besteht, macht zweifellos Lust auf mehr, ist die Spannung und Intensität dieser Szene doch förmlich greifbar.

Fazit

Ob nun der dramatischer und teilweise sehr bewegende Handlungsstrang um Jimmy McGill oder aber die auflockernde Nebengeschichte um Mike Ehrmantraut, die Verantwortlichen hinter Better Call Saul geben sich auch in Pimento keine Blöße und servieren uns eine weitere abwechslungsreiche Episode des Dramaneustarts, die auf mehreren Ebenen überzeugt und die Vorfreude auf das Staffelfinale in neue Höhen schraubt. Kurz vor dem Ende der ersten Staffel von „Better Call Saul“ macht unsere Hauptfigur eine einschneidende Erfahrung, die ihren weiteren Werdegang maßgeblich beeinflussen könnte. Mit Spannung können wir nun den finalen Akt entgegenblicken, der unseren titelgebenden Protagonisten womöglich in ein gänzlich neues Licht rücken wird.

Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 31. März 2015
Episode
Staffel 1, Episode 9
(Better Call Saul 1x09)
Titel der Episode im Original
Pimento
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 30. März 2015 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 31. März 2015
Autor
Thomas Schnauz
Regisseur
Thomas Schnauz

Schauspieler in der Episode Better Call Saul 1x09

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