Better Call Saul 1x01

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Wenn eine der besten Serien aller Zeiten, Breaking Bad, ein Spin-off erhält, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich die Fachpresse und sämtliche Internetkommentatoren auf jeden kleinen neuen Informationsfetzen stürzen werden wie hungrige Wölfe auf ein saftiges Steak. Entsprechend nah wurde der Produktionsprozess der neuen Serie Better Call Saul begleitet, wobei schnell klar wurde, dass ein echtes Konzept schwerer zu finden sein würde als erwartet.
Komplizierte Vorgeschichte
Zunächst wurde „Bad“-Drehbuchautor Peter Gould als Showrunner verpflichtet, der schon das Drehbuch für die erste Episode schrieb, in der Saul Goodman auftauchte (Better Call Saul, 2x08). Breaking Bad-Schöpfer Vince Gilligan sollte zunächst nur als beratender Produzent mit an Bord sein, konnte dann jedoch für den viel verantwortungsvolleren Posten des Co-Showrunners gewonnen werden. Ob dies ein gutes Zeichen war oder eines der Verzweiflung? Wir wissen es nicht.
Nach Klärung der wichtigsten Personalien ging es an die Fragen des strukturellen Aufbaus des Spin-offs. Dass in dessen Zentrum Saul Goodman stehen würde, war bereits klar. Aber würde es ein Prequel oder ein Sequel sein? Eine Comedy oder ein Drama? Ein halbstündiges oder ganzstündiges Format? Würden Charaktere aus Breaking Bad darin auftauchen oder gar tragende Rollen spielen? Diese Fragen wurden größtenteils schon vor dem Start der Serie beantwortet, mit der ersten Episode - die schlicht Uno heißt - würde dann auch ersichtlich werden, welchen Ton diese neue Serie treffen wird.
Meine Begeisterung nach der Verkündung des Spin-off-Projekts hielt sich zunächst in Grenzen. Breaking Bad fand einen solch runden Abschluss, dass ich keine Notwendigkeit sah, noch einmal in die staubige Wüstenluft New Mexicos zurückzukehren. Außerdem war Saul Goodman in dieser Serie nicht viel mehr als ein comic relief-Charakter, weshalb durchaus angezweifelt werden durfte, ob er eine ganze Serie auf seinen Schultern tragen könne. Saul-Darsteller Bob Odenkirk traute ich ohne Weiteres zu, die Rolle als leading man auszufüllen. Für seine Figur musste aber einiges an Arbeit geleistet werden, um sie interessant genug zu machen.
Die Auftaktepisode schafft es nun, die meisten meiner Vorbehalte zu entkräften - und liefert gleichzeitig Stoff für neue Kritik. Die Handlung steigt sechs Jahre vor Walter Whites (Bryan Cranston) Krebsdiagnose im Auftakt von Breaking Bad ein. Saul Goodman, der hier noch Jimmy McGill (Odenkirk) heißt, hadert mit seinem Schicksal. Er ist erfolgloser Pflichtverteidiger in Albuquerque, fährt eine alte, verbeulte Schrottschüssel und unterhält ein kärgliches Büro im Heizraum eines Nagelstudios.
Money is the point
Schnell wird klar, dass Better Call Saul wie schon seine Mutterserie die schleichende Verwandlung eines Menschen porträtieren wird - eben die von Jimmy McGill zu Saul Goodman. Während Saul schon längst der ruchlose Anwalt ist, der nicht davor zurückscheut, den Mord eines Antagonisten seiner Klienten zu empfehlen, geht Jimmy noch mit einem Rest an moralischem Empfinden durchs Leben. Das Problem dabei ist nur: Mit seinen hehren ethischen Ansprüchen verdient er kein Geld. Und Geld - das erfahren wir in einer Szene mit seinem Bruder Chuck (Michael McKean) - ist für Jimmy McGill der einzige Grund, diesen Job auszuüben.
Chuck ist ebenfalls Anwalt und war einst viel erfolgreicher als sein jüngerer Bruder - bis er eine Art psychischen Zusammenbruch erlitt, der es ihm fortan unmöglich machte, das Haus zu verlassen. Oder Strom zu benutzen. Oder sich elektromagnetischen Strahlungen auszusetzen. Deshalb müssen seine Besucher immer ihr Handy im Briefkasten verstauen und sich erden, bevor sie sein Haus betreten. Außer Jimmy dürfte aber niemand wirklich bei ihm vorbeikommen wollen - es sei denn, seine Beteiligung an einer Anwaltskanzlei muss neu verhandelt werden. Eigentlich ist dafür Jimmy zuständig, doch Chucks ehemaliger Kollege Howard Hamlin (Patrick Fabian) erweist sich als zäher Verhandlungspartner.
Ohne hoffnungsvolle Zukunftsaussichten und mit vielen unbezahlten Rechnungen, die als Damoklesschwert über seinem Kopf schweben, beschließt Jimmy also, sich einer neuen Form der Rechtspraxis zu widmen. Die Leichtgläubigkeit eines skatenden Zwillingspaares, das zuvor selbst versucht hat, ihn abzuziehen, nutzt er nun aus, einen eigenen krummen Plan auszuhecken. Er erzählt ihnen von einem gewissen „Slippin' Jimmy“ aus Chicago, der gutes Geld damit verdient habe, die Stadtverwaltung im Winter auf Schmerzensgeld zu verklagen. Gut möglich, dass Jimmy dabei von sich selbst spricht. Die beiden machen jedenfalls mit, der Plan geht aber auf spektakuläre - und sehr witzige - Weise nach hinten los. Die Irrfahrt - und die Pilotepisode - endet an der Haustür von Tuco Salamanca (Raymond Cruz), den wir alle nur allzu gut als durchgeknallten Meth-Dealer aus Breaking Bad kennen.
Tuco ist schon die zweite Figur aus dem „Bad“-Universum, die in der Auftaktepisode von Better Call Saul auftaucht. Eifrige Nachrichtenbegleiter wussten es bestimmt vorher schon, alle anderen können nun auch erahnen, dass Mike Ehrmanntraut (Jonathan Banks) eine gewichtige Rolle in diesem Spin-off einnehmen wird. Hier ist er aber erst einmal nicht mehr als ein pflichtbewusster Parkplatzwächter, der Jimmy zur Weißglut treibt.
You will atone!
Neben diesen beiden bekannten Charakteren wird die Verwandtschaft mit Breaking Bad vor allem durch die gelungene visuelle Umsetzung deutlich. In der Auftaktepisode führte Vince Gilligan selbst Regie, kommende Episoden werden von den „Bad“-Alumni Michelle MacLaren und Terry McDonough betreut. Auch in anderen Abteilungen sind bekannte Namen zu finden (Schnitt: Kelley Dixon, Musik: Dave Porter). Wo sich Breaking Bad aber oftmals auf Close-ups verließ, um Cranstons herausragende Mimik einzufangen, lässt Better Call Saul regelmäßig aus großer Distanz filmen, um die Verlorenheit seines Protagonisten zu verdeutlichen.
Ansonsten lassen sich viele optische Spielereien identifizieren, die auch schon die Vorgängerserie ausgezeichnet hatten. Interessante Kameraeinstellungen, ungewöhnliche Winkel und das ausgezeichnete Spiel mit Licht und Schatten werden wohl zum Standardprogramm von „BCS“ gehören - und das ist auch gut so. Besonders gelungen ist überdies das cold open dieser Pilotepisode, in der wir das selbst prophezeite Schicksal von Saul Goodman nach den Ereignissen von Breaking Bad sehen. Der in Schwarz-Weiß gehaltene, dialogfreie Auftakt könnte mühelos als Kurzfilm seine eigene, abgeschlossene Geschichte erzählen.
Trotz all diesen Verweisen und Parallelen zur Mutterserie beweist die Auftaktepisode, dass Better Call Saul etwas Eigenes sein kann, dass die neue Serie nicht nur für Freunde des „Breaking Bad-easter eggs“ interessant ist. Gilligan und Gould ist es gelungen, ihren zentralen Charakter aus seinen comic relief-Fesseln zu befreien, indem sie ihn menschlicher gestalteten. Jimmy hat eigene Ängste und Wünsche, er ist nun mehr als ein punching ball seiner dramaturgischen overlords Walter White und Jesse Pinkman.
Dennoch gibt es auch Anlass zu Kritik: Die eingehende Beleuchtung von Jimmys erstem krummen Ding in Albuquerque legt nahe, dass die Serie den Charakter eines Procedurals annehmen könnte, wobei Jimmy in jeder neuen Episode ein neues krummes Ding drehen würde. Bevor wir das aber nicht sicher wissen, wollen wir nicht vorschnell urteilen. Die Auftaktepisode von Better Call Saul bleibt eine positive Überraschung und macht Lust auf mehr.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 9. Februar 2015Better Call Saul 1x01 Trailer
(Better Call Saul 1x01)
Schauspieler in der Episode Better Call Saul 1x01
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