
Der amerikanische Pay TV-Sender Epix dürfte hierzulande nur Wenigen ein Begriff sein. Hinter dem gerade mal 2009 gegründeten Network stehen große Produktionsfirmen wie Paramount Pictures, Metro-Goldwyn-Mayer sowie Lions Gate Entertainment, doch bis dato war Epix in den USA hauptsächlich als Anlaufstelle für Spielfilme, hauseigene Dokumentationen und Specials im Musik- oder Comedybereich bekannt. Seit dem gestrigen Sonntag wagt man sich nun aber, wie viele andere kleinere Networks und Pay TV-Sender in den USA, auch an eigene, fiktionale Serienproduktionen. Neben dem ebenfalls am 16. Oktober gestarteten Graves feierte am selben Tag auch Berlin Station seine Premiere.
Das Spionagedrama von Olen Steinhauer (selbst ein Autor diverser Spionageromane) kann einen beeindruckenden Cast vorweisen und erzählt die undurchsichtige Geschichte von CIA-Agenten in Berlin, die dort auf der Jagd nach einem Whistleblower sind. Dieser leitet nämlich pikante Informationen über die Methoden und Arbeitsweise des amerikanischen Auslandgeheimdienstes an die Presse weiter, die auf keinen Fall an das Licht der Öffentlichkeit kommen dürfen. Unser Hauptcharakter Daniel Miller (Richard Armitage), in Berlin geboren und aufgewachsen, ist der unerbittlichste Verfolger des besagten Whistleblowers namens Thomas Shaw und wird in die deutsche Hauptstadt versetzt, um dem Treiben des Unruhestifters eine Ende zu bereiten.
Back to the roots
Es dauert nicht lange, bis einem bei der Sichtung der Pilotepisode von „Berlin Station“ Erinnerungen an Homeland (das in seiner fünften Staffel ebenfalls in Berlin spielte) oder andere Vertreter des Genres in den Sinn kommen. Und tatsächlich wird man hier sehr schnell feststellen, dass Olen Steinhauer eine vertraute Genreserie geschaffen hat, die wir gefühlt schon etliche Male zuvor gesehen haben. Letzten Endes bietet man uns mit „Berlin Station“ nicht wirklich etwas Neues an, dafür jedoch einen sehr stilsicheren Agententhriller mit einigen spannenden Momenten, in dem Serienschöpfer Steinhauer, sein Cast und seine Crew nicht wirklich viel falsch machen.
Enough is enough
Was hier eventuell fehlt, um Genremuffel zu überzeugen, ist ein außergewöhnlicher Haken oder das besondere Etwas, was dem Neustart leider etwas abhanden geht. Vor recht trister Kulisse (man könnte glauben, dass Berlin generell von der Sonne gemieden wird) treten einige altbackene Stereotypen des Genres „Spionagedrama“ auf, von denen ein jeder ein paar mehr oder minder dunkle Geheimnisse mit sich herumträgt. Im Zentrum der Erzählung steht Richard Armitages nachdenklicher, äußerst fähiger Feldagent Daniel, ein klassischer Held für diese Art Geschichte, ausgerüstet mit dubioser Vergangenheit in Berlin, eigenwilligem Charme und der richtigen Portion Hartnäckigkeit sowie Arbeitseifer. Es fehlt eigentlich nur eine Tablettensucht oder eine Psychose, dann hätten wir unsere männliche Version von Carrie Mathison aus „Homeland“.
Auch die eigentliche Handlung von „Berlin Station“ strotzt jetzt nicht wirklich vor originellen Einfällen. Die CIA gerät unter Beschuss aufgrund geleakter Geheiminformationen, während es zwischen den deutschen und amerikanischen Behörden ebenfalls zu Spannungen kommt, weil die CIA natürlich einen Informanten beim Verfassungschutz untergebracht hat. In ein paar Nebenplots werden weitere schmallippige Randfiguren eingeführt und aufgezeigt, wie diese in das Gesamtbild hineinpassen. Die Dialogszenen gestalten sich die meiste Zeit recht kühl und sind des Öfteren mit Absicht sehr undurchsichtig gehalten. Wer untersteht wem, wie sieht der nächste Schachzug aus, wem kann man vertrauen, wem nicht. Wir kennen diese Spielchen nur zu gut, vor allem all diejenigen Zuschauer, die ein Faible für deratige Agentengeschichten haben.

Welcome home
Und hier wird es vor allem für alle Genrefans interessant: Denn trotz klassischer Prämisse und bekannten Elementen hat Berlin Station seinen Reiz, da Olen Steinhauer zusammen mit seinem Regisseur, dem Belgier Michael R. Roskam („The Drop“), all diese Tropen sehr sauber umsetzt. Irgendwie wird man halt doch in diese graue Welt hineingezogen, in der die Figuren jederzeit von ihren Nächsten hintergangen werden könnten, in der man sich nicht sicher sein kann, wer wie viel Dreck am Stecken hat. Ich persönlich kann mich durchaus für solche Stoffe interessieren und begeistern, vor allem, wenn sie so gekonnt realisiert werden.
Berlin stellt derweil den perfekten Schauplatz für dieses Spionagedrama dar, mit all seinen dreckigen, aber auch farbenfrohen Ecken und Kanten. Als jemand, der nun schon seit längerer Zeit in Berlin lebt, ist es ohnehin ein angenehmer Nebeneffekt, seine Wahlheimat in einer Serie zu sehen und wiederzuerkennen. Vor allem, wenn besagte Serie die deutsche Hauptstadt und ihren speziellen Flair dann auch noch so gelungen einfängt. Natürlich könnte so manche Szene ein wenig subtiler sein: Von den obligatorischen Wahrzeichen der Stadt geht es zum Beispiel im nächsten Schnitt in einen frivolen Nachtclub. Steinhauer scheint aber offensichtlich daran interessiert zu sein, Berlin zu einem eigenen Charakter innerhalb des Dramas zu machen und seinem Handlungsort nicht weniger Aufmerksamkeit als seinen Figuren zu widmen, was wiederum lobenswert ist und zur Glaubwürdigkeit beiträgt.
Anything goes in Berlin
Die eigentlichen Charaktere werden von einer sehr namhaften Darstellerriege verkörpert, bei der man schon einmal mit der Zunge schnalzen kann: Rhys Ifans, Richard Jenkins, Michelle Forbes sowie diverse deutschsprachige Schauspieler und Schauspielerinnen (darunter der aus Eichwald, MdB bekannte Bernhard Schütz) bilden eine talentiertes Ensemble, das schon Grund genug sein könnte, hier einzuschalten. Positiv hervorzuheben ist außerdem der hohe Authentizitätsgrad und die Entscheidung der Serienmacher, deutsche Charaktere mit deutschsprachigen Darstellern zu besetzen. So bleiben uns peinliche Übersetzungen oder gut gemeinte, aber unangenehme Versuche von englischsprachigen Schauspielern, einen deutschen Charakter zu spielen, erspart.
Carry on, cowboy
Die größte Hürde für „Berlin Station“ dürfte sein, sich hier und da auch mal von den Fesseln des Genres zu lösen und eine packende Geschichte zu erzählen. Die Pilotfolge zeigt nämlich auch, dass es in dieser Serie sehr gemächlich vorangeht (andere würden es wohl als „langweilig“ bezeichnen), auch wenn zwischendurch immer mal wieder kleine, atmosphärische Nadelstiche gesetzt werden. Die ersten Minuten der Episode, in denen Daniel nach kurzer Hatz von einigen Anzugträgern am Potsdamer Platz niedergeschossen wird, suggerieren zumindest schon einmal, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit noch sehr heiß zugehen wird. Es bleibt abzuwarten, wie langsam Steinhauer die Spannung aufbauen will, um dann die nächste Eskalationsstufe herbeizuführen. „Berlin Station“ ist auf jeden Fall zuzutrauen, dass sich das Drama noch wunderbar hochschaukeln wird und man als Zuschauer gebannt am Ball bleibt.
Dafür dürfte er sich einiger überraschender Wendungen bedienen, wie wir zum Beispiel am Ende der ersten Folge sehen, als klar wird, dass Rhys Ifans' Figur des CIA-Agenten Hector DeJean in den Fall um Whistleblower Thomas Shaw verwickelt und wahrscheinlich sogar ein Maulwurf in den Reihen der Behörde ist. Für meinen Geschmack hätte es diese Offenbarung so früh in der Serie noch gar nicht gebraucht, weil sie sich schon ein wenig zu konstruiert anfühlt. Auf der anderen Seite kommt so der Stein jetzt erst richtig ins Rollen. Nachdem die Mittelsfrau von Thomas Shaw kaltblütig ermordet wurde, steht Daniel nun wieder am Anfang seiner Jagd. Und wir dürfen gespannt sein, ob Berlin Station am Ende aus dem großen Pool an Spionagefilmen und -serien herausstechen wird. Die Vorzeichen dafür könnten definitiv schlechter aussehen.
Trailer zu „Berlin Station“: