
© ??Bellevue“ / (c) CBC
Düstere Krimiserien, in denen ein Ermittler sich in einen Fall steigert, haben schon länger Saison. Besonders skandinavische und britische Produzenten haben ein Händchen für diese Stoffe gezeigt. Mit der Serie Bellevue versucht der kanadische Sender CBC einen weiteren Hit zu dieser Reihe internationaler Serienschätze zu stellen. Die ersten Poster, die Hauptdarstellerin Anna Paquin (True Blood), der Anspruch „kantig und unheimlich“ sein zu wollen: Alles wirkt zu bemüht, um cool zu sein. Doch nach der Pilotepisode muss man den Serienmachern zugestehen, vermutlich nicht das letzte Wort bei der Vermarktung des Senders zu haben. Die Geschichte funktioniert über die erste Dreiviertelstunde sehr gut, ist atmosphärisch dicht und merkwürdiger, als sie verkauft wurde - auf gute Art.
In der Serie „Bellevue“ geht es um eine abgeschiedene Kleinstadt in Kanada, deren Wirtschaft nach dem Einbruch der Kohleindustrie im Sterben liegt. Es geht um das Leben einer Frau, die als Kind das traumatische Erlebnis durchmachen musste, ihren Vater zu verlieren und dieser Vergangenheit nun ins Auge sehen muss. Und es geht um einen Transgender-Teen, den Star des lokalen Hockey-Teams, der kurz vor einem großen Spiel unter mysteriösen Umständen verschwindet.
All das verwebt sich in der Krimiserie zu einer sehr seltsamen und bestechenden Geschichte, die nicht aufgesetzt wirkt. In mancher Hinsicht scheinen die Serienmacher heimlich auf Twin Peaks als Vorbild geschielt zu haben, aber haben es geschafft, so viele eigene Ideen einzubringen, dass es sich nicht wie ein schlechter Abklatsch anfühlt.
Worum es geht
Wir lernen Ermittlerin Annie kennen, als sie versucht, undercover über das Anbandeln mit einem Drogendealer an dessen Zulieferer zu kommen. Dabei verliert sie sich so sehr in der Rolle, dass man kaum noch feststellen kann, wo das Spiel anfängt und sie selbst aufhört.
Über Einzelsteine in der Pilotepisode erfahren wir, dass sie keine einfache Kindheit hatte. Ihr Vater, selbst Mordermittler, hat sich nach dem Mord an einem jungen Mädchen, Sandy Driver, umgebracht. Kurz darauf hat Annie Zettel mit Rätseln im Wald gefunden, die ihr jemand hinterlassen hat, der vorgab, ihr Vater zu sein. Auch der Vater des Mordopfers, das als Maria verkleidet tot im Wald gefunden wurde, findet nicht zu einem normalen Leben zurück und sorgt für manch seltsamen Moment in der ersten Folge. Annie selbst ist mit 16 Jahren Mutter geworden. Ihre Tochter Daisy (Madison Ferguson), mittlerweile selbst im Teenageralter, entwickelt eine Faszination für den damaligen Mordfall, der das Leben der Familie zerstört hat.
In diese Situation platzt ein neuer Fall, das Verschwinden des Transgender-Teenagers und Star des Hockeyteams, Jesse Sweetland (Sadie O'Neil). Schnell wird zumindest für den Zuschauer ein Zusammenhang zu dem unaufgeklärten Sandy-Driver-Fall offenbart. Auch in anderer Form greift die Vergangenheit in die Gegenwart, und zwar, indem ein verurteilter Pädophiler Annie einen Zettel übergibt, der an die unheimliche Zettelserie anknüpft, die sie einst von ihrem Vater zu erhalten glaubte.
Wie kommt es rüber?
Mysteryserien zu erklären ist nie einfach, denn viele leben nicht von dem Rätsel an sich, sondern von der Art, in der das Rätsel in eine Geschichte umgesetzt wird. Bellevue herunterzubrechen auf die Story einer jungen Polizistin, die einen Fall bekommt, der in ihrer Vergangenheit wurzelt, wird der Serie nicht gerecht. Ob eine solche Serie funktioniert oder nicht, entscheidet sich oft zwischen den Zeilen. Die Produzenten der kanadischen Serie schaffen es, eine dichte Atmosphäre aufleben zu lassen, die die Bedrücktheit der abgeschiedenen Kleinstadt mit einem Hauch Gothic, einer Spur Surrealismus vermischt, ohne bemüht zu wirken. Manches scheint bei Twin Peaks abgeschaut, darunter die ikonische Auffindesituation des Mordopfers als Maria und der geheimnisvolle Ort, in dem die Natur nie weit entfernt scheint und immer bedrohlich ist. Anderes erinnert an die lange Liste von Krimis, in denen ein Ermittler oder eine Ermittlerin die eigene geistige Gesundheit aufs Spiel setzt, um einen Fall zu lösen und dabei feststellt, dass es mehr als ein Arbeitsauftrag ist, dass der Fall in der eigenen Vergangenheit angefangen hat.
Nichts davon wird in der Serie „Bellevue“ bannbrechend neu erfunden, aber im Zusammenspiel funktioniert es besser als bei so manch anderer Serie der jüngeren Vergangenheit. Die Unterhaltungen, die die Charaktere führen, haben stets etwas Traumhaftes an sich, dabei vermeiden sie jedoch Vorhersehbarkeiten.
Am Ende kommt dabei eine vielversprechende Pilotepisode heraus, von der man hoffen darf, dass die folgenden Episoden das Versprechen einlösen können.
Trailer zu der kanadischen Serie „Bellevue“: