Banshee 1x06

Auch denjenigen, die sich generell nicht zu den sensibelsten Zeitgenossen zählen würden, sei von dem unbedarften Konsum dieser Folge von Banshee abgeraten. Während Lucas Hoods (Antony Starr) Vergangenheit im Gefängnis beleuchtet wird, setzt die Serie neue Maßstäbe in puncto Brutalität.
Ein Blick in die Zeit kurz nach Hoods Verhaftung macht klar, dass das Hoheitsgebiet von Mr. Rabbit (Ben Cross) nicht vor Gefängnismauern endet. Dafür, dass Lucas ihm die Tochter Anastasia, aka Carrie Hopewell (Ivana Milicevic), abspenstig gemacht hat, muss er im Gefängnis nun auf schreckliche Weise büßen. Mehrere Männer verprügeln Hood, bevor ihm von einem blassen Hünen auch noch ein Messer in die Seite gerammt wird. Sowohl Starr als auch Cross und ihr Kollege Joseph Gatt, der Rabbits imposanten Handlanger verkörpert, verhelfen der betreffenden Sequenz zu einem wahrlich albtraumhaften Flair. Und über allem schwebt Rabbits quälende Ankündigung: „Every. Single. Day.“ soll sich Hoods Martyrium wiederholen.
Endlose Gewalt
Vielleicht kann man Hoods gnadenlose Seite dank der schrecklichen Rückblenden nun noch ein wenig besser nachvollziehen. Auch ist es interessant, zu sehen, wie Hood seine beeindruckenden Kampffähigkeiten erlangt hat, die ihm auch in dem Gemetzel mit Sanchez in der Episode Meet the New Boss gute Dienste geleistet hatten. Die Sequenzen, in denen Hood in seiner Einzelhaft Trainingsfortschritte verzeichnet, hätten dabei allerdings auch ohne ein rockyeskes Montageformat inszeniert werden können. Das Ausmaß der Gewalt ist zwar charakteristisch für den düsteren Tenor von Banshee, wird im Episodenverlauf aber kontinuierlich bis über jegliche Schmerzgrenzen hinweg gesteigert.
Das „Der Böse mit dem Twist“-Konzept, das bereits im Falle des Ex-Amischen Proctor aufgeht, funktioniert auch bezüglich des homosexuellen „Albino“. Obwohl der von einem Regenschirm beschattete Riese samt Sonnenbrille und Lippenstift fast einen komischen Eindruck macht, ist einem nicht allzu lange zum Lachen zumute.

Zunächst muss der verhältnismäßig unschuldige Billy B (Michael Roark), der wegen eines verheerenden Drunk-Driving inhaftiert ist, mit seinem Gesicht dafür herhalten, dass Lucas im Zuge einer rettenden Strafmaßnahme in die Einzelhaft überstellt wird.
Als der blasse „Albino“ Hood später mit gezücktem Messer zu „freiwilligem“ Oralverkehr zwingen will, konnte die Rezensentin den Schrecken nur dank selbst eingeschränkter Sicht und fast ohne Ton ertragen. Auf jeden Fall ist der Albino am Ende tot oder kurz davor und Hood hat sich in der Gefängnishackordnung ganz weit nach oben katapultiert.
Obwohl eine erschreckend hohe Missbrauchsrate und auch Vergewaltigungen in Gefängnissen oft auf der Tagesordnung stehen, kann der Umgang von Banshee mit der schwierigen Thematik kaum als Gesellschaftskritik verstanden werden. Dafür sind die Bilder und Charaktere zu überspitzt und sensationshaschend inszeniert.
Wicks
Wicks (Michael Kostroff), der Lucas im Gefängnis unterstützt hatte, taucht wie ein unliebsamer Geist aus der Vergangenheit zufällig in Banshee auf. Hood revanchiert sich für dessen Hilfe mit einem Motelzimmer und 2500 Dollar in bar. Leider nimmt Wicks seine Chance, mit heiler Haut davonzukommen, nicht wahr. Eine weitere Bildmontage zeigt, wie er das Geld für Glücksspiel, Koks und eine hübsche Blondine verprasst, bevor er bei Hood den Lohn für sein damaliges „Investment“ einfordert.
Kostroff verhilft seinem Charakter zu einigem schmierigen Tiefgang, der zeitweise als humorige Atempause von dem blutigen Rest herhalten kann. Der dreiste Opportunist, der im Leben nie etwas geschenkt bekommen hat, lässt keine Chance der Bereicherung ungenutzt („Are you going to have that sandwich?“). Gerade, weil wir in dieser Folge von Banshee wieder und wieder mit der dunkelsten Seite von Lucas Hood konfrontiert werden, macht Wicks Erpressungsversuch einen fast schon suizidalen Eindruck.
So wird uns am Ende auch ein im See versenkter Wicks präsentiert. An dessen Auge tut sich ein Raubfisch gütlich, womit der Marathon der verstörenden Bilder mit einer fast selbstironisch anmutenden Szene zu einem Ende gebracht wird. Allerdings hätte die düstere Wirkung noch gesteigert werden können, wenn man einzig dem abgeklärten Gespräch zwischen Hood - der dem Kriminellen ja immerhin einiges zu verdanken hatte - und Sugar Bates (Frankie Faison) hätte lauschen können, ohne das grafische Ergebnis präsentiert zu bekommen.
Callie als Randerscheinung
Nach einem derartig eklatanten Marathon der Gewalt vermag es selbst ein fataler Asthmaanfall von Carries Sohn Max Hopewell (Gabriel Suttle) nicht mehr, ernsthaft zu berühren.

Auch Carries nach wie vor ablehnende Haltung gegenüber ihrem bemühten und verständnisvollen Ehemann Gordon (Rus Blackwell) nimmt man kaum noch wahr. Fest steht aber, dass der Bezirksstaatsanwalt den Sheriff im Verdacht hat, etwas mit dem Wandel seiner Frau zu tun zu haben. Carrie selbst sorgt dafür, dass sich die Schlinge um den Hals des Sheriffs enger zieht. Per Telefon kündigt sie ihrem angsteinflößenden Vater augenscheinlich schweren Herzens an, Hoods Aufenthaltsort preiszugeben. Somit offenbaren sich gleich zwei weitere Richtungen, aus der Lucas mittlerweile Gefahr droht.
Die Methode Proctor
Der Geschäftsalltag von Kai Proctor (Ulrich Thomsen) wirkt neben all den verstörenden Gefängnissequenzen fast pazifistisch. Er hat sich durch den kränkelnden Häuptling Benjamin Longshadow (Russell Means) von der neuerlichen Zusammenarbeit mit den amerikanischen Ureinwohnern vom Stamm der Kinaho versichern lassen. Außerdem hat er seine liebe Not mit dem störrischen Pastor Arthur Ramsey (William Haze), der das Land seiner Familie partout nicht aufgeben möchte. Doch zum Glück hat der Ex-Amische vorgesorgt und kompromittierende Aufnahmen der Pfarrersfrau zur Hand, die er dem Mann Gottes nicht ohne ersichtlichen Stolz entgegenstreckt.
Leider kommen weder Proctors Nichte Rebecca (Lili Simmons) noch der Hacker Job (Hoon Lee) in dieser Folge von Banshee vor, die genau wie der nur mittelmäßig schreckliche Kai eine willkommene Ablenkung hätten bieten können.
Fazit
In Banshee dominiert die erdrückende Farbgebung. In einer Stadt, in der das Verbrechen regiert und selbst die Pfarrersfrau voller Sünde ist, gibt es keine Lichtblicke. Im Anschluss an Wicks fühlt man sich ein wenig so, als hätte man gerade einen furchtbaren Autounfall mit ansehen müssen. Dass man das Leiden eines sterbenskranken Kindes fast als wohltuend wahrnimmt, spricht für sich: Banshee setzt erneut neue Maßstäbe für Gewalt. Die nackten Tatsachen kommen ausnahmsweise nur sporadisch zum Zuge.
Zwar ist es hilfreich, von den schrecklichen Verhältnissen im Gefängnis zu erfahren, um sich ein besseres Bild vom Hood der Gegenwart zu machen. Doch wäre es nicht schön, wenn man sich im Zuge der Hood'schen Vergangenheitsforschung nicht ständig hinter den eigenen Händen verstecken müsste?
Die Atmosphäre der Episode konnte durch die Gastauftritte von Joseph Gatt und Michael Kostroff profitieren. Der Sheriff selbst erscheint nach dem Mord an Wicks eher wie eine Überlebensmaschine als ein fühlendes Wesen. Da ändert es auch nichts, dass er zwischendurch mit Siobhan Kelly (Trieste Kelly Dunn) herumalbert. Welche Seite des Sheriffs wird wohl im Zuge der nächsten Herausforderung zum Vorschein kommen? Neben der Entdeckung durch Mr. Rabbit droht ihm nun auch die Konfrontation mit Jason - dem Sohn des echten Lucas Hood.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 18. Februar 2013(Banshee 1x06)
Schauspieler in der Episode Banshee 1x06
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