Babylon Berlin 2x08

© ie Gasmaske evoziert Horrorbilder aus dem Ersten Weltkrieg. (c) Sky
Action, überraschende Wendungen, doppeltes Doppelspiel: Die Finalepisoden der zweiten Staffel von Babylon Berlin holen alles raus, was man aus einer plotgetriebenen Serie wie dieser machen kann. Manches davon ist erwartbar, manches überraschend, manches zufriedenstellend, anderes wiederum enttäuschend. Das steht stellvertretend für die schwankende Qualität dieser deutschen Prestigeproduktion, die leider nur selten verstanden hat, was das herausstechende Merkmal internationaler Topserien ist: Charakterarbeit geht vor Plot.
Gespielt und verloren
Ganz am Ende versucht es das Autorenteam noch einmal mit einer tiefergehenden Charakterisierung von Gereon Rath (Volker Bruch). Die Hypnoseszene vom Beginn der Serie wird wieder aufgegriffen, dieses Mal jedoch mit unterschiedlichem Ergebnis. Wir erfahren nämlich, dass Gereon gar nicht wirklich versucht hat, seinen Bruder Anno (Jens Harzer) vom Schlachtfeld zu retten, obwohl er noch am Leben war, sondern lieber mit den anderen Soldaten die Flucht ergriff. Nun sitzt der Bruder als Hypnosearzt wieder vor ihm - oder bildet er sich das nur ein?
Ganz klar wurde mir das ehrlich gesagt nicht. Trotzdem lässt sich diese Szene als Paradebeispiel dafür anführen, dass dem Kreativteam der Überraschungseffekt weit wichtiger ist als die Charakterzeichnung. Die Gedankenwelt, in die Gereon während der Hypnose eintaucht, legt nahe, dass er seinen Bruder nicht gerettet hat, um mit dessen Ehefrau Helga (Hannah Herzsprung), seiner heimlichen Geliebten, zusammen sein zu können. Hätten wir das schon am Beginn der Serie erfahren, hätten sich daraus spannende Charakterkonflikte machen lassen...
Tykwer, Handloegten und von Borries war es aber offensichtlich viel wichtiger, am Ende diesen Überraschungsmoment einbauen zu können. Leider hat selbst das bei mir nicht richtig funktioniert. Zum einen lag das daran, dass in der Kurzzusammenfassung vor der Finalepisode bereits gezeigt wurde, dass es abermals um Anno gehen würde, was bei jedem erfahrenen Fernsehzuschauer sofort die Alarmglocken schrillen lässt, dass diese Figur zurückkehren wird. Zum anderen war die Abschlussszene dramaturgisch so aufgebaut, dass an ihrem Ende nur das Wiederauftauchen Annos stehen konnte.

Effektiver gelingen die Überraschungen in den anderen Handlungsbögen. Wie zu erwarten war, wird Greta (Leonie Benesch) von den Kommunisten instrumentalisiert. Erst später erfährt sie, dass Fritz (Jacob Matschenz) gar nicht erschossen, sondern dieses Attentat nur vorgetäuscht wurde, um sie zu radikalisieren. Also verschafft sie Otto (Julius Feldmeier) Zugang zum Schreibtisch von Regierungsrat Benda (Matthias Brandt), woraufhin sich das wohl älteste suspense-Szenario der Filmgeschichte entspinnt: Die Bombe unter dem Tisch, über die nur der Zuschauer Bescheid weiß. Hitchcock wäre stolz gewesen.
Verlust, Einsamkeit, Schwermut
Ehrlich überraschend ist dann jedoch, dass sie auch wirklich in die Luft geht. Zu oft hat sich die Serie davor schon sogenannter fake outs bedient, bei der für tot gehaltene Charaktere doch irgendwie überlebten. Auch die Finalepisode ist voll davon. Benda werden wir jedoch nicht noch einmal sehen, was vor allem deshalb so kompromisslos brutal ist, weil seine Tochter auch mit in den Tod gerissen wurde. Hier schlägt das Pendel beinahe zu weit in die Überraschungsrichtung aus. Andererseits sterben bei solchen Anschlägen oftmals Unbeteiligte - insofern ist diese Kompromisslosigkeit nur realistisch.
Richtig kompliziert - aber nicht besonders komplex - geht es indes im Handlungsbogen um den sagenumwobenen Goldzug der Familie Sorokin zu. Nachdem sich Rath das verschlüsselte Einverständnis Bendas abgeholt hat, die Fahrt des Zuges nach Russland aufzuhalten, entspinnt sich ein atemloser Actionthriller, der einige sehenswerte und ein paar alberne Szenen zu bieten hat. Rath und Lotte (Liv Lisa Fries) werden von Wolter (Peter Kurth) verfolgt, der das nicht besonders unauffällig via Lastkraftwagen vornimmt. Der Nutzen dieses schweren Fahrzeugs stellt sich kurze Zeit später heraus, als Wolter seine Gegenspieler zum Ausweichmanöver zwingt, das für sie am Boden eines Sees endet.
Hier liefert uns das Autorenteam nun die doppelte Überraschung. Zunächst habe ich wirklich geglaubt, dass Lotte das Zeitliche gesegnet hat. Das alleine wäre ein riesiger dramaturgischer Hammer gewesen, da sie nicht nur eine der beiden Hauptfiguren ist, sondern auch die interessantere. In diesem Zusammenhang ist es übrigens schade, dass sie in der kompletten zweiten Hälfte der zweiten Staffel wegen Gefangenschaft und Rekonvaleszenz beinahe ausschließlich zum Nichtstun gezwungen ist. Das ist überdies ärgerlich, weil manche Szenen - wie ihre Rettung und die Anschlagsplanung bei Benda - schlicht zu lange dauern.

Beim großen Showdown geben sich die überraschenden Wendungen schließlich die Klinke in die Hand. Der Zug wird wie geplant von der schwarzen Reichswehr angehalten, Wolter untersucht das Gold und bekommt deshalb nicht mit, dass sein Team von dem des Armeniers (Misel Maticevic) ausgeschaltet wird. Im Anhänger überrascht ihn dann auch noch Rath, der ihm nicht nur das Ohr abschießt, sondern auch zu der Erkenntnis verhilft, dass das Gold gar nicht echt ist. Aus unerfindlichen Gründen lässt der Armenier hernach Wolter erschießen und Rath nicht.
Angst
Ein Betäubungsgasanschlag durch Raths comic relief-Sidekicks schlägt den Gangsterboss in die Flucht, aber Wolter ist plötzlich nicht mehr da, wo seine vermeintliche Leiche hingefallen war. Schwerverletzt hat er es ins Führerhaus des Zuges geschafft, den er nun um jeden Preis weiterführen will nach Russland. Aber warum eigentlich? Er weiß doch, dass das Gold gar nicht echt ist. Wegen des Giftgases etwa? Oder vielleicht, weil das Drehbuch gerne einen Showdown mit Rath auf dem Zug hätte? Mit schlechter Animation und anschließender Explosion? Könnte durchaus sein.
Äußerst unwahrscheinlich ist jedenfalls, dass Wolter darüber informiert ist, wo sich das Gold wirklich befindet. Das bekommen Gereon und Lotte heraus, als sie die Wohnung von Svetlana Sorokina (Severija Janusauskaite) durchsuchen. Achtung, hier wird es zum zweiten Mal ein bisschen albern. Auf einem Bild der Familie Sorokin ist nämlich keine Tochter zu erkennen. Einige Gedankensprünge und Interpretationsversuche später steht für die beiden Superermittler fest: Die Außenhülle des umkämpften Waggons ist aus Gold. Genial!? Nicht.
Aber damit noch nicht genug der Überraschungen: In Paris darf Svetlana bei einem Auftritt einen ganz besonderen Gast willkommen heißen: ihren Liebhaber und Mitverschwörer Kardakow (Ivan Shvedoff). Auf seine Rückkehr habe ich seit dem Moment gewartet, als er vor dem austretenden Giftgas floh. Dieser Überraschungsmoment konnte bei mir also genauso wenig zünden wie die Wiederkehr des älteren Rath-Bruders. Von dieser Art Szene gibt es in den Finalepisoden noch einige weitere, die aber nicht besonders erwähnenswert sind, weil sie noch nicht erkennen lassen, welchem Zweck sie dienen.
Das ist vielleicht das größte Problem von Babylon Berlin: Man baut so unbedingt auf die großen Momente, auf die Überraschungen, dass dabei kaum Raum bleibt für echte Charaktermotivationen. Mich hätte zum Beispiel ganz grundlegend interessiert, warum es Rath so wichtig ist, den Zug aufzuhalten. Dass er ein guter Polizist ist, reicht mir nicht. Warum kümmert es ihn, ob die Reichswehr wieder erstarkt? Wieso bleibt er nicht lieber zu Hause bei seiner geliebten Helga? Wieso wird er vom Armenier verschont, ja sogar aktiv vor den Kommunisten gerettet? Wer darauf die Antworten kennt, darf mich gerne erhellen.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 1. Dezember 2017(Babylon Berlin 2x08)
Schauspieler in der Episode Babylon Berlin 2x08
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