Babylon Berlin 1x08

Babylon Berlin 1x08

Nach acht Episoden Babylon Berlin ist es an der Zeit für ein Zwischenfazit: Konnte die deutsche Sky-Serie den guten Ersteindruck bewahren? Und was fehlt ihr noch, um tatsächlich zu dem Meisterwerk zu werden, das man uns versprochen hat?

Möchtegerndetektivin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ist Herz und Seele von „Babylon Berlin“. / (c) Sky 1
Möchtegerndetektivin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ist Herz und Seele von „Babylon Berlin“. / (c) Sky 1
© öchtegerndetektivin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ist Herz und Seele von „Babylon Berlin“. / (c) Sky 1

Egal, ob Babylon Berlin beim Publikum einschlägt oder nicht, so oder so ist die historische Krimiserie bereits ein Meilenstein der deutschen Fernsehunterhaltung. Mit einem geschätzten Gesamtbudget von 40 Millionen Euro für zunächst zwei Staffeln à acht Episoden ist sie nicht nur die teuerste Serie, die hierzulande je produziert wurde, sondern auch die teuerste jeglicher Länder, in denen kein Englisch gesprochen wird. Zustande kam sie durch eine ebenfalls revolutionäre Zusammenarbeit von ARD Degeto und Sky Deutschland, also von den Öffentlich-Rechtlichen und einem Pay-TV-Sender.

Serienjunkies.de-Interview mit den Machern von „Babylon Berlin“

Erdacht wurde Babylon Berlin von Achim von Borries („Was nützt die Liebe in Gedanken“), Henk Handloegten („Fenster zum Sommer“) und Tom Tykwer, der sich mit Filmen wie „Cloud Atlas“, „Lola rennt“ und „Das Parfum“ längst auch international einen Namen machen konnte. Zusammen schrieben sie sämtliche Drehbücher und teilten sich sogar die Regie. Diesen Arbeitsprozess beschrieben die Drei als derart symbiotisch, dass sie angeblich nicht einmal mehr sagen könnten, welche Szene von wem stamme. In vielen Interviews sprechen die Showrunner außerdem von einem Film, den sie gedreht haben und nicht von einer Serie. Eine vielleicht unbewusste Angewohnheit, die allerdings die Anspruchshaltung deutlich macht.

Die Idee zur Serie entsprang eigenen Aussagen zufolge einer künstlerischen Sehnsucht, die goldenen Zwanziger in Berlin einzufangen. Von Anfang an legten von Borries, Handloegten und Tykwer also größeren Wert auf die Szenerie als auf die Handlung. Für die Romanvorlage von Volker Kutscher, bei der es sich rein zufällig um eine Kriminalgeschichte handelt, entschied man sich dementsprechend nur, weil sie zu den detailliertesten und historisch akkuratesten Schilderungen dieser besonderen Zeit gehört. Besonders macht die Zeit, dass damals ganz Berlin einem politischen Pulverfass glich: Kommunisten und Nazis nagten am demokratischen Kern der Weimarer Republik, während die Schönen und Reichen einem Leben im Exzess frönten. Lange konnte das nicht gutgehen...

Zu Asche, zu Staub

Eingeführt werden wir Zuschauer in diese Zeit - genauer gesagt ins Frühjahr 1929 - durch den Kölner Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch). Als strenggläubiger Katholik und schwer traumatisierter Kriegsveteran lässt er seine Heimatstadt am Rhein zurück, um einer Sache zu entfliehen, die bis zum Ende der ersten Staffel ein Geheimnis bleibt. Außerdem kommt er mit einem Spezialauftrag nach Berlin, als Sittenpolizist soll er nämlich einen illegalen Pornoring zerschlagen und überdies belastende Sadomasofotos eines gewissen Dr. Konrad Adenauer sicherstellen, der damals noch Oberbürgermeister Kölns ist. Gereon wird uns als Hauptfigur der Serie präsentiert, doch das Herz und die Seele von Babylon Berlin ist eigentlich eine andere...

Die Sittenpolizisten Gereon Rath (Volker Bruch) und Bruno Wolter (Peter Kurth) sollen den Sündenpfuhl Berlin säubern...
Die Sittenpolizisten Gereon Rath (Volker Bruch) und Bruno Wolter (Peter Kurth) sollen den Sündenpfuhl Berlin säubern... - © Sky 1

Anders als der mysteriöse Gereon ist die junge Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) für uns Zuschauer ein offenes Buch, so dass wir vollends mit ihr fühlen und Sympathien für sie entwickeln können - ähnlich wie es bei der US-Serie Mad Men und ihren Protagonisten Don und Peggy der Fall war. Charlotte stammt aus ärmlichen Verhältnissen und lebt mit ihrer Großfamilie in einem kleinen Loch in den Mietkasernen von Neukölln. Tagsüber verdingt sie sich als Sekretärin in dem Polizeipräsidium Rote Burg am Alex, nachts verkauft sie ihren Körper als Prostituierte im Moka Efti, dem damals angesagtesten Tanzklub ganz Berlins. Sie führt ein furchtbar tristes Dasein, doch eine optimistische Grundhaltung und die Sorge um ihre jüngere Schwester lassen sie all das ertragen.

Da sie durch ihr Tagewerk mit vielen Polizisten in Kontakt kommt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Charlotte auch Gereon und dessen neuem Partner Bruno Wolter (Peter Kurth) über den Weg läuft. Letztgenannter durchschaut ihr Doppelleben bald und demütigt sie, indem er sie aus heiterem Himmel als Freier aufsucht. Wolter ist ohnehin ein echtes Scheusal, das sich nicht nur bei jedweder Gelegenheit schmieren lässt, sondern auch nationalistische Ideologien vertritt. Genau wie Gereon diente er im Ersten Weltkrieg, der damals noch keiner Nummerierung bedurfte, aber anders als sein junger Kollege kam er weitestgehend unbeschadet nach Hause und blickt daher voller Verachtung auf all diejenigen, die weniger resilient waren. Als Flattermänner bezeichnet er die Traumatisierten - und um zu überprüfen, ob Gereon auch zu ihnen zählt, stellt er Nachforschungen bezüglich dessen Vergangenheit an.

Dem Licht geraubt

Bei jeder guten Serie gibt es diesen einen Moment, in dem man sich verliebt und beim Schauen endgültig in den Flow gerät. Im Fall von Babylon Berlin dürfte dieser für viele die Musikeinlage im Moka Efti am Ende der zweiten Episode sein. Den meisten Sky-Kunden hängt das Lied „Zu Asche, zu Staub“ wahrscheinlich längst zu den Ohren heraus - immerhin spielt der Pay-TV-Sender es seit einigen Wochen bei jeder Sportübertragung ein -, doch wenn man es zum ersten Mal hört und dazu Charlottes lebensfrohe Tanzdarbietung sieht, dann reißt es einen wirklich mit. Bei all dem muss vor allem bedacht werden: Dies ist eine deutsche Produktion, die hier eine Inszenierung abliefert, die beinahe an Baz Luhrmanns „Moulin Rouge“ oder „The Great Gatsby“ anmutet.

Sowieso ist und bleibt sie bis zum Schluss das beste Argument für Babylon Berlin. Eine der heimlichen Schlüsselfiguren für den Erfolg ist daher auch der Szenenbildner Uli Hanisch, der genau wie von Borries, Handloegten und Tykwer keine Mühen scheute und eigens für die Serie 8000 Quadratmeter Außenkulisse in Babelsberg errichten durfte. Und selbst wenn das babylonische Berlin nicht haargenau so aussehen mag wie das echte 1929, so ist es den Serienmachern wenigstens gelungen, eine ganz eigene Welt zu kreieren, die authentisch und zugleich faszinierend wirkt. Wäre diese Welt nun noch genutzt worden, um in ihr eine spannende Geschichte zu erzählen, wäre alles perfekt. Nur leider passiert besonders in der Mitte der Staffel vieles, was rückblickend überflüssig erscheint.

... Doch dabei werden die beiden Beamten selbst tief in seinen unerbittlichen Sog gezogen.
... Doch dabei werden die beiden Beamten selbst tief in seinen unerbittlichen Sog gezogen. - © Sky 1

Um den zentralen Handlungsstrang zu verstehen, würde es vermutlich reichen, die ersten und die letzten beiden Episoden zu schauen. Im Finale lokalisieren Gereon und Wolter den Pornoring im Moka Efti, dem Dreh- und Angelpunkt der Serie, und beschlagnahmen die Adenauer-Aufnahmen nach einer spektakulären Geiselnahme des Klubbesitzers, dem Armenier (Misel Maticevic). Dieser holt kurz darauf zum letzten Gegenschlag aus, indem er Gereon entführt und hypnotisieren lässt. Als er dem entkommt, ruft der Kommissar zu Hause in Köln an und sagt seiner verwitweten Schwägerin Helga (Hannah Herzsprung), dass er in Berlin bleiben werde. Sein großes Geheimnis ist also die verbotene Liebe zur Frau seines toten Bruders und das, was im Krieg mit ihm geschah. Mit Charlotte schließt Gereon aufgrund ihrer Verwicklung mit seinem Partner vorerst ab - und das, obwohl sie entscheidend zur Lösung des Falles beigetragen hatte.

Wunder warten bis zuletzt

Die Geschichte von Babylon Berlin ist komplex - oder eigentlich schon eher kompliziert. Eine Reduzierung der Anzahl an Figuren hätte der Serie diesbezüglich sicher gutgetan - immerhin soll es insgesamt um die 300 Sprechrollen geben -, doch wenn man solche Spitzenschauspieler wie einen Matthias Brandt, Lars Eidinger und Benno Fürmann gewinnen konnte, dann will man sie natürlich auch einsetzen. Severija Janusauskaite gibt zudem eine herrlich gruselige Gräfin, die noch am ehesten vermag, den lahmenden Trotzkisten-Plot mit Spannung zu erfülllen - obwohl selbst in den schwächsten Szenen der Serie niemals Langeweile aufkommt. Mit Blick auf das Drehbuch ist darüber hinaus bemerkenswert, dass sich von Borries, Handloegten und Tykwer gerne auch Zeit für die kleinen Dinge nehmen - in Episode sechs zum Beispiel für einen sonnigen Tag am See mit Charlotte und ihren Freunden.

Anspruch von Babylon Berlin ist es, ein zeitgeschichtliches Porträt der Stadt Berlin zu zeichnen, das den Zuschauern verständlich machen soll, wie es nur vier Jahre später zum düstersten Kapitel der deutschen Geschichte kommen konnte. Ohne diesen politischen Bildungsauftrag, der 2017 wichtiger denn je zu sein scheint, hätte Das Erste, wo die Serie im kommenden Jahr gezeigt werden soll, bestimmt nie so viel Geld investiert. Ob aber eine der kommenden Staffeln auch direkt in der NS-Zeit spielen wird, ist zurzeit noch unbekannt. Staffel zwei soll aufgrund des absurden Programmplans von Sky 1 bereits eine Woche nach dem Finale der ersten starten. Und da diese inzwischen von mehr als zwei Millionen Zuschauern gesehen wurde, stehen die Chancen für eine weitere Verlängerung nicht schlecht.

Nach Deutschland 83 und 4 Blocks ist Babylon Berlin voraussichtlich die dritte deutsche Produktion der jüngeren Vergangenheit, die auch im Ausland einschlagen könnte (Netflix exportiert sie beispielsweise nach Amerika). Automatisch muss man sich also auf Vergleiche mit den ganz großen Prestigeserien aus Übersee gefasst machen - der Buchautor Kutscher nahm selbst sogar schon The Wire und Boardwalk Empire in den Mund. Ein gefährliches Spiel, denn bis sich „Babylon“ mit solchen Giganten messen kann, muss die Serie überhaupt erst ihre eigene Stimme finden. Nach dem Einzigartigen sucht man in der Auftaktstaffel zumindest noch vergeblich. Selbst die italienische Schwesternserie The Young Pope ist ihr diesbezüglich schon einen Schritt voraus. Trotz ihrer beeindruckenden Verpackung ist die „deutsche Superserie“, wie sie von vielen schon betitelt wird, eigentlich erschreckend konventionell.

Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 3. November 2017
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Babylon Berlin 1x08)
Titel der Episode im Original
Episode 8
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 3. November 2017 (Sky Atlantic)
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 11. Oktober 2018
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Dienstag, 9. Oktober 2018
Autoren
Achim von Borries, Tom Tykwer, Henk Handloegten
Regisseure
Hendrik Handloegten, Tom Tykwer, Achim von Borries

Schauspieler in der Episode Babylon Berlin 1x08

Darsteller
Rolle
Volker Bruch
Liv Lisa Fries
Peter Kurth
Matthias Brandt
Leonie Benesch
Lars Eidinger
Fritzi Haberlandt

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