
© ie die meisten 18-Jährigen wünscht sich Sam (Keir Gilchrist) vor allem eines: eine Freundin. / (c) Netflix
Eine Serie mit einer Hauptfigur, die im Autismusspektrum liegt, ist im Jahr 2017 - zum Glück - kein echtes Novum mehr. Mutige Formate wie The A Word, Parenthood, Community, Bones, Touch, The Middle und sogar The Big Bang Theory machten den Anfang. Aber nicht jede der Darstellungen sorgte bei den Betroffenen für Begeisterung. Einige der genannten Serien verzichteten daher darauf, die Diagnose offen auszusprechen (siehe hierzu auch SJ-Therapie 1x02: Mit Asperger zum Publikumsliebling?).
Die neue Netflix-Dramedy Atypical ist in ihrer Darstellung weitestgehend sensibel und muss sich daher nicht zensieren: Ihr Protagonist, der 18-jährige Schüler Sam (Keir Gilchrist), ist ein Junge mit Autismus. Die Serienschöpferin Robia Rashid (The Goldbergs, How I Met Your Mother) hat ganz bewusst darauf geachtet, dass der Junge vorne steht. Und so geht es in der Geschichte auch nicht vorrangig um Autismus, sondern um Sams Suche nach der ersten großen Liebe.
Nobody's Normal (ohne Spoiler)
Dass es für ihn allmählich an der Zeit ist, ein nettes Mädchen kennenzulernen, um sich zu verlieben, erkennt Sam erst im Gespräch mit seiner Therapeutin Julia (Amy Okuda). Ihrer Ansicht nach ist Sams Besonderheit kein Hindernis für eine feste Partnerschaft. Sams überfürsorgliche Mutter Elsa (Jennifer Jason Leigh) sieht das völlig anders. Und auch sein etwas distanzierter Vater Doug (Michael Rapaport) ist skeptisch. Seine jüngere Schwester Casey (Brigette Lundy-Paine) bringt indes schon die bloße Vorstellung, er könnte ein Mädchen daten, zum Lachen.
Wie Sam ist sie ein überaus direkter Mensch, der sich nicht davor scheut, Menschen vor den Kopf zu stoßen. Sie kann diesen bewundernswerten, zuweilen aber auch anstrengenden Charakterzug jedoch nicht auf eine autistische Veranlagung schieben. Trotzdem ist Casey neben Sam die sympathischste Figur der Serie. Sie ist die einzige, die ihren Bruder ganz normal behandelt und ihn hin und wieder auch mal ärgert. Gleichzeitig würde sie niemals zulassen, dass ein anderer außer ihr ihn zum Narren hält.

Schon in der Pilotepisode Antarctica drängt sich die Frage auf, ob Atypical nicht besser daran getan hätte, Casey statt Sam zur Hauptfigur zu machen. Ihr Blickwinkel auf die Geschehnisse wirkt zumindest deutlich ausgereifter. Andererseits ist aber auch Sam kein großer Fehlgriff. Erfreulich ist vor allem, dass seine Voiceover-Kommentare funktionieren und nicht zum Fremdschämen anregen, wie bei vielen anderen Serien. Zurückzuführen ist dies wahrscheinlich darauf, dass Sam nicht verkrampft versucht, lustig oder cool zu sein. Stattdessen erzählt er uns Zuschauern einfach ein paar nette Fun Facts über sein liebstes Spezialinteresse: die Antarktis und ihre Pinguine.
Für wen all das nicht verlockend klingt und wem es egal ist, ob Sam eine Freundin findet oder nicht, der kann Atypical getrost links liegen lassen. Außer einer typischen Netflix-Dramedy mit unsteter Balance zwischen Drama und Komik, wird man nichts verpassen. Die Serie wagt keine großen Experimente und hat somit auch nichts Neues zum Thema Autismus zu sagen. Wären die Darbietungen der Hauptdarstellerriege weniger bestechend, würde man gar von Zeitverschwendung sprechen wollen, wenn auch von unterhaltsamer Zeitverschwendung.
The D Train to Bonetown (mit Spoilern)
Nicht sonderlich überraschend, verliebt sich Sam letztendlich in seine Therapeutin. Doch bevor er sich an die 26-jährige Julia heranwagt, will er sich erst eine Übungsfreundin im eigenen Alter suchen. Sein bester Freund Zahid (Nik Dodani), mit dem er zusammen in einem Elektronikladen jobbt, steht ihm dabei als Datedoktor zur Seite. Auch wenn Zahid nicht den Anschein macht, steckt in ihm ein echter Aufreißer, der sein Glück sogar bei Sams Mutter Elsa versucht. Bezüglich des Tons der Serie wirkt die Figur allerdings wie ein Fremdkörper. Zwar als Comic-Relief-Charakter konzipiert, ist Zahid ungefähr 30 Prozent zu albern ausgefallen.
Ebenfalls irritierend erscheint, wie schnell Sams Unterfangen von Erfolg gekrönt wird. Bereits in der ersten Episode wirft sich ihm ein wunderschönes Mädchen an den Hals, das auf Anhieb mit ihm schlafen will. Am Ende scheitert es an Sams sozialen Kompetenzen. Doch es dauert nicht lang, bis das nächste Mädchen aus dem Nichts auftaucht. Die Quasselstrippe Paige (Jenna Boyd) läuft Sam wie ein Hündchen hinterher und bettelt beinahe schon darum, seine Freundin zu werden. Ihre Gründe bleiben dabei zunächst unklar, sodass man automatisch vom Schlimmsten ausgeht: Es scheint, als wolle Paige nur mit Sam zusammen sein, weil sie es schick fände, einen Freund mit Autismus zu haben.

Später erklärt Paige zum Glück doch noch, dass sie Sam vor allem wegen seiner unbedingten Ehrlichkeit bewundert. Besonders überzeugend ist dieses Argument nicht. Und die ganz große Romanze entspinnt sich zwischen den beiden sowieso nie. Sam ist sich nicht einmal sicher, ob er Paige überhaupt leiden kann. Erst, als Julia ihn abblitzen lässt, schwenkt er um und wird von Paige mit einem kleinen Techtelmechtel beim Abschlussball belohnt. Alles in allem hätte man diesen Handlungsstrang sicherlich etwas realistischer und somit auch würdevoller gestalten können.
Vergleicht man ihn aber mit dem der Eltern, der vor Eheklischees nur so trieft, wirkt Sams Reise doch ziemlich spannend. Wirklich gelungen ist die Entwicklung eigentlich nur im Falle Caseys. Ihr zentraler Konflikt handelt davon, wie es ist, die Schwester eines Jungen mit besonderen Bedürfnissen zu sein. Weil Sam in der Familie so viel Platz einnimmt, spürt sie oft den Zwang, selbst leer zu bleiben. Sie überlegt daher sogar, auf einen Platz an einer Eliteschule zu verzichten, nur damit sie weiterhin auf ihren Bruder aufpassen kann. Am Ende gibt er ihr jedoch seinen Segen und sagt herrlich direkt, dass es dumm wäre, diese Chance wegzuwerfen. Die Szene dient dabei als Höhepunkt eines erstaunlich emotionalen Finales.
Fazit
Die wunderbare Dynamik der Geschwister kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass alles in allem deutlich mehr drin gewesen wäre. Atypical ist eine dieser Netflix-Serien, die im Vorfeld eine außergewöhnliche Prämisse versprechen, letzten Endes aber nur mit halbgarer Einheitskost aufwarten können. Die acht halbstündigen Episoden der Auftaktstaffel lassen sich problemlos an einem Stück ansehen, allerdings regen sie weder zum Nachdenken noch zum Erinnern an. Wer weiß, was ein Großkaliber wie Jennifer Jason Leigh („The Hateful Eight“) hätte leisten können, wenn man ihren Charakter nicht für eine abgedroschene Fremdgehgeschichte verschwendet hätte?
Als Dramedy tut sich das Netflix-Format zudem beim Finden der richtigen Balance zwischen Tragik und Humor schwer. Die lustigten Witze sind meist die, die sich am wenigsten bemühen. Doch wenn die Serie für eines gut ist, dann dafür, dass sie die fantastische Newcomerin Brigette Lundy-Paine entdeckt hat und ihrem Bildschirmbruder Keir Gilchrist („It Follows“) einen sicheren Ort bietet, an dem er sich schauspielerisch weiterentwickeln kann. Beide dürfte eine große Karriere erwarten, doch diese Serie wird nicht genügend Aufmerksamkeit erlangen können, um schon jetzt den Durchbruch zu bringen. Schämen müssen sie sich für ihre Beteiligung an Atypical natürlich trotzdem nicht. Das muss niemand.