Atlantis 1x01

Letzten Dezember ging die britische Fantasyserie Merlin nach sage und schreibe fünf Staffeln zu Ende und überraschte damit Kritiker, die der Serie anfangs kein dermaßen langes Leben zugesprochen hätten. Dabei war sie geistig am ehesten mit den zahlreichen Fernsehfilmen mit Fantasyeinschlag, die in den 90er-Jahren erschienen, verwandt: „Jason und das goldene Vlies“, „Kampf der Kobolde“ oder auch der Merlin-Zweiteiler mit Sam Neill in der Hauptrolle von Camelots Haus- und Hofmagier, bieten sich als Beispiele an.
Fantasy ist nach dem Erfolg von „Der Herr der Ringe“ und dem Serienhit Game of Thrones beliebter als je zuvor und so kommt nun Atlantis daher, um die Lücke, die „Merlin“ hinterließ, mit noch mehr fantastischer Serienkost zu schließen. Statt der High-Fantasy-Konzepte wie Drachen und Magier haben wir es hier mit Minotauren und Orakeln zu tun, denn die keltische Vorlage musste griechischen Einflüssen weichen.
Ist Atlantis ein würdiger Nachfolger? Ist es als Lückenfüller zu gebrauchen, ehe Doctor Who auf BBC fortgesetzt wird oder gar als Wegzehrung bis zur vierten Staffel von Game of Thrones? Lasst uns eintauchen.
Handlung
Überraschenderweise beginnt Atlantis nicht sofort in vergangenen Zeiten beziehungsweise der Fantasywelt der verlorenen Stadt, sondern zeigt uns unsere Hauptfigur Jason (Jack Donnelly) im Hier und Jetzt vor einer Tauchmission auf hoher See. Sein Vater ging vor Jahren hier verloren und der junge Held in spe ist entschlossen herauszufinden, was mit seinem alten Herren geschehen ist. Ein magisches Unterwasserportal später findet er sich nackt an der Küste von Atlantis wieder. Hier gehen natürlich sofort die Alarmglocken des erfahrenen Serienguckers los, der nun gegen Ende der Serie mit einem Alles-nur-geträumt-Twist rechnen muss oder etwas ähnlich unbefriedigendem als finalen Paukenschlag.
Nach einer kleinen Auseinandersetzung mit einem CGI-Drachen und einer Verfolgungsjagd mit den Stadtwachen, die unheimlich an eine frühe Szene aus Disney's „Aladdin“ erinnert, macht Jason die Bekanntschaft von Pythagoras (Robert Emms). Ja, der Pythagoras mit seinen Dreiecken und wie es das Schicksal (oder der Plot) so will, ist ein etwas aufgedunsener Hercules (Mark Addy) sein Mitbewohner.
Beim Orakel (Juliet Stevenson) erfährt Jason, dass sein Vater, der ursprünglich aus Atlantis kam, mittlerweile verstorben ist und dass er (und jetzt alles im Chor:) „auserwählt ist und als einziger die Welt retten kann.“ Zurück in der Männerwirtschaft des Mathegenies und des alternden Herolds hören wir schließlich von einem Opferritual, welches seit 20 Jahren durchgeführt wird. Sieben Bürger werden per Losverfahren auserwählt, um an den Minotauros in seinem Labyrinth verfüttert zu werden, damit dieser die Stadt verschont.
Obwohl Hercules glaubt, es sei sein Schicksal als üppiges Opferlamm zu enden, ist es Pythagoras, der ausgelost wird. Aus Dankbarkeit nimmt aber Jason heimlich dessen Platz ein. Ariadne (Aiysha Hart), die Tochter des Königs, welche schon in einer früheren Szene als die einzig empathische und barmherzige Person unter den Adeligen vorgestellt wurde, überreicht Jason ihren berühmten, reißfesten Faden, der sich im Labyrinth als praktisch erweisen könnte und ganz nach dem Prinzip von Chekhov's Gun tut er das natürlich.
Damit unser mythologisches Dreiergespann den ersten Showdown nicht getrennt voneinander verleben muss, rückt der Plot sie über den Umweg eines missglückten Rettungsversuchs in Position, damit sie gemeinsam das Labyrinth betreten müssen. Der Kampf mit dem gehörnten Biest geht dann sehr unspektakulär zu Ende. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Jason kein guter Krieger sein soll und sicherlich schon bessere Kämpfer im Labyrinth gelandet sind.
Aber gut, wenn es die Prophezeiung so will, kann man wohl nichts machen. Der Minotauros verwandelt sich nach seiner Niederlage in einen Menschen zurück. Wie sich herausstellt, ist dieser ein Freund seines Vaters gewesen und nach einem schlimmen Verrat von den Göttern verflucht worden. In seinen letzten Momenten wiederholt auch er noch einmal, dass dies erst der Anfang sei und Jason ein großes Schicksal zu erfüllen habe.
Dankbar für die Befreiung von der Tyrannei durch das Monster im Labyrinth werden unsere Helden im Palast gepriesen und Hercules darf die Pilotepisode mit einem sagenhaft-schlechten Gag abschließen: „Ich bin nicht fett, ich habe schwere Knochen.“

Fazit
Atlantis richtet sich (trotz seiner relativ späten Sendezeit auf BBC One) an ein mitunter jüngeres Publikum. Freunde von Fantasykost sollten eher eine Serie im Geiste von Hercules: The Legendary Journeys und Xena: Warrior Princess erwarten, nicht Game of Thrones. Tonal kommt sie auch ihrem Vorgänger Merlin unheimlich nah. Die mit reichlich Slapstick gepfefferten Action-Szenen (inklusive Comedy-Soundeffekte) wechseln sich mit pathosreichen Dialogszenen ab, die niemandem natürlich oder leicht über die Lippen kämen.
Was das Casting angeht, sticht vor allem Mark Addy als alternder Hercules heraus, der einfach, wie schon so oft bewiesen, großartig in komischen Rollen ist und auch hier alles aus der Figur holt, so schlecht ihre Dialoge zum Teil auch sein mögen. Hauptdarsteller Jack Donnelly hingegen wurde offensichtlich nicht nur wegen seines Schauspieltalents mit der Rolle des Jason bedacht. Im Gegensatz zu Merlin, der als Zauberbuchnerd kein sehr körperbetonter Held ist, muss Jason auch zahlreiche Male oben ohne eine gute Figur machen.
Die Geschichte kommt als leichtfüßige Kost daher, die versucht so viel wie möglich an griechischer Mythologie unterzubringen. Laut Teaser für die kommende Folge dürfen wir uns schon auf Medusa freuen. Dabei orientiert sich die Geschichte von Jason an der Schablone des Monomythos, wie ihn Joseph Campbell in „Der Heros in tausend Gestalten“ postulierte und wie er von Moses über Superman bis Harry Potter in so vielen Abenteuern vorkommt, die einen auserwählten Helden besitzen.
Auch wenn Atlantis nicht besonders viel Aufmerksamkeit oder Hirnschmalz verlangt, geht die erste dreiviertel Stunde der neuen BBC-Serie doch einigermaßen fix herum und besitzt Potential, da genügend Wege zur Weiterentwicklung der Geschichte offengelassen wurden und das ganze auch trotz TV-Budget-CGI nicht zu schäbig aussieht. Besonders jüngere Mitzuschauer dürften Spaß an dem leichtherzigen Fantasyspaß haben, ohne bedeutenden Schaden davonzutragen.
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 30. September 2013Atlantis 1x01 Trailer
(Atlantis 1x01)
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