Another Life: Review der Pilotepisode der Netflix-Serie

© ??Another Life“ (c) Netflix
Sechs Monate nach der Landung einer außerirdischen Struktur auf der Erde gelingt es den Wissenschaftlern in der Zukunftsvision Another Life herauszufinden, dass diese Signale auf einen fernen Planeten sendet. Um mehr über die Absichten der extraterrestrischen Absender herauszufinden und den ersten Kontakt zu initiieren, bricht Niko Breckinridge (Katee Sackhoff) mit einer Crew per Raumschiff zu ihrem unerforschten Zielort auf.
Was geschieht im Auftakt von „Another Life"?
Nikos Mann Eric (Justin Chatwin) ist ebenfalls in die Ereignisse involviert, denn, während er sich um ihre gemeinsame Tochter kümmert, ist er derjenige, der sich mit einem kleinen Team darum bemüht, die Kommunikation mit der merkwürdigen kristallähnlichen Struktur aufzunehmen. Nachdem zahlreiche Versuche zunächst scheitern, gelingt es ihm aber schließlich, mit einer seinem Gegenüber vertrauten Melodie eine Resonanz zu erhalten.
Niko erwacht derweil aus dem „Soma“ genannten Hyperschlaf, um nach der Erörterung der Schiffs-AI William (Samuel Anderson) einzusehen, dass der Zielplanet weiter entfernt als erwartet liegt und ein sicherer Weg dorthin sie einige Monate kosten würde. Nachdem der Großteil der Crew geweckt wird und sie eine Lagebesprechung abhalten, schlägt der ehemalige Captain des Schiffs, Ian Yerxa (Tyler Hoechlin), eine riskante Abkürzung vor.
Niko stuft dessen Weg als zu großes Risiko ein, woraufhin Yerxa dieser Einschätzung vehement widerspricht. So sehr sogar, dass er sie im Zuge einer Meuterei gewaltsam des Kommandos enthebt, sie in den Hyperschlaf versetzt und die potentiell gefährliche Route einschlägt. Dieses Vorhaben fliegt ihm jedoch prompt um die Ohren, als das Schiff bei dem Manöver schweren Schaden nimmt und die von einem anderen Crewmitglied geweckte Niko den Karren in letzter Sekunde wieder aus dem Dreck ziehen muss, nachdem Yerxa sich mit seinen Anweisungen im Kreis gedreht hat.
Daraufhin erhält sie das Kommando über das ordentlich lädierte Raumschiff zurück und steht damit vor ganz neuen Herausforderungen, den angezählten Kahn wieder auf Kurs zu bringen. Doch Yerxa hat noch lange nicht genug und versucht, sich ihrer nach einer hitzigen Debatte erneut zu entledigen, als die beiden alleine miteinander sind. Dieses Mal soll es jedoch endgültig sein, denn er schreitet mit einem Messer auf seine Anführerin zu, die sich daher gezwungen sieht, ihn mit einem gezielten Tritt in eine offene Leitung kurzerhand ins Jenseits zu befördern.
Everyone goes space crazy
Zunächst einmal klingt die Prämisse von Another Life wirklich einladend, da ich Weltraumthriller, die sich unter anderem mit den psychologischen Aspekten und Crewdynamiken unter großer Belastung befassen, oft sehr spannend finde. Dazu gehören beispielsweise ein Stück weit Serien wie Lost in Space, aber vor allem Filme wie „Event Horizon“ oder „Sunshine“, wobei speziell letzterer sich einige Gemeinsamkeiten mit der Reise der Salvare und Captain Breckinridge teilt. Die Storyline um Eric (Justin Chatwin) auf der Erde ist hingegen sehr stark von „Arrival“ inspiriert oder abgekupfert, wenn man es etwas schärfer formulieren möchte.
Auch wenn man an ein paar Stellen merkt, dass das Budget für eine Netflix-Produktion nicht wirklich riesig gewesen sein muss, so sieht das Ganze erst mal ordentlich aus und auch Regie und Kamera machen einen guten Eindruck. Die CGI-Effekte schwanken jedoch qualitativ immer wieder, so reißt einen die Alienstruktur ein wenig aus der Illusion heraus, während die Weltraumeffekte wiederum eine Ecke besser ausschauen. Alles in allem kann man aber, was den technischen Aspekt angeht, zufrieden sein.
Mehr Probleme macht allerdings leider das Drehbuch, denn der größte Knack- und Schwachpunkt der Geschichte sind bisher die unstrukturierte Figurenzeichnung und die Geschehnisse an Bord des Schiffs. Katee Sackhoff kann dabei durchaus überzeugen und es ist schon ein nettes nostalgisches Gefühl, zu sehen, wie sie das Schiff mit ihren Starbuck-Fähigkeiten als Pilotin vor der Katastrophe bewahrt. Doch ihre Figur muss sich immer wieder mit künstlich inszeniertem und stellenweise hirnrissig unnötigem Drama herumschlagen.
Das liegt daran, dass ihre Crew zu den inkompetentesten und am wenigsten geeigneten Mannschaften gehört, die man auf eine Mission von solch einem wichtigen Ausmaß hätte schicken können: Kommunikationsspezialistin Michelle Vargas (Jessica Camacho) bringt eine genervte, gleichgültige Attitüde mit, die von der Reife her mehr an einen rebellischen Teenager als an jemanden mit Verantwortung in einer Elitetruppe im Auftrag der Menschheit erinnert. Sie scheint sich auch ohne wirkliche Motivation aus einer Laune heraus der Meuterei anzuschließen. Bordpsychologe Zayn (JayR Tinaco) hat seinen Beruf definitiv verfehlt, denn weder kümmert er sich um die Moral der Crew, die im Grunde genommen direkt krachend zusammenfällt, noch besitzt er genug Rückgrat oder Kompetenz, um Yerxa bei der Beurteilung von Nikos Geisteszustand zu widersprechen.

Das bringt uns zum irritierendsten Charakter des Auftakts: der Ex-Captain und leidenschaftliche Hobbypsychopath Yerxa. Er ist der Erste, der sich mit dem für Serien und Filme dieser Art berüchtigten Pandorum ansteckt, space crazy wird und durchdreht. Diese Trope hat definitiv ihre Daseinsberechtigung und ist so gut wie immer ein interessantes Mittel, um Spannung zu schaffen, sofern sie aus Umständen und Charaktertiefe heraus plausibel vorgetragen wird. Doch hier läuft es aufgrund eines schwachen Drehbuchs einfach völlig daneben. Yerxa zettelt tatsächlich nach der ersten Meinungsverschiedenheit gleich eine Meuterei an, um dann - nachdem er offenbar aus seiner eigenen Dummheit nichts lernte, als er das Schiff beinahe zerstört hatte - am Ende völlig sinnbefreit komplett am Rad zu drehen.
Zunächst argumentiert er, es könne ja nun mal passieren, dass auf der Reise Crewmitglieder (auch durch die Abkürzung) draufgehen und man wäre zum Wohle der Menschheit eben bereit dafür. Später ist es jedoch genau umgekehrt, als es ihn stört, dass Niko ihre Tochter, die im Grunde genommen in diesem Fall ja die Menschheit sowie ihren Wunsch, die Mission erfolgreich zu absolvieren, repräsentiert, der Crew vorziehen würde. Zudem lamentieren mehrere Crewmitglieder immer wieder, dass sie lieber schnell und mit Risiko erneut zurückkehren wollen, da sie Verwandte auf der Erde zurückgelassen haben. Dann sollen sie doch einfach auf der Erde bleiben, denn es gibt unter den Milliarden Menschen sicherlich noch jemanden, die/der für die Mission geeignet ist und ein solches Raumschiff fliegen kann, ohne dass so etwas ein Faktor ist...
Fazit
Another Life hatte auf dem Papier alle Voraussetzungen, mit seiner interessanten Prämisse, passabler Technik, guter Regie und einer passenden Hauptdarstellerin, etwas Überzeugendes auf die Beine zu stellen. Leider verhindern schwache Charaktere und ein enttäuschendes Drehbuch es, das vorhandene Potential zu realisieren. Vielmehr schafft es der Auftakt, dass man sich über die dümmlichen Entscheidungen der Figuren ärgern kann, während auch der Ausblick auf die nächste Folge den Eindruck bestätigt, dass dies so schnell nicht besser zu werden scheint und sich als generelles Problem durch die gesamte Serie ziehen könnte. Abgesehen davon finden Sci-Fi-Fans hier jede Menge (allerdings oftmals recyceltes) Futter, solange sie sich mit der Charakterzeichnung und deren Einfluss auf die Handlung arrangieren können. Aber ob das einer/einem letztendlich tatsächlich ausreicht, muss jede/-r für sich selbst entscheiden.