Die neue Dramaserie American Crime vom oscarprämierten Drehbuchautor John Ridley widmet sich über einen brutalen Mordfall einem komplexen gesellschaftlichen Themenbereich. Ob das Potential des Dramas voll ausgeschöpft werden kann, vermag der Pilot aber (noch) nicht zu beantworten.

Offizielles Promobild zum Hauptcast von ABCs „American Crime“. / (c) ABC
Offizielles Promobild zum Hauptcast von ABCs „American Crime“. / (c) ABC
© (c) ABC

Der Name John Ridley dürfte so einigen Lesern ein Begriff sein. Der renommierte Buch- und Drehbuchautor machte in jüngster Zeit vor allem durch sein Drehbuch für das Sklavendrama „Twelve Years a Slave“ auf sich aufmerksam, wofür er 2014 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Ridley, der vor längerer Zeit auch schon als Fernsehautor für Serien wie The Fresh Prince of Bel-Air oder Third Watch tätig war, kehrt nun nach ein paar Jahren der Abwesenheit mit einem ambitionierten Crime-Drama ins Fernsehgeschäft zurück. Darin nimmt er sich einer Thematik an, die in der Unterhaltungsbranche bereits unzählige Male behandelt wurde.

Der Mord an einem weißen, scheinbar beispielhaften Vorzeigebürger der kalifornischen Stadt Modesto, der bei einem Einbruch auf furchtbare Weise umgebracht wurde und dessen Frau Opfer eines sexuellen Übergriffes wurde, dient dabei nur als Stein des Anstoßes. Justice taucht tief in das Gesellschaftsbild dieser spezifischen Region der USA ein, in der eine große Anzahl an lateinamerikanischen Migranten ansässig sind, die teilweise illegal eingewandert sind.

Home invasion

Die Intentionen und Ambitionen Ridleys sind hier von der ersten Minute klar erkennbar und im Grunde genommen mehr als löblich. Der fortwährende Konflikt zwischen den Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppierungen, latenter bis sehr offener Rassismus, klischeebehaftete Vorstellungen gegenüber Minderheiten - all das sind gesellschaftliche Probleme, mit denen sich die diversifizierte USA befassen musste beziehungsweise muss. Diese Vielfalt an komplexen Themen bietet reichlich dramatisches Potential für ein nachhaltiges Format, das sich im besten Fall so unbefangen wie kritisch mit seinem Setting und seiner Prämisse auseinandersetzt. In Form einer Anthologieserie wie Justice scheint dies auf den ersten Blick aufgrund der episodenhaften Erzählung vielleicht sogar noch etwas besser möglich.

Felicity Huffman als Barb Hanlon in %26bdquo;American Crime%26ldquo;. © ABC
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Be somebody

So weit, so gut - in der Theorie. In der Praxis treten jedoch sofort einige Einschränkungen auf. Da sich dieses Thema nun einmal sehr nah am (amerikanischen) Puls der Zeit bewegt und gesellschaftlich wie politisch extrem relevant und zeitlos ist, wurde es schon oft zum treibenden Element in Spielfilmen oder Serien gemacht. Das Ziel muss sein, trotz vertrauter Thematik eine originäre Geschichte mit interessanten Charakteren zu schaffen, die der Relevanz des Formats gerecht werden können. Und genau hier zeigt sich das wohl größte Problem der Pilotfolge von „American Crime“.

Es ist ja nicht so, dass es Ridley nicht gelingen würde, uns bisweilen gekonnt erste Eindrücke in eine ergiebige Sozial- und Milieustudie zu geben. Er liefert uns durchaus einen realistischen Einblick, ungeschönt und unmittelbar - aber auch recht unoriginell. Denn ohne konkrete Vergleiche ziehen zu wollen, sind uns viele Elemente vom Setting bis zur Figurenzeichnung extrem vertraut. Und so suchen wir vergeblich nach einem frischen Ansatz, der etwas Eigenes, Unverbrauchtes hat. Natürlich kann sich so ein Alleinstellungsmerkmal in den kommenden Episoden noch herauskristallisieren, etwa durch exzellente Dialogarbeit. Der Pilotfolge zu dem Crime-Drama mangelt es aber schlicht an dem gewissen Etwas, das mich persönlich fesseln und überzeugen kann.

Perfect couple

So sehr es auch der Realität entsprechen mag, einige Aspekte von Justice fühlen sich leider doch recht unnatürlich und aufgesetzt an. Das junge Pärchen, das immer tiefer in die Drogensucht rutscht, die lateinamerikanische Familie, die sich in die Gesellschaft integrieren will und ihrem spezifischen Milieu letztlich doch nicht entrinnen kann... Wir alle kennen diese Szenarien aus dem fiktiven Unterhaltungsbereich nur zu gut, und dass Ridley die Exposition seiner Figuren doch recht platt vorantreibt, hilft nicht wirklich, um uns an sie und ihre persönlichen Dilemmata heranzuführen.

Irgendwie gehen „American Crime“ zu oft die Nuancen und subtilen Momentaufnahmen verloren, irgendwie fühlt sich das Format trotz aller Ambitionen und thematischer Komplexität doch recht fad und generisch an. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass sich Ridley zu viel vorgenommen hat und in seiner Pilotfolge inhaltlich über die Stränge schlägt. Ich kann nachvollziehen, dass er all seine Hauptfiguren einführen und die Verbindungen zwischen ihnen etablieren möchte. Dennoch erscheint es mir bisweilen, als wäre die Handlung zu unfokussiert und sprunghaft - oder einfach zu ambitioniert.

Elvis Nolasco und Caitlin Gerard als Drogenpaar Carter und Aubry in %26bdquo;American Crime%26ldquo;. © ABC
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Trying to help

Dabei finde ich es durchaus interessant, dass in der Pilotepisode von „American Crime“ nicht einem Plot, sondern einzelnen Figuren gefolgt wird, dass man als Zuschauer die verschiedenen Puzzleteile richtig anordnen muss, um sich so ein Bild von der Ausgangslage zu schaffen. Da aber ohne zentrales Momentum ein treibendes Element fehlt, plätschern viele Szenen nur so vor sich hin, ohne dass deutlich wird, worauf „American Crime“ eigentlich hinaus will.

Diese Kritik hört sich natürlich recht harsch an und ich könnte mir vorstellen, dass sie im Zuge der folgenden Episoden etwas relativiert werden kann, da die Handlung an Fahrt aufnehmen und man so etwas Greifbares serviert bekommen könnte. Dennoch ändert es nichts daran, dass die Behäbigkeit der Handlung eine entscheidende Schwäche der Auftaktfolge von „American Crime“ ist.

Not giving a damn

Diesem Problem versucht Ridley durch ein paar einschneidende Charaktermomente entgegenzuwirken, in denen die Darsteller mitunter keine schlechte Arbeit abliefern, im nächsten Moment jedoch etwas zu krass aufspielen. Die Darbietungen von Timothy Hutton und Felicity Huffman grenzen teilweise an unpassendes Overacting. Später in der Episode haben die beiden jedoch eine gemeinsame Szene, in der das dramatische Potential zwischen ihren Figuren erkennbar wird und sich endlich mal eine natürliche, authentische Interaktion ergibt. Das Ensemble hat durchaus einige interessante Gesichter zu bieten, so richtig kommt aber noch keiner aus dem Cast zur Entfaltung. Am ehesten vielleicht noch Hutton oder Benito Martinez, der den Vater des Jungen spielt, dem die Mittäterschaft an den Mord vorgeworfen wird.

Die restlichen Darsteller gehen leider als namenlose Non-Charaktere unter. Ihre Lebenslagen sind zwar im Grunde genommen nachvollziehbar, doch sie hinterlassen keinen nachhaltigen Eindruck, weil sie höchst nebensächlich behandelt werden. Ridley geht es hier mehr um das Drumherum seiner Figuren, als ihnen Zeit einzuräumen, sich richtig vorzustellen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Auf der technischen Seite gestaltet sich „American Dream“ gerade zu Beginn noch recht ansehnlich, vor allem dank ein paar stimmungsvoller Aufnahmen der urbanen Szenerie der Stadt. Dann lässt sich Ridley, der hier auch die Regie übernommen hat, aber zu einigen wilden Schnitten hinreißen, die eher irritieren als dass sie der Narration zuträglich sind. Der Sinn hinter den teils extrem ruckartigen Aufnahmen erschließt sich mir nicht.

Timothy Hutton als Russ Skokie in %26bdquo;American Crime%26ldquo;. © ABC
Timothy Hutton als Russ Skokie in %26bdquo;American Crime%26ldquo;. © ABC

Fazit

Generell hätte es mir wesentlich besser gefallen, Ridley hätte uns anhand eines konkreten Handlungsstrangs in das komplexe Thema hineingeführt, das er zum zentralen Element seiner Serie machen will, und nicht umgekehrt. So geht nämlich reichlich Spannung flöten, auch wenn ich zugeben muss, dass am Ende einige Fäden rechten ordentlich zusammenlaufen und die Gesamtheit aller Verknüpfungen zwischen den Figuren, deren Hintergründe und die sich entspinnende Mordermittlung Erwartungen an künftigende Episoden weckt. Im Großen und Ganzen passiert in der Auftaktepisode von „American Crime“ jedoch nicht viel.

Für meinen Geschmack reicht dies leider nicht aus, so sehr ich auch anerkennen kann, dass einiges an Potential in der Geschichte steckt. Etwas Zurückhaltung von Seiten John Ridleys wäre vielleicht gar nicht so verkehrt gewesen, dazu eine etwas zielgerichtetere sowie aussagekräftigere Erzählung - und schon hätte ich etwas mehr mit „American Crime“ anfangen können. So bleibt es am Ende bei dem ursprünglichen, generischen und recht nichtssagenden Pitch Ridleys, mit dem er seine Serie verkauft hat: eine Geschichte über Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und Geschlecht, verschiedene Ethnien in einer Klassengesellschaft und Kriminalität in den USA. In der Pilotepisode ist diese klappentextartige Grundprämisse jedoch gerade aus dramaturgischer Sicht alles andere als befriedigend.

In Deutschland startet die Serie Justice am 16. März um 21.50 Uhr bei 13th Street.

Deutscher Serientrailer zum Drama „American Crime“:

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