Altes Geld 1x08

Altes Geld 1x08

Mit Altes Geld liefert David Schalko nach Braunschlag nicht nur den zweiten Teil seiner geplanten Serientrilogie, sondern auch ein erzÀhlerisches Meisterwerk, das wesentlich mehr als eine einfache Kapitalismussatire darstellt.

Die Familie Rauchensteiner in „Altes Geld“ / (c) ORF (Montage: SJ)
Die Familie Rauchensteiner in „Altes Geld“ / (c) ORF (Montage: SJ)

Es gibt ein Land, in dem produziert das öffentlich-rechtliche Fernsehen deutschsprachige Serien, die an QualitĂ€t locker mit den Kritikerlieblingen der Vereinigten Staaten mithalten können. Dieses Land ist Österreich, der Sender ist der ORF und er prĂ€sentiert uns mit Altes Geld nach Braunschlag ein weiteres serielles Meisterwerk aus der Hand David Schalkos, dessen achtteilige Familiensaga mehr bietet als die weite Serienlandschaft. Nachdem ich bereits anhand der Serie um ein ländlich inszeniertes Marienwunder deutlich machte, dass es vonnöten sei, meinen Heimatbegriff auf den deutschsprachigen Raum auszuweiten, bestĂ€tigt die zweite Serie Schalkos diesen Eindruck noch weiter.

Eine Familie voller Arschlöcher - die Rauchensteiner

Im Zentrum von Altes Geld steht die schwerreiche Familie Rauchensteiner, deren Familienoberhaupt Rolf (wundervoll weltfremd: Udo Kier) die Diagnose seines Hausarztes Dr. Schober (Cornelius Obonya) erhÀlt, dass seine Leber nun zwei Hepatitisarten zu vertragen habe und deshalb nicht mehr lange aushalten werde. Der bei seiner gesamten Familie verhasste Patriarch setzt daraufhin alle Hebel in Bewegung, um am Leben zu bleiben und bringt damit so manchen Stein ins Rollen, der alle beteiligten Charaktere nachhaltig verÀndert.

„Altes Geld“, „Blicke“:

Zu dieser Familie gehören Rolfs zweite Frau Liane (Sunnyi Melles), ihr Stiefsohn und gleichzeitige AffĂ€re Zeno (Nicholas Ofczarek) sowie der politisch engagierte, von der Familie distanzierte Jakob (Manuel Rubey) und dessen depressive, unterkĂŒhlte Schwester Jana (Nora von Waldstätten), mit welcher er zudem ein inzestuöses VerhĂ€ltnis pflegt. Da jedoch die Machthabenden ihr Umfeld wie die Schmeißfliegen anziehen, fĂ€chert sich die Charakterzahl wĂ€hrend der acht Episoden immer weiter auf. Dass Schalko es dabei schafft, jedem dieser Charaktere gerecht zu werden und keinen von ihnen in Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen, scheint ihm ein Leichtes zu sein.

So können sich Freunde von Braunschlag darĂŒber freuen, dass der Großteil von Altes Geld aus alten Bekannten besteht. Ob es der als passionierte und homosexuelle Leibgarde besetzte Robert Palfrader oder der den esoterisch angehauchten Unterweltboss „Kommander“ verkörpernde Johannes Krisch ist - wer bereits die absurden Charaktere aus Schalkos erster Serie mochte, kommt auch in Altes Geld nicht zu kurz.

Menschenlederhandschuh und Gazellenlöwe - Ästhetik als Lebensstil

In Braunschlag wĂ€hlte Schalko eine Ästhetik, die ihren Widerspruch aus der lĂ€ndlichen Idylle einerseits und den existentialistischen Themen der Serie andererseits erschuf. In Altes Geld bekommen wir dagegen eine Ästhetik serviert, die den Zuschauer zu jeder Zeit ihre perfekt stilisierte Inszenierung vor Augen fĂŒhrt. So trĂ€gt die von Rolf Rauchensteiner prĂ€ferierte, untermalende Pianomusik, die von dem Norweger Kyrre Kvam komponiert wurde, die gesamte Serie und hĂŒllt diese in eine Aura, die es dem Zuschauer erleichtert, gemeinsam mit den weltfremden Charakteren auf höhere Gefilde zu schweben.

Altes Geld (Original Soundtrack) - Kyrre Kvam

Doch auch die KostĂŒm- (bestes Beispiel: die aus sich heraus geradezu kybernetisch wirkende Jana) und die Einrichtungsgestaltung (wie Zenos aalglatte, rabenschwarze KĂŒche) zeigen dem Zuschauer stets auf, dass sich die Handlung der Serie in einer leicht entfernten Welt abspielt. Dies wird besonders anhand der Rolle des Assistenten Brunner verdeutlicht, der zu Beginn der Serie Privates und Berufliches zu trennen versucht und sich dabei zu einem schizophrenen Charakter entwickelt, bis er sich schließlich fĂŒr eine der beiden Seiten entscheidet. Wenn er sich nach Feierabend auf sein Fahrrad und in seine Privatkleidung wirft, wird die kĂŒnstlich-distanzierte Welt der Superreichen zur futuristisch angehauchten Dystopie.

Sunnyi Melles trĂ€nkt ihre Liane Rauchensteiner in einen Pathos; der diesem narzisstischen Charakter gerecht zu werden vermag. © ORF
Sunnyi Melles trĂ€nkt ihre Liane Rauchensteiner in einen Pathos; der diesem narzisstischen Charakter gerecht zu werden vermag. © ORF

FĂŒr die Familie Rauchensteiner scheint jedoch mehr als eine Frage des Geschmacks hinter der sie reprĂ€sentierenden Ästhetik zu stecken. Denn so wie ihr Lebensraum, ihre Kleidung und ihre Selbstgestaltung den Anschein erweckt, keinerlei weiche oder emotionale Töne zuzulassen, so sind auch ihre Charaktere gezeichnet. WĂ€hrend es Rolf dabei schafft, sich zum Ende hin durch seinen Ruhestand wieder seinen Emotionen zu widmen, so sehr klammert sich Jana weiterhin an ihre unterkĂŒhlte Lebensform.

Doch auch die Dialoggestaltung Schalkos nimmt sich dieser oberflĂ€chlichen Lebenswelt auf gekonnte Art und Weise an, was vor allem an dem Charakter Liane deutlich wird. Denn anstelle wahrer, unterdrĂŒckter Emotionen ist ihre Sprache durch leere, poetisch angehauchte WorthĂŒlsen ersetzt worden, welche theatralischer und situationsfremder nicht sein könnten. Hier zeigt die Rolle Brunner diesen Kontrast auf, als er in einer Szene, in der seine gesamte Ehe auf dem Spiel steht, im Handumdrehen die Sprache der Superreichen annimmt.

Vom Überleben des Menschen und dem Leben des Übermenschen

David Schalko schneidet dabei nicht nur Themen an, die manch einem anderen Regisseur zu gewagt oder absurd wĂ€ren, sondern auch welche, die sich - wie bereits in Braunschlag - von den Grenzen des realistischen ErzĂ€hlens abheben. Als Familie, die dabei ihr Vermögen einem Nationalsozialisten einerseits zu verdanken hat und andererseits zur HĂ€lfte jĂŒdischer Abstammung ist, wird dabei auch der Mythos des Übermenschen zu einem Leitthema, das gleichzeitig auf verschiedene Art behandelt wird.

So steckt bereits der ganzen Familie durch ihre Grundarroganz, die auf dem festen Wissen beruht, durch ihre Macht und ihr Geld mehr Möglichkeit als Normalsterbliche zu haben, dieses ÜbermenschengefĂŒhl in den Knochen, wenn auch jeder anders damit umgeht. Denn wĂ€hrend Jakob Rauchensteiner versucht, sich, so weit es geht, humanen Themen zu widmen und somit dem dĂŒsteren Schatten seiner Vorfahren zu entfliehen, seine Schwester durch erhoffte Fortpflanzung innerhalb der Familie eine gewisse Blutreinheit anstrebt, ist es vor allem Zeno, dessen Entwicklung vom erhabenen Oberarschloch zum hilfsbedĂŒrftigen Gutmenschen die grĂ¶ĂŸte Ironie darstellt.

Zeno Rauchensteiner (Nicholas Ofczarek) verspielt bei dem allnĂ€chtlichen Backgammon-Spiel des Kommanders nicht nur sein Geld. © ORF
Zeno Rauchensteiner (Nicholas Ofczarek) verspielt bei dem allnĂ€chtlichen Backgammon-Spiel des Kommanders nicht nur sein Geld. © ORF

Denn im Gegensatz zu seinen Geschwistern scheint seine Abstammung der Familie Rauchensteiner nicht hundertprozentig festzustehen, wie Rolf in einem nebensĂ€chlichen GesprĂ€ch erwĂ€hnt. Stattdessen sucht er sein GlĂŒck bei einer anderen Leitfigur, dem Kommander, der ihm Erlösung verspricht, indem er ihm durch ihre Backgammon-Partien sein Geld abnimmt und dieses fĂŒr gute Zwecke einsetzt.

Durch den Versuch, das Überleben seines Vaters zu retten, verspielt Zeno am Ende jedoch nicht nur sein Hab und Gut, sondern seinen eigenen Status als Übermenschen. Er landet zusammen mit dem undercover eingesetzen Polizisten Mario (Clemens Berndorff) in dem Versuchslabor eines dubiosen Tierarztes (Ulli Lommel), der nicht nur mit Organen handelt, sondern nebenbei auch versucht, tatsĂ€chlich einen Übermenschen zu erschaffen. Nachdem dessen junger Assistent seine Entscheidung trifft und Zeno eine Lobotomie verordnet, wird der Polizist am Ende der Serie zu einem Vogelmensch - also tatsĂ€chlich ein Mensch, der ĂŒber andere fliegen könnte.

WĂ€hrend Zeno somit durch seine neue AbhĂ€ngigkeit und Emotionslosigkeit selbst von der NĂ€chstenliebe seiner Stiefmutter abhĂ€ngig wird und daher einem aufgezwungenen Humanismus unterliegt, zeichnet sich vor allem Jakobs moralischer Weg Ă€ußerst ambivalent. So lĂ€sst er einerseits seine Freundin Kerstin (Yohanna Schwertfeger) in ihrem GefĂ€ngnis stecken oder fordert von der von ihm ĂŒberfahrenen Frau die rettende Leber ein. Andererseits reicht ihm am Ende der Serie der bisher moralisch Ă€ußerst ambitionierte GrĂŒnenpolitiker Tscheppe (Simon Schwarz) die unsichtbare Hand, was auch immer sich dahinter verbergen mag...

Mario (Clemens Berndorff) wird unfreiwillig zu mehr als einem %26bdquo;Menschen%26ldquo;. © ORF
Mario (Clemens Berndorff) wird unfreiwillig zu mehr als einem %26bdquo;Menschen%26ldquo;. © ORF

Gier, Korruption, Moral und neue Sehgewohnheiten - Der Versuch eines Fazits

Sicherlich ist es schwierig, die gesamte Themen- und Charakterbreite von Altes Geld zusammenzufassen und sich am Ende auf ein klares Fazit einzulassen, was uns David Schalko mit seinem, wenn man so will, „Familienepos“, erzĂ€hlen möchte. Und ich denke, genau darin liegt auch der besondere Reiz dieser Serie. WĂ€hrend man sich in der hiesigen Fernsehlandschaft fragt, ob es mal ein deutsches Breaking Bad oder Ähnliches geben wird, reagiert Schalko selbst auf Vergleiche in diese Richtung mit dem sicherlich auch provokanten Vermerk, dass er besser als solche Serien sein möchte.

Nun ließe sich wohl darĂŒber streiten, ob und wie sich zwei solche Formate vergleichen ließen, doch zwei Sachen werden dabei meiner Meinung nach doch Ă€ußerst deutlich. Ob in an Martial Arts angelehnte Kampfchoreografien oder dramatische Dialoge mit verstorbenen Eltern, David Schalko reizt die Spielmöglichkeiten sĂ€mlicher ErzĂ€hlgenres wesentlich weiter aus, als dass diese Serie unter einem Überbegriff zu fassen wĂ€re. Dass er es dabei schafft, Charakterwelten zwischen AuthentizitĂ€t und Überzeichnung zu erschaffen, die trotzdem in seinem Serienuniversum perfekt zueinander passen, spricht fĂŒr die QualitĂ€t.

Udo Kier sprang fĂŒr die Rolle des Rolf Rauchensteiner ein; nachdem der zuvor besetzte Gert Voss leider verstarb. © ORF
Udo Kier sprang fĂŒr die Rolle des Rolf Rauchensteiner ein; nachdem der zuvor besetzte Gert Voss leider verstarb. © ORF

So entfernt sich die Serie von sÀmtlichen einheitsmoralischen Aussagen, macht den bösen Patriarchen zum Sympathen, lÀsst den ambivalenten Nachfolger in der Schwebe hÀngen und fordert Opfer auf sÀmtlichen Seiten. Die politischen und gesellschaftlichen Themen, die dabei angeschnitten werden, bieten lediglich thematische Spielfelder, die zur Untermalung der Charaktere dienen, statt diese zu dominieren.

Am Ende von Schalkos Braunschlag bleiben vor allem die gierigen und korrupten besten Freunde, Tschach (Palfrader) und Pfeisinger, in ihrem AtommĂŒll verstahlten Dorf zurĂŒck, quasi als Großgrundgewinner der Verderbnis, welche jedoch schaurig-schön untermalt wird. Und auch am Ende von Altes Geld ist sich der Zuschauer nicht sicher, ob die Protagonisten gerade die Liebe zelebrieren oder sich schlichtweg in ihrem eigenen Narzissmus und ihrem eigenen GlĂŒcksempfinden suhlen, egal wie sich dieses erfĂŒllt.

Wer sich jetzt fragt, wo er das Ganze sehen kann, der muss zurzeit mit der DVD oder dem Filmportal Flimmit vertröstet werden, da die TV-Premiere erst im Herbst im ORF geplant ist. Ein deutscher Ausstrahlungszeitpunkt oder -sender ist noch nicht bekannt, Braunschlag lief jedoch zuletzt auf RTL Crime, also drei Jahre nach der Premiere. Was den kommenden, dritten Teil der geplanten Trilogie Schalkos zu Gier und Korruption angeht, ist noch nicht sehr viel bekannt, außer, dass diese auf einer Vorlage beruhen soll, die jedoch noch unbekannt ist.

Verfasser: Henning Harder am Sonntag, 5. Juli 2015
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Altes Geld 1x08)
Titel der Episode im Original
Schneeweisses Herz
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 27. MĂ€rz 2015 (ORF 1)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 30. MĂ€rz 2016

Schauspieler in der Episode Altes Geld 1x08

Darsteller
Rolle
Sunnyi Melles
Nicholas Ofczarek
Edita Malovcic
Manuel Rubey
Nora von WaldstÀtten
Florian Teichtmeister
Thomas Stipsits
Ursula Strauss
Robert Palfrader
Simon Schwarz
Cornelius Obonya

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