Alias Grace 1x06

© mmer mit einer männlichen Hand auf der Schulter: Sarah Gadon als Grace Marks / (c) CBC
Es ist bemerkenswert, wie relevant die beiden Margaret-Atwood-Adaptionen dieses Jahres sind. Im Frühjahr debütierte The Handmaid's Tale bei Hulu und lieferte uns eine düstere Zukunftsvision, die angesichts der furchteinflößenden politischen Umwälzungen in den USA gar nicht mehr allzu dystopisch erschien. Die Rolle der Frau als Sklavin, als beliebig nutzbares Objekt des Mannes, ist auch das zentrale Thema der kanadischen Serie Alias Grace, die anderthalb Jahrhunderte in der Vergangenheit spielt, und dennoch ähnliche Parallelen zur heutigen Zeit zulässt.
Celebrated murderess
In sechs Episoden erzählt Grace Marks (Sarah Gadon) ihre Lebensgeschichte. Es ist eine Geschichte des dauerhaften Missbrauchs: durch den Vater, durch den Hausherrn, durch Wärter und Ärzte und sonstige Quacksalber. Mit 16 Jahren wurde sie des Mordes an ihrem Arbeitgeber Thomas Kinnear (Paul Gross) und dessen schwangerer, unfreiwilliger Liebhaberin Nancy Montgomery (Anna Paquin) schuldig gesprochen. Ihr Mitangeklagter, der Knecht James McDermott (Kerr Logan), erhielt das Todesurteil, sie hingegen kam mit lebenslanger Haft davon, weil sie sich an die Tat angeblich nicht erinnern kann.
Jahre später - Grace hat Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbracht und sitzt jetzt im Gefängnis, arbeitet aber tagsüber im Haus des Gefängnisleiters - hat sich ein von Reverend Verringer (David Cronenberg) angeführtes Komitee gebildet, das sich Graces Begnadigung verschrieben hat. Hierzu wurde alienist (heute würde man ihn Psychiater nennen) Dr. Simon Jordan (Edward Holcroft) angestellt, dessen Report ausschlaggebend für eine mögliche Begnadigung ist. Und so beginnt ein intimes Kammerspiel zwischen Beobachter und Beobachteter, zwischen Befrager und Befragter.
Die Verwischung der Erinnerungen spielt dabei eine zentrale Rolle. Über den gesamten Verlauf der Miniserie bleibt unklar, ob Grace die Wahrheit spricht oder lügt oder sich einfach nur nicht richtig erinnern kann. Der eigentliche Mordfall wird so für uns Zuschauer mehrmals visuell aufbereitet, jedes Mal mit einer kleinen Veränderung, die Graces verschobener Erinnerung geschuldet ist. Bis zum Schluss gibt es keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob sie eine Rolle beim Mord an Kinnear und Nancy gespielt hat. Wer also ein murder mystery mit Auflösung erwartet, wird bitter enttäuscht.

Aber darum geht es in der Serie auch nicht vorrangig. Vielmehr erzählt sie vom Horror dieser singulären Existenz und davon, wie sie es geschafft hat, all die Leiden zu überdauern, um am Ende zufrieden auf der eigenen Farm zu stehen, jeden Tag auf das friedliche Bild blicken zu können, das sich vor ihr ergibt, und den Laden ganz alleine zusammenzuhalten, ohne Haushaltshilfen, die - wie sie - furchtbar ausgenutzt werden könnten. Verheiratet ist sie nun doch mit Jamie Walsh (Stephen Joffe), dem Jungen, der schon um ihre Hand angehalten hatte, als sie noch keine celebrated murderess war.
The things others have done to you
Aber auch ihn, dessen Aussage maßgeblich dafür verantwortlich war, dass sie einst verurteilt wurde, umweht eine leicht bedrohliche Aura. Ständig will er von Grace hören, was ihr alles angetan wurde. Sie erinnert das an ihre Zeit mit Dr. Jordan, der zunächst als liberal eingestellter Intellektueller daherkommt, im Laufe der Serie aber immer deutlicher offenbart, dass auch er Teil des Patriarchats ist. Er ist zwar betroffen von alldem, was Grace ihm berichtet, würde die Wurzel solcher Ungerechtigkeiten aber niemals selbst erkennen, geschweige denn beseitigen. Am Ende blickt er Grace genauso lüstern an wie alle anderen Männer in ihrem Leben.
Und genau darum geht es im Kern von Alias Grace: die nahezu undurchdringliche Macht, die Männer über Frauen haben. Für Grace ist diese Macht stets präsent, auch wenn die Männer es gerade nicht sind, zum Beispiel im Bett: „There are many dangerous things that need take place on a bed.“ Das Bett als Ort des Schreckens ist eine gute Analogie für Graces Leben: Wo eigentlich Ruhe und Entspannung warten sollen, sieht sie nur Horror, Angst und Tod. Da ist es natürlich kein Zufall, dass ihre beste Freundin Mary Whitney (Rebecca Liddiard), vielleicht der einzige positive Einfluss in ihrem Leben, genau dort stirbt.
Die große Tragödie von Graces Geschichte ist neben der dauernden Konfrontation mit männlichem Anspruchsdenken die daraus resultierende Feindschaft zu Nancy. Als sie sich kennenlernten, waren sie noch freundlich zueinander. Weil sie von Thomas Kinnear aber wie austauschbare Bettgespielinnen behandelt wurden, mussten sie sich zwangsläufig gegeneinander wenden. Ihr Hass aufeinander speist sich alleine aus dem, was ihnen seitens Kinnear widerfahren ist. Ein besonders düsteres Fazit ist es also, dass der aggressive Sexismus in dieser Welt - der bis heute Bestand hat - aus Grace selbst eine aggressive Sexistin gemacht hat.

Ihre Aussagen lassen das nie explizit erkennen, aber wir wissen ja auch nicht, wann sie die Wahrheit spricht. Genau das ist das Faszinierende an dieser Serie. Grace ist gleichzeitig verletzlich und stark. Sie ist Gefangene, Gefolterte, Vergewaltigte, aber ihr Fall löst eine solch große Faszination aus, dass sie daraus Kraft ziehen kann. Ihr größter Trumpf, und das erkennt sie wohl schnell, ist die Macht des Wortes. Dr. Jordan hängt an ihren Lippen, als würden dort in der nächsten Sekunde die Antworten auf sämtliche Fragen der Menschheit entspringen.
Nerves like flint
Als er seine Untersuchung desillusioniert und ergebnislos abgeschlossen hat, berichtet er vom eigenen schwachen Nervenkostüm, zieht in den amerikanischen Bürgerkrieg und kehrt in katatonischem Zustand wieder zurück. Auf nichts reagiert er, außer auf den letzten Brief von Grace, und das nur mit ihrem gestotterten Namen. Sie hatte ihn von Beginn an in der Hand, was uns Zuschauern durch Gadons brillantes Schauspiel verdeutlicht wird, gegenüber dem sämtliche andere Darsteller nur schlechter abschneiden können. Sie nimmt alles für sich ein, wechselt spielend die Rollen, das Alter, die Zeit.
Vorteilhaft ist natürlich, dass sie mit einem solch starken Drehbuch von Sarah Polley arbeitet, deren jahrelanger Herzenswunsch mit dieser Adaption in Erfüllung ging. Sie bleibt stets nahe am Ausgangsmaterial, was angesichts dessen Brillanz verständlich ist. Hier eine Kostprobe von Grace, die gegenüber Dr. Jordan beschreibt, wie es sich anfühlt, mit ihm zu sprechen: „... A feeling of being torn open; not like a body of flesh, it is not painful as such, but like a peach; and not even torn open, but too ripe and splitting open of its own accord. And inside the peach... there's a stone.“
Das Dreamteam um Polley und Gadon wird von Regisseurin Mary Harron („American Psycho“) komplettiert. Sie verzichtet auf eine ausgefallene Kameraarbeit und konzentriert sich lieber darauf, Gadons Ausnahmetalent entfalten zu lassen. Selbst in Szenen wie der Hypnose im Finale setzt sie keine zusätzlichen spannungsfördernden Elemente ein, sondern lässt Gadon einfach machen. Großen Wert legt sie indes auf das hervorragend gelungene Sounddesign, das in Grace' unterschiedlichen Erinnerungen auch unterschiedlich ausgearbeitet ist. Außerdem gilt ihre Konzentration der peinigenden täglichen Arbeit, die Grace und ihre Leidensgenossinnen zu verrichten haben.
So wird aus Alias Grace eine ruhige, atmosphärisch dichte und poetische Geschichte über das Geschichtenerzählen, die angesichts jüngster Ereignisse um Weinstein oder Trump große Relevanz hat. Eigentlich hat sie aber zu jeder Zeit Relevanz, denn gerade ist einfach nur zufällig die Zeit, in der solche Verbrechen an die Öffentlichkeit gebracht werden. Begangen wurden sie schon immer: vor zweihundert Jahren, gestern, heute und wahrscheinlich auch morgen.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 11. November 2017(Alias Grace 1x06)
Schauspieler in der Episode Alias Grace 1x06
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