Alias Grace 1x01

Alias Grace 1x01

Besonders viel passiert nicht in der Pilotepisode von Alias Grace. Statt auf Schauwerte konzentriert sich Autorin Sarah Polley darauf, die klangvolle Poesie des Romans von Margaret Atwood ins Fernsehen zu übersetzen. Dank einer hervorragenden Hauptdarstellerin gelingt das.

Grace Marks (Sarah Gadon) hat im Gefängnis viel Zeit zum Nachdenken. / (c) CBC
Grace Marks (Sarah Gadon) hat im Gefängnis viel Zeit zum Nachdenken. / (c) CBC
© race Marks (Sarah Gadon) hat im Gefängnis viel Zeit zum Nachdenken. / (c) CBC

2017 könnte zum großen Margaret-Atwood-Serienjahr werden. Nicht nur ist beim amerikanischen Streamingdienst Hulu die emmyprämierte Dystopie The Handmaid's Tale zu sehen (die übrigens Anfang Oktober nach Deutschland kommt), beim kanadischen Sender CBC ist nun auch die historische Dramaserie Alias Grace gestartet, die ebenfalls auf einem Roman der Autorin beruht. Schon ab Anfang November wird dieses Format in Deutschland bei Netflix zu sehen sein. Die Pilotepisode verspricht eine ähnliche Qualität wie „Handmaid's“.

Some call it love, others despair

Schaut letztgenannte Serie in eine düstere Zukunft, blickt „Alias Grace“ in eine nicht minder düstere Vergangenheit. Im Zentrum der Geschichte steht Grace Marks (Sarah Gadon), eine verurteilte Mörderin, die im Jahre 1859 bereits seit 15 Jahren eine lebenslange Haftstrafe absitzt. Sie wurde wegen zweifachen Mordes zu dieser Strafe verdammt, wobei wir erst im Laufe der Episode erfahren, wen sie überhaupt umgebracht haben soll. An ihrer Schuld gibt es seit jeher Zweifel, weil sich ihre Aussagen und die ihres angeblichen Mittäters McDermott (Kerr Logan) dauernd änderten und widersprachen.

Diese Zweifel sind in den Augen mancher Prozessbeobachter so berechtigt, dass sich ein Committee to Pardon Grace Marks gebildet hat. Andernorts wird sie gar als „gefeierte Mörderin“ betrachtet. Für ihre Haftbedingungen ist das von Vorteil: Im Haus des Gouverneurs wird sie als Haushälterin angestellt, eigentlich wollen dessen Ehefrau und ihre Freundinnen sie aber begaffen, weil sie glauben, sie verfüge über übernatürliche Kräfte. Bis es jedoch so weit kam, hatte sie eine harte Leidenszeit hinter sich, inklusive phrenologischer Untersuchungen und Aufenthalten in der Irrenanstalt.

All dies wird uns via Rückblende erzählt, der Voice-over-Anteil ist hoch. Angestoßen wird dieses Eintauchen in schmerzliche Erinnerungen durch Dr. Simon Jordan (Edward Holcroft), der im Auftrag des besagten Kommitees den Fall noch einmal aufrollen soll. Er kann mittlerweile nur noch Grace befragen - McDermott wurde nach seinem Schuldspruch hingerichtet. An Grace hingegen sollte ein Exempel statuiert werden, sie ist in den Augen der Justiz ein abschreckenderes Beispiel, wenn sie ihr restliches Leben in einer Zelle verbringt.

Dr. Jordan (Edward Holcroft) versucht, die Wahrheit herauszufinden.
Dr. Jordan (Edward Holcroft) versucht, die Wahrheit herauszufinden. - © CBC

Drehbuchautorin Sarah Polley (Regisseurin solch exzellenter Filme wie „Take This Waltz“ oder „Stories We Tell“) hebt sich die dramaturgische Stringenz für den zweiten Teil der Auftaktepisode auf. Den ersten spickt sie mit wechselnden Zeitebenen, Symbolen, Metaphern und der hinreißenden Atwood'schen Sprache, die von Hauptdarstellerin Gadon exquisit vorgetragen wird. Dass dem so sein würde, deutet bereits die allererste Einstellung an, in der ein Emily-Dickinson-Gedicht zitiert wird, woraufhin sich Grace im Spiegel betrachtet und philosophische Überlegungen über sich und ihr Bild in der Öffentlichkeit anstellt.

How can I be all these different things at once?

Das Philosophieren hört damit nicht auf. Gegenstände solcher Betrachtungen sind hernach unter anderem ein Apfel, eine Rübe und eine Tagesdecke. Aus all ihren Äußerungen lässt sich schnell schließen, dass hier eine äußerst aufgeweckte und intelligente junge Frau spricht, die sehr viel Zeit zum Nachdenken hatte. Dr. Jordan fühlt sich davon, zumindest lässt das seine Mimik vermuten, ebenso eingeschüchtert wie hingezogen. Die Geschichte basiert im Übrigen auf einem echten Fall - wer jetzt schon wissen will, wie das Ganze ausgeht, kann das also ganz einfach nachlesen.

Die Serienstory indes widmet sich in der Pilotepisode größtenteils der Vergangenheit. Grace und ihre Familie - gewalttätiger Vater, Mutter und vier Geschwister - kamen per Segelschiff von Irland nach Kanada. Die furchtbare achtwöchige Überfahrt, von Regisseurin Mary Harron ohne falsche Zurückhaltung eingefangen, wird von der Mutter nicht überlebt. Vom Vater wird Grace hernach zum Geldverdienen fortgeschickt. Bei ihrer ersten Anstellung lernt sie Mary Whitney (Rebecca Liddiard) kennen, die bald zu ihrer besten Freundin avancieren soll und uns zu diesem Zeitpunkt bereits durch mehrere Rückblenden bekannt ist.

Die Serie ergreift zu keinem Zeitpunkt Partei für Grace. Geschickt lässt Polley ihre Hauptfigur über die eigenen Mordgelüste sinnieren, ohne dabei einen allzu eindeutigen Verdacht aufkommen zu lassen. Dieses Aufhalten im Reich der Unsicherheit, das vor allem auch durch die Verwässerung von Erinnerungen zustande kommt, könnte anderen Serien zum Nachteil gereichen, macht hier jedoch einen Großteil der Faszination aus. Hilfreich dabei ist nicht nur die Romanvorlage von Atwood, die als Supervising Producer auftritt, sondern auch die Ausstrahlung von Sarah Gadon.

Mein einziger Kritikpunkt ist die wenig anspruchsvolle visuelle Umsetzung. Dies liegt sicherlich am Budget, aber bei gerade einmal sechs Episoden hätte man gerne tiefer in die Tasche greifen dürfen. Qualitativ wäre das der Sprung gewesen, um mit The Handmaid's Tale mithalten zu können. Aber auch so haben sich CBC und Netflix ein sehr ordentliches neues Format ins Programm geholt.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 27. September 2017

Alias Grace 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Alias Grace 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Teil 1
Titel der Episode im Original
Part 1
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Montag, 25. September 2017 (CBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 3. November 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 3. November 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 3. November 2017
Regisseur
Mary Harron

Schauspieler in der Episode Alias Grace 1x01

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