Agatha All Along 1x01

© Disney+
Beim Streamingdienst Disney+ hat man unter Ex-CEO Bob Chapek vielleicht etwas zu sehr ĂŒber das Ziel hinaus geschossen, was den angepeilten TV-Output angeht. So wĂ€ren einige Marvel-Projekte durchgewunken worden, die zu einer ĂbersĂ€ttigung gefĂŒhrt hĂ€tten - in einer Zeit, in der einige Fans unzufrieden mit der QualitĂ€t bei den Marvel Studios sind. Die Konsequenz: Der Film- und Serienoutput von Marvel soll wieder reduziert werden. Frei nach dem Motto: Lieber Klasse statt Masse. Begeistert waren viele Zuschauer hingegen von der ersten MCU-Serie von Disney+: WandaVision, die wir bei Serienjunkies.de mit Episodenkritiken begleitet hatten.
Genau in dieser Serie haben wir Agnes aka Agatha Harkness (Kathryn Hahn) kennengelernt, die sich als big bad entpuppte und von Wanda (Elizabeth Olsen) in der Folge besiegt sowie verbannt wurde.
Dann kam „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (hier die Filmkritik zum „Dr.-Strange“-Sequel) - und Wanda wurde plötzlich selbst zur Schurkin, die offenbar am Ende des Films umkam. In „Agatha All Along“ wird nun nĂ€mlich der Zauber auf die frĂŒhere Besitzerin des Darkhold aufgehoben, dennoch steht sie anfangs ohne ihre Magie da.
Vorab wurden von der neuen Serie vier von neun Episoden zur VerfĂŒgung gestellt, wobei wir uns hier mit detaillierten Spoilern zu den spĂ€teren Folgen zurĂŒckhalten möchten. Zum Start gibt es daher zwei und auch zum Finale an Halloween werden zwei online gestellt. Wie ist also der Ersteindruck der magischen Marvel-Produktion?
âTrue Detectiveâ - Marvel Edition in der Serie âAgatha All Alongâ?
WĂ€hrend „WandaVision“ einst als groĂe und liebevolle Hommage an Sitcoms vergangener Jahrzehnte begann und dieses Gimmick auch einige Folgen fantastisch durchgezogen hatte, bedienen sich die Macher bei Agathas Soloserie eines Ă€hnlichen Kniffs, der auch auf Hahns eigene Vergangenheit anspielt. Immerhin mischte sie einst krĂ€ftig im Pathologen-Procedural Crossing Jordan mit...
Die Referenz in „Agatha All Along“ sind aber wahrscheinlich nicht die Network-Produktionen, sondern die True Detectives da drauĂen, die es nicht nur bei HBO, sondern auch bei FX, Hulu und zahlreichen anderen Kabelsendern und Streamingdiensten gibt. Eine miesgelaunte Ermittlerin mit tragischer Vergangenheit, die in einem dĂŒsteren Mordfall (Wanda!) ermittelt. Das wird dann gute 20 bis 25 Minuten durchgezogen, ehe man zum Kern der Sache kommt.
Denn die mysteriöse Figur von Joe Locke (Heartstopper), deren Namen und Hintergrundgeschichte durch einen Zauber geschĂŒtzt wird, scheint den Bann gebrochen zu haben. Doch auch Rio (Aubrey Plaza; (Legion, The White Lotus, Parks and Recreation), die eine illustre Vergangenheit mit Agatha hat, die Jahrhunderte zurĂŒckreicht, will Rache und ihr an den Kragen. Und damit noch immer nicht genug: Auch die ebenfalls mysteriösen Salem's Seven wollen die krĂ€ftelose Hexe attackieren, wenn sich schon endlich mal wieder die Gelegenheit dazu ergibt...
Ebenso gibt es andere alte Bekannte aus „WandaVision“, darunter Emma Caulfield als Dottie und Debra Jo Rupp (That '70s Show) aka Mrs. Hart. Der Mordfall, dessen Ermittlung wir bezeugen, findet nĂ€mlich in Westfield statt - oder das ist zumindest das, was uns hier weisgemacht wird, denn in der Hexenwelt ist nur wenig so, wie es scheint.
Neben Hahn, Plaza, Rupp und Locke spielen Broadway-Legende Patti LuPune als Lilia, Sasheer Zamata (Home Economics) als Jen K und Ali Ahn (Raising Dion) als Alice jeweils gröĂere Rollen, die allesamt aus spezifischem Grund ausgewĂ€hlt wurden. Zum Beispiel deshalb, weil sie alle etwas benötigen, was Agatha ihnen geben könnte... Mal ist das Geld, mal ist es Macht oder Anerkennung von Verwandten und Verstorbenen oder mal etwas, was erst im Verlauf der Handlung klarwird.
Down, down, down we go - down the witches road
Die eigentliche PrĂ€misse wird dann in der zweiten Folge genauer erklĂ€rt, denn Agatha möchte - zum zweiten Mal in ihrer Hexenlaufbahn - ein Ritual durchmachen. Sie will auf den „Witches Road“ wandeln, um ihre KrĂ€fte zurĂŒckzuerlangen, doch dazu braucht es ein Coven, also einen Hexenzirkel mit spezifischen FĂ€higkeiten, die jedoch erst rekrutiert werden mĂŒssen. Da Agatha nicht zu den beliebtesten Hexen gehört, muss sie ihren âCharmeâ spielen lassen oder die Kandidaturen mit Versprechungen manipulieren, was ihr nicht schwer fĂ€llt, mit KrĂ€ften aber sicherlich einfach wĂ€re.
Ăhnlich wie bei einigen anderen Marvel- oder „Star-Wars“-Serien von Disney+ haben wir es hier mit etwa 35 bis 40 MinĂŒtern (oder noch kĂŒrzer) zu tun. Dabei gibt es nach dem Versammeln des Coven offenbar in jeder Folge eine neue magische Herausforderung, die gemeinsam gemeistert werden soll. Die egoistische Agatha muss sich also auf andere verlassen und bestenfalls auch selbst etwas zurĂŒckgeben, um ihr Ziel zu erreichen. Auch wenn irgendwann klarwird, dass die Reise lebensgefĂ€hrlich fĂŒr die meisten sein dĂŒrfte...
Was in den zur VerfĂŒgung gestellten Episoden gezeigt wird, ist eine Aufgabe mit „Real-Housewives“-Vibes und ein musikalisches Intermezzo in die 1970er. Das lĂ€sst die Figuren natĂŒrlich in verschiedenen Situationen aufeinanderprallen und sorgt fĂŒr Unterhaltung. Sofern man am weiteren Schicksal von Agatha interessiert ist.
Sympathie fĂŒr eine Teuflin namens Agatha?

Agatha ist tendenziell eine Schurkin, die wahnsinnig gut im Verstellen ist, fast wie ein ChamĂ€leon. Denn, wenn sie etwas möchte, biegt sie sich alles so zurecht, wie sie es braucht. Was mit KrĂ€ften natĂŒrlich ein Klacks ist, ohne jedoch viel mehr MĂŒhe und Manipulation erfordert... Das wissen auch die Figuren, die sich mit ihr auf die Reise machen. Doch kann und sollte man ihr Vertrauen oder wird sie einem bei der erstbesten Gelegenheit in den RĂŒcken fallen? Oder war sie vielleicht sogar mal ein guter Mensch und irgendwas ist vorgefallen, was sie so grundlegend verĂ€ndert hat? Wenn nicht hier, wo denn dann gibt es die Zeit, das zu erforschen?
Allerdings sind die Dialoge und One-Liner fĂŒr Hahn so teuflisch gut geschrieben und stellenweise so bissig, dass es schwierig ist, sie nicht abzufeiern. Dazu kommt eine wunderbare Dynamik mit den restlichen Figuren und viele Chemie vor allem mit Plaza, die es zu einem groĂen SpaĂ macht zuzuschauen, besonders in den ersten beiden Episoden. In Folge drei und vier gibt es auch noch einige gute Elemente, dort ĂŒbernimmt dann aber der Quest-Modus und die Resultate sind vielleicht nicht immer ganz so stark wie im starken Einstieg.
Comic-Adaptionen mit Schurkenfokus sind inzwischen natĂŒrlich gar nicht mehr so selten. Ob nun Legion, „Joker“, Gotham oder The Penguin und bald auch „Thunderbolts“. Es stellt sich nur die Frage, inwiefern diese Figuren einen Arc oder eine Entwicklung durchmachen (sollen). Immer wieder merkt man zwar auch das Gute in Agatha, aber eben auch die fiese Seite, die unbedingt die alte Macht wiederhaben möchte, wenn es ihr mal nicht schnell genug geht. Unklar ist vielleicht auch, was sie machen wĂŒrde, wenn Sie ihr Ziel erreicht hat - aber das könnte eine „Der-Weg-ist-das-Ziel“-Geschichte sein, bei der man dann dranbleiben muss, um das zu erfahren. Oder eben, ob sie das Machtvakuum durch Wanda neu und anders ausfĂŒllen möchte, bestenfalls vielleicht sogar mit ihrem magischen Zirkel.
FĂŒr wen ist die Serie âAgatha All Alongâ etwas?

Die ersten vier Folgen machen, Ă€hnlich wie She-Hulk, einen fantasygefĂ€rbten Procedural-Eindruck mit einer „Aufgabe der Woche oder Folge“, was aber gar nicht schlimm ist, weil so ein Ansatz im Wochentakt durchaus unterhaltsam sein kann. Eben genau so, wie es frĂŒher vor der Streamingdominanz im Serienbereich war. Man erkennt dabei auch schon die dramatische Eskalation, die wahrscheinlich nicht ohne Opfer verlaufen wird, denn Agatha weiĂ bereits von frĂŒher, welche Herausforderungen der Hexenpfad so mit sich bringt. Auch Rio, die eigentlich nicht zu ihrem ausgewĂ€hlten Kreis gehört, bringt offenbar einige Erfahrung mit und stellt so eine weitere Verkomplizierung fĂŒr Agathas PlĂ€ne dar.
Angedeutet wird auĂerdem eine tragische backstory rund um Agathas Familie, die man so vielleicht durch „WandaVision“ nicht auf dem Schirm hatte, die aber einige der dortigen Aspekte in ein neues Licht rĂŒcken kann... FĂŒr mich am spannendsten ist wahrscheinlich die Frage um die IdentitĂ€t des mĂ€nnlichen namenlosen Zauberers, der das Internet wohl wieder in den Analyse- und Spekulationsoverdrive schicken wird.
Wie viel Musical steckt in der Serie âAgatha All Alongâ?
Was im Voraus etwas ĂŒbertrieben wurde, ist wahrscheinlich die Musicalkomponente der Serie, wobei vor allem Patti LuPune den Eindruck in einem kurzen Interviewstatement erweckt hatte, dass hier dauernd gesungen wird. Ja, es gibt ein paar Songs, auch beispielsweise direkt im Auftakt ein Fake-TV-Intro, doch oftmals ist es eher ein Remix eines bestimmten Songs, der in den ersten vier Folgen angestimmt wird - und dann auch nicht unbedingt in jeder Folge... Wer solche Serien also wegen Musicalangst meidet, muss sich dahingehend keine Sorgen machen. Dennoch ist dieses Coven durchaus musikalisch...
Fazit

Ich liebe Kathryn Hahn als Agatha, aber als die erste AnkĂŒndigung zu einem Spin-off kam, war ich mir nicht sicher, ob das nun unbedingt nötig ist. Doch manchmal irrt man sich gerne: „Agatha All Along“ ist jedenfalls eine nette ErgĂ€nzung zu „WandaVision“ und klĂ€rt offene Fragen, die dort und in „Multiverse of Madness“ offenblieben, stellt aber auch einige neue.
Die magische Ecke des Marvel-Universums wird noch einmal erweitert und der Cast trumpft mit viel Spielfreude auf dem Hexenpfad auf und erhÀlt jeweils auch ordentlich Screentime bei den Aufgaben.
Gerade also Fans von Agatha und ihrer Rolle sollten einen Blick riskieren. Ganz die subversive GenialitĂ€t von „WandaVision“ sollte man allerdings wohl nicht erwarten, denn es geht doch etwas konventioneller, aber dennoch voller Anspielungen an die Hexen der Popkultur zu - was aber auch völlig okay fĂŒr den Stoff ist. Daher vergeben wir vier Hexen-ZaubergesĂ€nge fĂŒr die ersten vier Folgen.
Verfasser: Adam Arndt am Donnerstag, 19. September 2024Agatha All Along 1x01 Trailer
(Agatha All Along 1x01)
Schauspieler in der Episode Agatha All Along 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?