A Small Light 1x01

© Nat Geo/Disney+
Das passiert
Wir schreiben den 6. Juli 1942. Die Niederlande sind seit zwei Jahren von Nazi-Deutschland besetzt und die Deportationen der jüdischen Bevölkerung haben begonnen. Um seine älteste Tochter Margot davor zu bewahren, sich beim deutschen Arbeitsdienst zu melden und verschleppt zu werden, beschließt der jüdische Unternehmer Otto Frank, sich mit seiner Familie in einem wenig bekannten Hinterhaus seiner Firma in der Prinsengracht 263 zu verstecken. Mit einem Trick gelingt es der Familienfreundin der Franks, Miep Gies, Ottos Tochter Margot an den strengen Sicherheitskontrollen vorbeizuschleusen und zum Unterschlupf zu bringen, der bald als letzte Zuflucht für acht Menschen dienen wird. Von nun an versorgen vier Helferinnen und Helfer die Flüchtlinge.
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Der 15. Mai 1940
Nur fünf Tage dauerte es, bis die deutsche Wehrmacht die aus lediglich neun Divisionen bestehende niederländische Armee im Zweiten Weltkrieg zur Kapitulation zwang. Der Überfall auf das neutrale Land markierte den Beginn des Leidensweges einer der berühmtesten Persönlichkeiten der Welt: Anne Frank. Der Name des Mädchens, die nur 15-jährig im KZ-Bergenbelsen ermordet wurde und ein erschütterndes Zeitdokument in Form ihres Tagebuchs hinterließ, ist heute untrennbar mit der Unmenschlichkeit des Hitler-Terrorregimes verbunden. Erzählt wurde die Geschichte des jüdischen Mädchens und ihrer Familie in Film und TV schon oft, die bekannteste Version dürfte wohl das eindrückliche dreistündige Drama „The Diary of Anne Frank“ („Das Tagebuch der Anne Frank“) von George Stevens von 1959 sein. Doch auch A Small Light könnte sich durchaus in die Reihe der Must-See-Adaptionen einreihen.
Der 6. Juli 1942
Die Geschichte beginnt mit einem Blick in die Ist-Zeit der Serie, genauer gesagt dem 6. Juli 1942. Einen Tag zuvor hat Margot Frank, Annes ruhige und zurückhaltende Schwester, den Befehl erhalten, sich zum Arbeitsdienst nach Deutschland zu melden, was ihren sicheren Tod bedeutet. Aus diesem Anlass hat sich Annes und Margots Vater Otto dazu entschlossen, einen von langer Hand vorbereiteten Plan in die Tat umzusetzen. Da die USA ihm die Einreise ins Land untersagt hat, bleibt dem deutschen Juden nur eine Option.
Seine Firma Optekta residiert in einem der alten Grachtenhäuser, die häufig über schwer zugängliche und vor neugierigen Blicken verborgene Hinterhäuser verfügen. So auch jenes Gebäude in der Prinsengracht 263, wo Frank ein circa 60 Quadratmeter großes Versteck für sich, seine Familie und die seines Angestellten van Pels vorbereitet hat. Nun steht Margot gemeinsam mit ihrer Freundin Miep Gies an einem Kontrollpunkt der Nazis, die das Land seit zwei Jahren mit harter Hand führen und restriktiv gegen Juden vorgehen. Lachend und scherzend gelingt es ihnen, den Wachmann auszutricksen, der sie mit einem lapidaren „Lasst sie durch!“ passieren lässt.
Die soeben beschriebene Szene klingt simpel, sagt aber so viel über den Ton der neuen Miniserie auf Disney+ aus. Die Serienerfinder William Harper und Joan Rater setzen mit ihrem frischen Blick auf die historisch bekannten Ereignisse auf den Schrecken, der Stechschritt und Hakenkreuz in unserem Nachbarland allein dadurch verbreitete, dass es sie dort gab. Auf Margots Jacke prangt der Judenstern, der sie verraten würde, wenn Miep nicht einen verrückten Plan hätte, der glücklicherweise funktioniert. Das Grauen der Verhaftung und Deportation ist für den Moment abgewendet, ein befreiendes Gefühl auch für das Publikum, das aber nicht lange vorhalten wird...
Rückblende: Anfang 1940
Nach diesem bedrückenden Start wendet sich Regisseurin Susanna Fogel (The Flight Attendant) in den nächsten Minuten der Vergangenheit zu. Das Produktions-Team erzählt, wie sich Miep und Otto Frank kennenlernen, wie er sie als gute Mitarbeiterin und Freundin schätzt, und wie Miep ihren späteren Mann Jan findet. In diesen Minuten schwingt eine gewisse Leichtigkeit, ja fast schon Beschwingtheit mit, die dank Bel Powleys (The Morning Show) ansprechenden Spiels aber niemals überzogen wirkt. Im Gegenteil interpretiert Powley ihre Figur als lebensfreudige, kluge, aber auch mitfühlende und mutige Frau, die das Herz am rechten Fleck trägt und ohne lang zu überlegen ihr Leben riskiert, um zu helfen. Man muss sie einfach mögen. Man lächelt mit ihr und über sie und wird ebenso mit ihr leiden. Das ist vorbildlich geschrieben.
Mit Stechschritt ins Drama
Der Ton kippt deutlich, als die Episode bei dem eingangs erwähnten schicksalhaften Datum des 15. Mai 1940 ankommt, der einige Monate nach den oben geschilderten Begebenheiten spielt. Der Blick der Kamera richtet sich auf die Stiefel der deutschen Wehrmachtssoldaten, die soeben in Amsterdam einmarschieren und im Laufe der kommenden Monate den Schrecken des Nationalsozialismus im Land verbreiten. Eine Szene zuvor unterhielten sich Miep, Jan, die Franks und die Familie Pels noch darüber, dass Hitler niemals in ein neutrales Land einmarschieren wurde, jetzt sieht sich Miep dem Unglaublichen gegenüber.
Bald darauf beginnen die Deutschen damit, die jüdische Bevölkerung zu drangsalieren und Gerüchte machen die Runde. Ein Ladenbesitzer wird auf offener Straße erschossen, weil er seinem jüdischen Kunden zur Hilfe eilte. An Türen prangen mit weißer Farbe geschmierte Bilder von Judensternen, die an einem Galgen hängen, beklemmende Bilder, die uns aus den Geschichtsbüchern bestens bekannt sind. Die Veränderung der Stimmung macht sich an vielen kleinen Momenten fest, die einfühlsam integriert sind und nicht belehren wollen. Vielmehr bemühen sich die Serienmacher, die Nazizeit detailgetreu abzubilden und mit einer Geschichte zu kombinieren, die zwar auf wahren Begebenheiten beruht, sich aber auch erlaubt, im Rahmen dramaturgischer Entscheidungen Personen und Ereignisse hinzuzuerfinden.
Insgesamt gelingt A Small Light dieses Konglomerat hervorragend, zumal eine Texttafel eingangs explizit auf die Tatsache hinweist, dass Namen und gewisse Vorkommnisse verändert oder hinzugedichtet wurden. Ein solch vorbildliches Vorgehen wird den historisch verbürgten Geschehnissen gerecht, die dramatischer und berührender ohnehin nicht sein könnten.
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Zurück zum Anfang
Die Folge endet an dem Tag, an dem sie begann. Anne und Margot radeln an jenem Wachmann vorbei und kommen sicher in der Prinsengracht an. Sie schauen sich das kleine Hinterhaus an, dass der Familie trügerische Sicherheit verspricht. Miep instruiert ihre Freundin noch, keinen Laut von sich zu geben. Der Satz „Falls du weinen musst, dann weine jetzt“ in Verbindung mit einem melancholischen Score unterstreicht die Dramatik der Szene. Dann verlässt Miep das Versteck und scheint für einen Moment unter der Last ihrer Bürde zu zerbrechen, bis Jan auftaucht und sie stolz in die Arme nimmt. Welch ein emotionales und aufwühlendes Episodenfinale, das allerdings nur schwerlich darauf vorbereiten kann, was uns noch bevorsteht...
Fazit
In einer Zeit, in der Fremdenhass, Nationalismus, Populismus und „Reichsbürgertum“ zum guten Ton gewisser Schreihälse gehören, ist es wichtiger denn je, dass die schrecklichen und unmenschlichen Taten der Hitler-Clique und ihrer Helfershelfer nicht in Vergessenheit geraten. Anne Frank ist in „A Small Light“ nur eine von acht Personen, die sich fast genau zwei Jahre lang in ein 60 Quadratmeter kleines Versteck zwängten, um der Deportation in eines der Horror-KZs der Nazis zu entgehen.
Ein kleines Licht, ein Funken der Hoffnung war es, der diese Menschen am Leben hielt, das sie in Liebe und Vertrauen aneinanderband. Als die Franks, die Familie Pels sowie Fritz Pfeffer am 4. August 1944 verhaftet und verschleppt wurden, erlosch das Licht und sieben Menschen starben einen sinnlosen, grausamen Tod. Nur Otto Frank überlebte, die Tagebücher seiner Tochter befanden sich in der Obhut von Miep Gies. Insofern wurde es mehr als Zeit, dass die Geschichte dieser vorbildhaften, mutigen Frau endlich in einer hochwertig produzierten Serie gewürdigt wird.
Das ist nun endlich geschehen. „Ein Funken Hoffnung - Anne Franks Helferin“ ist einfühlsam, hochdramatisch und routiniert inszeniert. Die dramaturgischen Entscheidungen erweisen sich als goldrichtig, die schauspielerischen Leistungen können sich sehen lassen und die Ausstattung ist um historische Akkuratesse bemüht. Prädikat: wertvoll und sehenswert.
Viereinhalb von fünf Punkten.
Hier ist abschließend noch der Originaltrailer zur Serie „A Small Light“ aka „Ein Funken Hoffnung“:
Verfasser: Reinhard Prahl am Dienstag, 2. Mai 2023A Small Light 1x01 Trailer
(A Small Light 1x01)
Schauspieler in der Episode A Small Light 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?