Big Love 5x10

Am Ende ist es nicht seine Religion oder die Verstrickung mit Juniper Creek, die Bill Henrickson das Leben kostet, auch nicht das politische Amt, das so sehr an seiner Familie gezerrt hat. Es ist ein scheinbar willkürlicher Akt eines geistig verwirrten Mannes: Nachbar Carl erschießt ihn auf offener Straße.
In der Big Love-Episode When Men and Mountains Meet steuern die Henricksons zunächst auf so eine Art Happy End für alle hin: Bill (Bill Paxton) hat im Senat eine Diskussion um die Legalisierung von Polygamie angestoßen und damit Scharen von Juniper-Creek-Bewohnern bewogen, sich ihm in seiner neuen Kirche anzuschließen. Bei der Ostermesse scheint die Familie ihre zahlreichen Konflikte vorübergehend ruhen zu lassen. Dass dem Patriarchen bis zu 20 Jahre im Gefängnis drohen, spielt plötzlich keine Rolle mehr, denn die Henricksons sind wieder vereint - das ist der Punkt, an dem man bereits ahnen konnte, dass dies nicht das Ende sein kann.
Carls (Carlos Jacott) Wut kommt nicht aus heiterem Himmel - er glaubt, Bills Familie hätte das Ende seiner Ehe verschuldet und ihn entmannt -, die Radikalität seiner Tat schon. Doch dass etwas passiert, hat sich schon länger angedeutet. Wie ein roter Faden zieht sich die Bedrohung von vielen Seiten nicht nur durch die finale, sondern im Grunde durch alle Staffeln. Bills Ableben als Ende der fünfjährigen Erzählung war unvermeidlich. Hätte Alby (Matt Ross) an Carls Stelle den Abzug gedrückt, könnte man gar sagen, sein Tod sei konsequent vorbereitet worden.
Die letzten paar Episoden haben nämlich gezeigt, wie sehr sich der Humbug aus dem Vorjahr - allem voran Bills Streben nach dem Senatorenamt - ausgezahlt hat. Indem die Figuren ins Licht der Öffentlichkeit geschubst werden, konnte „Big Love“ ihre Charakterzüge unter gänzlich anderen Bedingungen erkunden und einige von ihnen mehr hervorheben als das je im behüteten Innern der drei Henrickson-Häuser möglich war.

Barb (Jeanne Tripplehorn), Nicki (Chloë Sevigny) und Margene (Ginnifer Goodwin) finden nach und nach zu einem neuen Selbstverständnis, weg von der oftmals durchscheinenden Unterwürfigkeit ihrem Priesthoodholder gegenüber. Auf ihre Weise entdecken sie - „endlich!“, möchte man als langjährige Zuschauerin rufen - ihre feministische Seite.
Für Barb führt der Weg über viele Kleinigkeiten vom Tanzkurs über das abendliche Glas Wein hin zum Streben nach der Priesthood. Sie ist darin ebenso hin- und hergerissen wie „Margene without borders“ (Nicki), die Mutter, Ehefrau, Geschäftsfrau und jetzt auch noch Weltenretterin sein möchte. Sogar Nicki darf sich allmählich von ihrem neidischen, exzentrischen Selbst emanzipieren und für ihre Überzeugungen kämpfen, wenngleich sie dabei immer die geradezu schizophrene Frau bleibt, die einerseits vollkommen in der Polyagmie aufgeht und dennoch ihren Ehemann am liebsten für sich hätte.
„I'm spiteful and jealous and mean“, gesteht sich Nicki im Finale ein. „I know“, entgegnet Barb. „No, I really am!“ - „I know…“ Ein Dialog, der nicht nur Nickis gerade erst beginnende Aufarbeitung ihrer Vergangenheit und deren psychologische Folgen verdeutlicht, sondern vor allem das, was die fiktive Familie Henrickson stets ausmachte: Ehrlichkeit und Kompromisse. Wie in jeder anderen Familie auch.
Unter dem Mantel der Polygamie
Insofern hat die finale Episode von „Big Love“ - so krude der Vergleich zunächst auch klingt - etwas vom Lost-Serienfinale. Die seit Staffel eins erzählte tieferliegende Geschichte über Menschen im Spannungsfeld zwischen Staat, Polygamie und deren unrechtmäßigen Auswüchsen, sie verblasst angesichts dessen, worum es im Kern eigentlich geht und immer ging: die Henricksons, eine ungewöhnliche Familie, die mit ihrer Liebe zueinander alle Herausforderungen meistert. Ganz wie bei „Lost“, wo die Insel nur Mittel zum Zweck ist.
In „Big Love“ sind es Gott und Religion, doch tatsächlich geht es um den Moment und die Menschen, mit denen man ihn verbringt. Die Probleme normaler Menschen, sei es der Kampf mit der eigenen sexuellen Identität oder eine ungewollte Teenie-Schwangerschaft, wurden durch den Kontext der Polygamie bloß verstärkt. Darauf deuten so viele kleinere und größere Dinge hin - nicht nur, aber besonders in den letzten Minuten der Serie.
Frank (Bruce Dern) und Lois (Grace Zabriskie) etwa sind in der finalen Staffel plötzlich so vertraut. Als er am Ende Sterbehilfe leistet und ihr für ihre letzten Atemzüge mit nostalgischen Geschichten Gesellschaft leistet, ist das nicht mehr dasselbe Paar, das sich vor nicht allzu langer Zeit noch gegenseitig umbringen wollte. Die Autoren haben die Polygamie entfernt und die darunter liegende Beziehung der Charaktere entblößt.
Auch dass die Geschichte von Alby und Adaleen (Mary Kay Place) nicht zu Ende erzählt wird und wir Alby gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, ist enttäuschend, dürfte aber demselben erzählerischen Ziel dienen. Wir erfahren nicht, was aus dem Compound wird oder ob es einen neuen Propheten gibt, weil es schlussendlich keine Relevanz hat. Wenn man das Finale von Big Love auf diese Weise interpretiert, kann man darüber hinwegsehen, wie viele Wendungen einem runden Ende zuliebe erzwungen wurden.
Ohne die ein oder andere erzählerische Ungenauigkeit wäre wohl auch die Wandlung des weiblichen Trios nicht mehr gelungen, die das Finale auf einer bittersüßen Note enden lässt. Bills Toleranz für den ungewohnten Freiheitswillen seiner Ehefrauen kommt etwas plötzlich; zu oft hat er aller Liebe für seine Familie zum Trotz fanatische Züge gezeigt, wenn es um die in seinem Glauben klassische Rollenverteilung geht.
Amen
Wie die strafrechtliche Verfolgung zeigt, ist Justitia blind und erkennt nicht die Kraft, die diese Charaktere aus ihrer ungewöhnlichen Familie ziehen. Doch in „Big Love“ ist die Welt ebenso wie in der Realität nicht schwarz oder weiß, das war sie nie. Sicher, man kann Polygamie und die mormonische Religion ablehnen und konnte stets den Kopf schütteln, wenn Bill Henrickson mit abonniertem kirchlichen Sündenerlass von Bett zu Bett hüpfte.
Doch das Zusammenspiel der Darsteller war zu gut, als dass man sich nicht irgendwann in ihre Welt hineinziehen ließ. Selten hat eine Serie den Zuschauer dazu gebracht, seine spirituellen Überzeugungen zu hinterfragen oder zumindest seinen Blick für abwegig scheinende Möglichkeiten zu öffnen. Bis zum Schluss.

Mit ihren letzten Drehbuchblättern vermitteln uns die Autoren, dass Polygamie Frauen zwar nicht automatisch zu Sklaven macht, doch allemal Abhängigkeiten schafft, die mit einem modernen Frauenbild nicht zu vereinbaren sind. Insofern ist Bills Tod eine Art Befreiungsschlag, der Katalysator für eine weitgehend gelungene Vollendung der Transformation der Henrickson-Damen.
Bill oder kein Bill: Die Sister Wives bleiben einander treu, darin erweisen sich die Autoren als äußerst konsequent. Wer die innige Umarmung der drei allerdings bereits für das Happy End hält, irrt. Emanzipation heißt nicht Superiorität oder dass man nicht auch stark sein kann in einer Beziehung. „Big Love“ rettet das mit der wohl kitschigsten Szene der ganzen Serie: Wir sehen Bill ein letztes Mal, quasi im Geiste - wissend, dass die vier irgendwann wieder vereint sein werden. Amen.
Verfasser: Carolin Neumann am Montag, 21. März 2011(Big Love 5x10)
Schauspieler in der Episode Big Love 5x10
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